Julian Rosefeldts Manifesto – Videoinstallation auf der Ruhrtriennale

Cate Blanchett und die Suprematisten

Die Ruhrtriennale zeigt noch bis 24. September 2016 in der Duisburger Kraftzentrale Julian Rosefeldts ebenso komplexe wie komische Videoinstallation „Manifesto“.

Manifesto, Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto/Rechte: Anna Westphal / RuhrtriennaleManifesto, Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto/Rechte: Anna Westphal / Ruhrtriennale.

Zitate aus mehr als 50 künstlerischen Manifesten – von Marinettis futuristischem Manifest (1909) bis Elaine Sturtevants appropriativistischer Rede (2004) – nimmt sich der in Berlin lebende Videokünstler Julian Rosefeldt. Die collagierten Texte lässt er von der Verwandlungskünstlerin und Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett in kunstfernen Kontexten ausagieren. Die Blanchett ist ein Obdachloser, der situationistische Parolen mit einem Megaphon in die Stadtlandschaft ruft, eine Puppenspielerin, die surrealistische Aussagen mit ihrer Puppe verhandelt (die wiederum Cate Blanchett vorstellt), sie ist eine Lehrerin, die ihre Grundschüler mit Auszügen aus filmtheoretischen Manifesten unterweist.

Ein 4 Minuten langes Intro und zwölf dieser 10½ Minuten langen Episoden werden auf die großen Projektionswände geworfen, die jetzt in die mächtige Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord gehängt sind. Man sollte also etwas Zeit mitbringen für diese Installation. Die Filme sind nicht untertitelt und Cate Blanchett spricht in verschiedenen englischen Sozio- und Dialekten – nicht immer einfach zu verstehen, ein eingangs verteiltes Booklet mit allen Texten in deutscher Übersetzung hilft. Man muss aber auch nicht alles verstehen oder sich mit kreationistischen oder estridentistischen Theorien auskennen, um diese Arbeit mit erheblichem Vergnügen zu sehen.

„Das Sublime ist jetzt.“

Julian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Situationismus, Cate Blanchett als Odachloser. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-KunstJulian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Situationismus, Cate Blanchett als Odachloser. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-Kunst.

Was passiert also, wenn man das Pathos, das dem Manifest gemeinhin eignet, in Alltagssituationen erdet? Was bleibt übrig vom großen Postulat und Appellativ der Manifeste, wenn man sie in einen fremden Sprachduktus überführt?

Zunächst einmal bleiben sehr komische Dissonanzen, wenn etwa die tränenerstickte Rede auf einer Trauerfeier aus dadaistischen Unverschämtheiten besteht oder das andächtige Tischgebet vor Sonntagsbraten einer großbürgerlich-bigotten Familie Claes Oldenburgs I am for an Art zitiert:

Ich bin für Kunst, die man sich an- und auszieht wie Hosen, die Löcher kriegt wie Socken, die man isst wie ein Stück Kuchen oder schmählich zurücklässt wie ein Stück Scheiße.

Julian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Konzeptkunst / Minimalismus,  Cate Blanchett als Nachrichtensprecherin. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-KunstJulian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Konzeptkunst / Minimalismus, Cate Blanchett als Nachrichtensprecherin. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-Kunst.

Und wenn die Nachrichten-Anchorwoman Positionen der Konzeptkunst verlautbart und mit einer wettergeplagten Außenreporterin in einer Schalte klärt, ist das ein humoristisches Kabinettstückchen. Beide sprechen sich übrigens als Cate an:

Nun ja, Cate, […] Logik kann dazu benutzt werden, die eigentliche Absicht des Künstlers zu verschleiern, den Betrachter in dem Glauben zu wiegen, er verstünde die Arbeit, oder auf eine Paradoxie – wie Logik versus Alogik – schließen zu lassen. Cate?

Das Verhältnis zwischen filmischer Repräsentation und Text der Manifeste erschöpft sich aber nicht in einem einfachen komischen Dementi. Die futuristischen Manifeste etwa, die die „Schönheit der Geschwindigkeit“ feiern und mit Gewaltrhetorik den Fortschritt, die Aktion und die Rücksichtslosigkeit propagieren, mag man in der Figur der Börsenmaklerin ebensosehr repräsentiert sehen wie sie durch die schleichende Kamerafahrt über Arbeitsplätze einer Börsenhalle und die in Zeitlupe agierenden Händler kontrastiert werden.

„Kunst erfordert Wahrheit, nicht Wahrhaftigkeit“

Julian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Kreationismus / Estridentismus, Cate Blanchett als Tätowierte Punkerin. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-KunstJulian Rosefeldt: Manifesto. Filmstill. Kreationismus / Estridentismus, Cate Blanchett als Tätowierte Punkerin. Rechte: Julian Rosefeldt / VG Bild-Kunst.

Julian Rosefeldt, geboren 1965 in München, lebt und arbeitet seit 1999 in Berlin. Auf der Ruhrtriennale war er bereits 2015 mit seiner Filminstallation In the Land of Drought vertreten.

Manifesto – eine Koproduktion der Ruhrtriennale mit australischen Kultur­einrichtungen, mit den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Sprengel Museum Hannover und dem Bayerischen Rundfunk – wurde Ende 2015 / Anfang 2016 bereits in Melbourne gezeigt und ist derzeit parallel im Berliner Hamburger Bahnhof, im Sprengel Museum Hannover und eben auf der Ruhrtriennale zu sehen.

Die Installation in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord ist bis 24. September 2016 regelmäßig von Di-So zu sehen, bleibt aber am 6. und 7. September sowie vom 12. bis 15. September geschlossen (weitere Informationen auf der Site der Ruhrtriennale, wo man sich auch das Programmheft mit den deutschen Übersetzungen herunter ziehen kann). Die 5 Euro Eintritt sind ausgesprochen gut investiertes Geld.

Julian Rosefeldt: Manifesto. 13-Kanal-Filminstallation. D: Cate Blanchett. Duisburg, Kraftzentrale: 13. August – 24. September 2016.