Julian Barnes, Lebensstufen / Levels of Life

Die Sünde der Höhe und der Verlust der Tiefe

Julian Barnes erzählt in „Lebensstufen“ (Levels of Life) von abstürzenden Ballonisten und den Abstürzen der Liebe, vom Tod und von der Trauer: Ein sehr bewegendes Buch.

Julian Barnes, Levels of Life, Cover. Rechte: Jonathan CapeJulian Barnes, Levels of Life, Cover. Rechte: Jonathan Cape.Drei, sehr unterschiedliche Kapitel hat dieser schmale Band auf knapp 120 Seiten (in der deutschen Ausgabe sind es etwas mehr): Eine historische Skizze aus der Frühzeit der Luftfahrt und der Photo­graphie, die Erzählung von einer ungleichen Liebe, ein autobiographischer Essay über das Sterben und das Leid des Über­lebenden. Die Sünde der Höhe, Auf gleicher Ebene, Der Verlust der Tiefe. Der dritte und längste Teil ist der, um den es eigentlich geht.

Man darf in diesem Fall eine Grundregel der literarischen Lektüre zunächst beiseite sortieren und das Ich der Rede mit dem Autor gleichsetzen. Julian Barnes’ Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, stirbt im Herbst 2008 an den Folgen eines Hirn­tumors. Dreißig Jahre sind die beiden zusammen gewesen, siebenunddreißig Tage bleiben zwischen Diagnose und Tod. Auf dem Schutzumschlag der englischen Originalausgabe ist sie zusammen mit ihrem Mann abgebildet – als postume Co-Autorin.

Die Exaktheit des Leids

Im Kondolenzbrief schreibt eine Freundin: „Die Sache ist die: Die Natur ist so ungeheuer exakt. Es schmerzt genau so sehr wie es wert ist. Im gewissen Sinne also genießt man das Leid, denke ich. Wenn es keine Bedeutung gehabt hätte, wäre es ohne Bedeutung.“ Das habe er als tröstlich empfunden, schreibt Barnes, auch wenn er zunächst bezweifelt habe, dass er jemals diesen Schmerz genießen könne. Zuletzt aber erscheine er zumindest nicht länger als sinnlos: „Der Schmerz zeigt, dass du nicht vergessen hast; der Schmerz erweitert die Fülle der Erinnerung; der Schmerz ist ein Beweis der Liebe.“

Von diesem Schmerz kann man nicht unmittelbar sprechen, nur die großen Wörter stehen bereit: „Tod, Trauer, Schmerz, Erschütterung, Leid“. Aber diesseits der großen Wörter und jenseits des Jargons der Trauerratgeber? Zwei Probleme macht Barnes aus: Die alten Mythen und Metaphern funktionieren nicht länger, man könne nicht mehr Orpheus und Euridike sein. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Schlimmer ist aber ohnehin das zweite Problem: Die Trauer zerstöre die Bedeutungsmuster und Sinnzusammenhänge, die Grundlage des Erzählens, zerstöre vielleicht sogar den Glauben, dass es solche Muster überhaupt gibt. Und ohne diesen Glauben könne man nicht leben. Es gelte also, diese Muster wieder zu finden oder neu zu erfinden und nach dem Verlust der alten Metaphern, neue zu schaffen. Und damit sind wir am Anfang der Geschichte.

Die Sünde der Höhe (The Sin of Height)

Honoré Daumier, Nadar Élevant la Photographie à la Hauteur de l'Art. Brooklyn Museum. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia CommonsHonoré Daumier, Nadar Élevant la Photographie à la Hauteur de l'Art. Brooklyn Museum. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.Barnes beginnt seine Muster- und Metaphern­suche mit einer historischen Skizze zur Geschichte der Luftfahrt in der frühen Moderne. Damals machen sich Amateure und Profis in den Körben von Gas- und Heißluftballons daran, die „Sünde der Höhe“ oder der Selbstüberhebung aufzuheben und in den bislang für Gott reservierten Raum des Himmels einzudringen.

Im Mittelpunkt steht Félix Tournachon, unter dem Pseudonym Nadar der berühmteste Photograph im Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er unternimmt es, ab 1858 aus einem Ballon Luftaufnahmen von Paris und seiner Umgebung zu machen und führt damit zwei Symboltechniken der Moderne zusammen, die Photographie und die Aeronautik: „Du packst zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammen gehörten. Und die Welt hat sich verändert“ – eine Wendung die sich in Variationen leitmotivisch durch das ganze Buch zieht.

Ballonisten leben gefährlich. Nadar selbst stürzt 1863 mit dem Riesenballon Le Géant ab, ein von ihm in Auftrag gegebenes Gefährt, das mehr als ein Dutzend Passagiere aufnehmen kann, mitsamt „Erfrischungsraum, Betten, einer Toilette, einem Fotolabor und sogar einem Druckereiraum, um sofort Erinnerungsbroschüren zu produzieren“. Es geht glimpflich ab, Nadar überlebt den Absturz bei Hannover leicht verletzt, nur ein Beinbruch. Schlechter ergeht es 1768 einem jungen Ballon­fahrer in Newcastle, der aus dem Korb geschleudert wird und aus mehreren hundert Fuß auf die Erde stürzt: „Der Einschlag trieb seine Beine bis zu den Knien in ein Blumenbeet, und seine gesprengten inneren Organe zerbarsten auf dem Boden“. Der Pionier der Heißluftballonfahrt, Pilâtre de Rozier, verunglückt 1785 beim Versuch als erster den Kanal von Frankreich aus zu überqueren, undsoweiter: „Sei es, dass sie abstürzen und verbrennen oder verbrennen und abstürzen.“

Auf gleicher Ebene (On the Level)

Nadar, Portrait der Sarah Bernhardt. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia CommonsNadar, Portrait der Sarah Bernhardt. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.Unter den Ballonisten und „Ballon­verrückten“ zu Nadars Zeit sind Sarah Bernhardt und Fred Burnaby. Die Bernhardt – die berühmteste Pariser Schauspielerin, Diva, Exzentrikerin und Sexsymbol – ist schon in jungen Jahren in Nadars Photo­studio. Barnes meint, da sei sie etwa zwanzig gewesen, ich glaube, dass sie sehr viel jünger war. Jedenfalls macht Nadar von der jungen Sarah sehr suggestive Portraits in irgendwie postkoitaler Inszenierung (letzteres wiederum von mir, nicht von Barnes). Später, als sie Star der Comédie française ist, genießt sie die spätabendliche Landpartie mit Ballon und den spektakulären Auftritt aus dem Himmel. Fred Burnaby ist Captain der Royal Army seiner Königin, Abenteurer, Reise­schriftsteller, Kriegsberichterstatter und balloonatic.

Barnes erfindet den Beiden eine Affaire. Aber Burnaby, mehr als nur angezogen von Bernhardts „Gradlinigkeit, dem Anerkennen des Begehrens und dem Unwillen, Zeit zu verschwenden“, will zu hoch hinaus oder genauer, sie am Boden festhalten, er verfällt ihr und seinen Illusionen mit Haut und Haaren („Hook, line and sinker“). „Jede Liebesgeschichte ist ein potentielles Trauerspiel. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal für beide“, weiß der Erzähler. Abstürze allenthalben.

Der Verlust der Tiefe (The Loss of Depth)

Die drei Kapitel entfalten einen sehr mächtigen Sog, das machen die Motiv- und Metaphernverschränkungen und auch ein erzähltechnischer Trick, eine erzähl­perspektivische Verschiebung: Vom neutralen Erzähler der historischen Skizze über das personale Erzählen der Liebesgeschichte bis hin zur Ich-Perspektive des Essayisten, des Hinterbliebenen. Und diese Bewegung nimmt zugleich die Bewegung der Metaphern des Vertikalen auf, das ist handwerklich meisterhaft.

Du packst zwei Leute zusammen, die vorher nicht zusammen gehörten. Manchmal ist das wie dieser erste Versuch, aus einem Gasballon eine Ballonbombe zu machen: Ist es dir lieber, abzustürzen und zu verbrennen oder zu verbrennen und abzustürzen? Aber manchmal funktioniert es, und etwas Neues entsteht, und die Welt ist anders. Dann, irgendwann, früher oder später, aus diesem oder jenem Grund, wird einer von beiden weggenommen. Und das, was weggenommen wird, ist größer als die Summe dessen, was da war. Das mag mathematisch unmöglich sein, gefühlsmäßig ist es möglich.“

Der, der übrig bleibt, der Erzähler oder Barnes, mobilisiert die Metaphern und Muster der ersten beiden Kapitel für seinen Essay, ein sehr fragender Essay, der präzise Beobachtungen und kluge Selbstreflexion mit einem naturgemäß düsteren Humor verbindet.

Es geht um die Wut auf die Gleichgültigkeit der Welt, die Wut auf Freunde mit ihrem Unvermögen, das Richtige zu sagen oder zu tun. Es geht um den Verlust der Zukunft (und der Tiefe in der Gegenwart), um die Erinnerung und ihren Verlust. Es geht um die Einsamkeit, die Gespräche mit der Toten und das Zusammensein in nächtlichen Träumen. Es geht um Gedanken an die Selbsttötung und die Gefährdungen der Trauer („Selbstmitleid, Rückzug, Weltverachtung, ein geltungssüchtiger Exzeptio­nalismus: Alles Aspekte der Eitelkeit“). Und es geht um die Frage, wann kommt man „darüber hinweg“ und was soll das überhaupt sein, dieses Darüberhinwegkommen. Und natürlich geht es um die Liebe.

Das ist sowohl von literarischen Meisterschaft, als auch von einer mitunter schlichten und ungeschützten Aufrichtigkeit, die sehr ergreifend ist. Es ist schon so: „Wir sind schlecht im Umgang mit dem Tod, dieser banalen, einzigartigen Sache“. Julian Barnes macht daraus ein Stück bewegender Literatur.

Julian Barnes, Lebensstufen, Cover. Rechte: Kiepenheuer&WitschJulian Barnes, Lebensstufen, Cover. Rechte: Kiepenheuer&Witsch.Julian Barnes, Jahrgang 1946, zählt zu den renommiertesten Schriftstellern Englands. Mit Flauberts Papagei landet er 1985 einen ersten internationalen Erfolg, seine Novelle Vom Ende einer Geschichte sammelt 2011 den Booker Preis ein. Am 9. Februar 2015 erscheint Gertraude Kruegers deutsche Übersetzung von Levels of Life unter dem Titel Lebensstufen bei Kiepenheuer & Witsch.

Julian Barnes: Levels of Life. London: Jonathan Cape, 2013. Lebensstufen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015.

Hinweis: Die provisorischen Übersetzungen der Zitate im vorstehenden Text sind nicht der Übertragung von Gertraude Krueger entnommen, sondern sind von mir; Kruegers Übersetzung liegt mir noch nicht vor, ist aber sicher deutlich besser als meine Übersetzungsversuche.