Juha Jokelas Fundamentalist im Theater Aachen

Neues aus der christlichen Jugendfreizeit

Anne Lenk inszeniert in der Aachener Kammer die deutschsprachige Erstaufführung des finnischen Erfolgstücks Fundamentalisti (2006). Das mit dem Nordischen Dramatikerpreis ausgezeichnete Kammerspiel erzählt mit allerdings sehr schlichter Moral von menschlichen Verfehlungen und den menschlichen Abgründen des religiösen Fundamentalismus.

Szenenfoto: Der Fundamentalist. Foto: Wil van Iersel, Rechte: Wil van Iersel / Theater AachenEin Vortrag oder auch eine Pressekonferenz mag das sein, jedenfalls legt Pfarrer Markus dem Publikum eine öffentliche Beichte ab über diese Sache mit Heidi. Die war immerhin achtzehn Jahre alt, er neunundzwanzig, als er sie auf der christlichen Jugendfreizeit begrabscht hat. Zwanzig Jahre später ist er zu einer reformchristlichen Berühmtheit geworden, tritt in Talkshows auf, schreibt kirchenkritische Bestseller. Heidi, die sich inzwischen in einer konservativen Sekte verloren hat, sucht ihn auf, vielleicht um ihn zum rechten Glauben zu bekehren, vermutlich weil sie ihrer Wahrheiten nicht mehr sicher ist, gewiss aber weil die Sache von damals unerledigt geblieben ist.

Die Folgen werfen eingangs im weißen, von Halina Kratochwil eingerichteten Bühnenkasten drei Overhead­projektoren an die Wand: Zeitungsausrisse, in denen die Bildzeitung „Skandalpfarrer“ titelt und der Express: „’Ich bin Satans Werkzeug’“. Die Projektoren und Farbfolien taugen späterhin als Notizzettel, Zeichenfläche, projizieren Interieurs und Schattenspiele. Das hat etwas sehr spielerisch Rührendes, irgendwie Jugend­freizeitmäßiges.

„Der Fundamentalismus funktioniert nicht“

Leider ist auch die Moral der Geschichte von irgendwie jugendfreizeit­mäßiger Schlichtheit. Religiöse Schwärmerei hat was mit Sexualkonflikten zu tun und der Fundamentalismus ist eine ziemlich verfehlte Sache:

Es gibt nicht die Achse des Bösen oder die Achse des Guten. Der Fundamentalismus funktioniert nicht, weil die Wahrheit weder schwarz noch weiß ist. Sondern beides gleichzeitig.

So heißt es im Stück und so kann man das mit dem Programmheft auch weiß auf rot nach Hause tragen.

Szenenfoto: Der Fundamentalist. Foto: Wil van Iersel, Rechte: Wil van Iersel / Theater AachenDiese Schlichtheit mag mit einem Konstruktionsproblem des Stücks zusammen hängen: Die beiden Figuren sind intellektuell und in ihren emotionalen Defiziten in keiner Weise gleichwertig (erst am Ende stellt sich ein Gleich­gewicht des Schreckens ein). Das hat zwar eine gewisse Logik, weil ich ja der Beichte dieses Pfarrers beiwohne, also nur seine Sicht der Story kenne – und ein Genie in Sachen Selbstreflexion und Wahrnehmung des Gegenübers ist er nicht. Aber diese Konstruktion entschärft natürlich den dramatischen Konflikt und schränkt den möglichen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf religiöse Fundamentalismen weitgehend ein. Da hilft es auch nicht, dass Pfarrer Markus Einsicht in seine eigenen Fundamentalismen gewinnt und in Sachen des versuchten Mißbrauchs Schutzbefohlener sich reuig zeigt.

Ausbaden muss diese Schieflage Julia Brettschneider als Heidi, die sich rollenbedingt, zumindest anfangs, ein wenig vom sonorig gewissensgeplagten Karsten Meyer als Pfarrer Markus an die Wände spielen lassen muss – gegen die sie dann zu Recht und ausgiebig tritt und schlägt.

Flott erzählt

Aber gleichviel, jenseits der Schlichtheit wird die Story in Rückblenden und sehr flott erzählt: Jokela (*1970), der für Fundamentalisti 2008 mit dem Nordischen Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, hat sein Handwerk als Drehbuchschreiber finnischer Comedy-Serien gelernt. Und die, erstmals in Aachen inszenierende Anne Lenk hat das Stück auf kurzweilige 90 Minuten reduziert und in sehr hübsche Bilder gefügt. Das Aachener Premierenpublikum jedenfalls hat das Stück sehr freundlich aufgenommen und Schauspielern, Regieteam und Autor ungeteilt und ausdauernd applaudiert.

Juha Jokela, Der Fundamentalist. R: Anne Lenk, B: Halina Kratochwil, D: Karsten Meyer, Julia Brettschneider. Theater Aachen. DE 12.11.2010. 90 min. o. P.

[Die von Wil van Iersel erstellten Szenenfotos sind vom Theater Aachen bereit gestellt. Die Rechte liegen beim Fotografen und dem Theater Aachen].