Jean Tinguely – Super Meta Maxi im Museum Kunstpalast Düsseldorf

Der Maschinenpoet

Das Museum Kunstpalast im Düsseldorfer Ehrenhof zeigt noch bis 14. August 2016 eine großartig bestückte Retrospektive auf das Werk des Schweizer Großmeisters der mechanisch-kinetischen Kunst: Jean Tinguely (1925-1991).

Jean Tinguely, Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987. © Fotograf: Christian Baur, Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle, Baur. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016Jean Tinguely, Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987. Eisenteile, Holzräder, Alutreppen, Vorhang, Karussellpferd, Tonvase von Ursi Luginbühl, Plastikblumen, Gartenzwerg, Elektromotoren, Mädchenfigur aus Terrakotta, innen mit PU-Schaum ausgeschäumt, mit rosa Farbe übergossen, 810 x 1683 x 887 cm. © Fotograf: Christian Baur, Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle, Baur. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Am 14. März 1959 besteigt Jean Charles Tinguely in Düsseldorf eine kleine Privat­maschine. Er ist für einige Wochen im Rheinland, die Galerie Schmela zeigt seit Anfang des Jahres seine erste Einzelausstellung in Deutschland. Der Plan: Über der Landeshauptstadt Tausende von Handzetteln abwerfen mit seinem Manifest „Für Statik“:

Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht. Lasst Euch nicht von überlebten Zeitbegriffen bescherrschen. Fort mit den Stunden, Sekunden und Minuten. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. SEID IN DER ZEIT – SEID STATISCH, SEID STATISCH – MIT DER BEWEGUNG. Für Statik, im Jetzt stattfindenden JETZT. […] Atmet tief, lebt im Jetzt, lebt auf und in der Zeit. Für eine schöne und absolute Wirklichkeit!

Ob Tinguely seinerzeit wirklich mit dem Flieger aufgestiegen ist und seine Handzettel über Düsseldorf abgeworfen hat, weiß man nicht.

Bald sechs Jahrzehnte später und 25 Jahre nach seinem Tod setzt jetzt jedenfalls der „poète des machines“ und Großmeister der kinetischen Kunst den Düsseldorfer Kunstpalast in Bewegung.

Umfassende Retrospektive

Jean Tinguely, o.T., 1954. © Foto: Christian Baur, Privatsammlung, Potsdam. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016Jean Tinguely, o.T., 1954. Dreifuss aus Eisen, Metallstäbe und -drähte, 9 verschiedenfarbige Metallelemente, Elektromotor, 78 × 60 × 48 cm. © Foto: Christian Baur, Privatsammlung, Potsdam. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Über 90 Einzelobjekte und Werkserien, dazu Entwürfe und Dokumente, Foto- und Videomaterial versammelt die in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam eingerichtete Schau.

Sie dokumentieren in thematischer Sortierung und grob chronologischer Ordnung die Vielseitigkeit von Tinguelys Arbeit: Die Kunst in Bewegegung naturgemäß, das Anhalten zum Do-it-yourself, seine Aktionen mit auto­destruktiver Kunst, die Bedeutung von Fundstücken und Kollaborationen für seine Arbeit, Aspekte des Absurden und des Spielerischen, von Tod und Vergänglichkeit in seinem Werk.

Ausgehend von Drahtskulpturen aus den 1950er Jahren, die an die Mobiles von Alexander Calder erinnern (Tinguely hat ihn sehr bewundert), bis hin zu letzten Arbeiten aus 1991 (La dernière Bascule), deckt die Ausstellung die gesamte Karriere Tinguelys ab.

Darunter sind sehr spektakuläre Leihgaben. Aus dem Tinguely Museum in Basel ist das monumentale, begehbare Großskulpturenfliewatüüt Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia von 1987 ebenso angereist wie die finster-skurrile Gruppe Mengele-Totentanz (1986) und das wahnwitzige Ballet des pauvres (1961). Die Collection Renault stellt seine – für mich schönste – Einzelmaschine bereit, das auf Chaplins Modern Times anspielende Seilradrelief Requiem pour une feuille morte (1967). Die Sammlungen Würth und Ziegler und das Tinguely Museum haben jeweils Exemplare aus der Serie der Philosophen (1988) ausgeliehen.

Steampunk mit Ruhepausen

Von diesen Kunstmaschinen geht etwas berührend Nostalgisches und Steam­punkiges aus. Nach dem Ende des mechanischen Zeitalters sind sie nicht mehr wirklich im Jetzt unterwegs, sondern erinnern sich an ihre Zeit. Und das liegt nicht zuallererst an den Materialien. So eigenwillig ihre Aktionen scheinen, einen eigenen Willen haben sie nicht. Sie warten stets darauf, dass ein Tritt auf den roten Buzzer sie in Bewegung setzt.

Schilder informieren in der Düsseldorfer Ausstellung über konservatorisch angeratene Ruhepausen, 5 Minuten, 15 Minuten, dann erst wieder kann ein Mensch sie mit dem Buzzer starten. Was aber andererseits ein hübsches Gerenne in der Ausstellung gibt, wenn nach einer Viertelstunde endlich wieder das Ballet des pauvres oder das Requiem pour une feuille morte einsetzt.

Mengele-Totentanz

Jean Tinguely, Mengele-Totentanz, 1986. Museum Tinguely, Basel - Ein Kulturengagement von Roche. ©Foto: Christian Baur, Museum Tinguely, Basel - Ein Kulturengagement von Roche. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016Jean Tinguely, Mengele-Totentanz, 1986. Museum Tinguely, Basel – Ein Kulturengagement von Roche (Bestehend aus 14 Einzelobjekten: Mengele (Hoch-Altar) mit den vier Ministranten Bischof, Gemütlichkeit, Schnapsflasche, Television – Totentanz, Teil einer Maispressmaschine der Firma Mengele (Augsburg), angebranntes Holz, Spitzenstoff, schwarzes Band, Nilpferd-Schädel (Hippopotamus amphibius), Eisenteile, Gummirollen, Elektromotoren; Bischof: Motorsäge, Gewehrlauf eines Schweizer STGW 54; Gemütlichkeit: Kette, Fleischwolf, Grabkreuz, Plastikschlauch, Eisenteile, Elektromotor; Schnapsflasche: Eisenräder und Achse einer Schubkarre, Klumpen verschmorten Plastiks, Eisenfeder und -teile, Elektromotor; Television: Gehäuse eines Fernsehers, Eisenkette, Drahtseil, Eisenteile, Elektromotor. Bischof: 210 × 150 × 130 cm; Gemütlichkeit: 123 × 44 × 30 cm; Schnapsflasche: 120 × 66 × 60 cm; Television: 154 × 120 × 100 cm). ©Foto: Christian Baur, Museum Tinguely, Basel – Ein Kulturengagement von Roche. © Jean Tinguely/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Den Schluss der Ausstellung macht Tinguelys wunderbares Spätwerk von 1986: Mengele-Totentanz. Ein abgedunkelter Gang führt hinüber in den letzten Saal, in dem die vierzehnteilige Installation aufgebaut ist, Maschinen aus Tiergebeinen, Wohlstandsmüll, den Überresten von Landwirtschafts­maschinen, darunter solche der Firma Mengele. Sie stammen aus einem fürchterlichen Bauerhof­brand in Tinguelys Nachbarschaft 1986.

Eigentlich gehört das Ding, das auf das Vokabular christlicher Kulte zurück greift, in einen sakralen Raum – so wie 1987 als es im Rahmen der venezianischen Tinguely-Restrospektive in der Chiesa di San Samuele aufgebaut war. Aber auch im eher nüchternen Museumssaal entfaltet das finstere Todesballett und sein Schatten­spiel enorme Wirkung.

Der Katalog

Die Ausstellung wird ab Herbst dann im Stedelijk Museum Amsterdam zu sehen sein, wie man aber hört, ohne die Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia, der Platz im Stedelijk Museum reicht nicht aus.

Der Katalog ist bei Walther König in deutscher und englischer – demnächst auch nieder­ländischer – Fassung erschienen und kostet in der (deutschen) Museums­ausgabe 34,80 Euro für 248 Seiten, hat aber nicht die übliche Qualität von Katalogen zu Ausstellungen des Museum Kunstpalast. Die Abbildungen sind deutlich substandard, es gibt keine Biblio­graphie oder taugliche Chronologie und auch keine beigefügte DVD mit Video­dokumentationen (was bei kinetischer Kunst doch sehr unbeweglich wirkt).

Jean Tinguely. Super Meta Maxi. K: Margriet Schavemaker, Barbara Til, Beat Wismer. Düsseldorf, Museum Kunstpalast, 23. April – 14. August 2016 / Amsterdam, Stedelijk Museum, 1. Oktober 2016 – 5. März 2017.