Internationale Opernstatistik

Verdi vor Berlin und Wien und La bohème

Mit den Zahlen der Online-Datenbank „Operabase“ kann man sich prima die Zeit vertreiben. Mehr als ein Drittel aller Opernaufführungen weltweit geht demnach in Deutschland über die Bühne. Die größte Operettendichte ist indes für Baden bei Wien zu verzeichnen. Und Verdis „Traviata“ wird deutlich häufiger inszeniert als Puccinis „Bohème“.

Impressionen aus Schauspielhaus und Opernhaus Köln, Zuschauerraum Oper. Architekt: Wilhelm Riphahn. Foto: Elke Wetzig/CC-BY-SA.Impressionen aus Schauspielhaus und Opernhaus Köln, Zuschauerraum Oper. Architekt: Wilhelm Riphahn. Foto: Elke Wetzig/CC-BY-SA.

Zugegeben, ich bin seit jeher ein Freund randständiger statistischer Aufstellungen, Listen und Rankings. Wenn man sich klar macht, dass Statistiken eigentlich nie das bedeuten, was sie vorgeben zu bedeuten, dass sie die Komplexitätsreduktion von Welt auf ein Maß treiben, das das Denken nur in die Irre und vernünftiges Handeln nur missleiten kann – wenn man sich das stets klar vor Augen führt, dann sind Statistiken ein ganz wunderbarer Zeitvertreib.

Sehr hübsches Material dafür bietet operabase.com. Die 1996 vom englischen Opernliebhaber Mike Gibb als Hobbyprojekt begonnene Datenbank und Website verzeichnet heute Daten zu mehr als 300.000 Opernaufführungen weltweit aus den letzten anderthalb Jahrzehnten. Und sie bietet seit knapp drei Jahren auch statistische Auswertungen nach Aufführungsort, Komponist und Werk an. Die Zahlen sind augenscheinlich etwas fehlerhaft und gewiss nicht wirklich vollständig, aber für den groben Überblick wird’s reichen.

Deutschland Opernweltmeister

Fangen wir mal geographisch an. Die Operabase verzeichnet über 21.000 Opernaufführungen weltweit für die Session 2011/12. Mehr als ein Drittel davon waren in Deutschland zu sehen (7.762 — Operabase kommt auf 7.811, aber das gelingt nur dadurch, dass dort Biel seltsamerweise zu Deutschland gezählt wird und vier Wiener Aufführungen ebenfalls einer deutschen Kleinstadt namens Wien zugeordnet werden). In der Rheinprovinz gab es 1.226 Opernaufführungen, also knapp 6% der Weltopernproduktion. Nach Ländern:

1. Deutschland 7.762
2. USA 1.860
3. Österreich 1.429
4. Frankreich 1.279
5. Italien 1.249
Rheinprovinz 1.226
6. Großbritannien 1.030

Nimmt man die Zahlen und verrechnet sie auf die Einwohner der Opernstaaten, liegt erwartungsgemäß Österreich ganz vorne mit 171 Opernaufführungen pro Million Einwohner, vor — und das hat mich dann doch überrascht — Estland mit 103 und Deutschland mit 95,5 Oa/E. Island schafft es auf Rang sieben und Luxemburg auf Rang zehn mit jeweils 15 Aufführungen absolut, was 47 bzw. 30 Aufführungen pro Million Einwohner ergäbe, wenn es denn so viele Menschen in Island und Luxemburg hätte. Dass Japan mit 0,9 Oa/E Schlusslicht ist und China nicht auftaucht, liegt gewiss an einer etwas eurozentrischen Definition des Begriffs Oper und lückenhaftem Datenmaterial für die Opernhäuser im asiatischen Raum.

„The most operatic City is …“

Berlin, Staatsoper, Außenansicht (vor Sanierung, 2007). Foto: jvf.Den Lorbeer für die opernaffinste Stadt weltweit („most operatic city“) müssen sich Berlin und Wien teilen. Aus der Rheinprovinz schafft es keine Stadt unter die Top 10 (auch nicht, wenn man die Deutsche Oper am Rhein zusammenzählt oder Köln/Bonn fusioniert). Die Zahlen von Operabase (Wien korrigiert):

weltweit Rheinprovinz
1. Berlin 569
Wien 569 15. Köln 185
3. London 416 23. Düsseldorf 136
4. Paris 392 30. Koblenz 123
5. Prag 368 37. Aachen 114
6. New York 357 48. Duisburg 105
7. Moskau 352 52. Essen 103
8. München 334 68. Bonn 90
9. Dresden 327 77. Trier 83
10. Hamburg 281 89. Wuppertal 76

Gar nicht uninteressant ist ein Clustering nach Metropolregionen: Hier liegt die — wenn ich recht sehe, deutlich unterschätzte — Metropolregion „Mitteldeutschland“ noch vor „Rhein-Ruhr“. Die Zahlen (nur Deutschland):

Mitteldeutschland Dresden, Erfurt, Halle, Chemnitz, Leipzig u.a. 1.137
Rhein-Ruhr Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Bonn u.a. 1.097
Berlin-Brandenburg Berlin, Cottbus, Potsdam u.a. 648
Hamburg Hamburg, Lübeck, Lüneburg u.a 494
München München, Augsburg u.a. 457
Rhein-Main Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz u.a. 451

In Relation zur Einwohnerzahl dürfte indes Baden bei Wien weltweit Spitze sein: 259 Einwohner teilen sich hier eine Aufführung, müssen aber fast ausschließlich mit Operetten Vorlieb nehmen. Im beachtlichen Meiningen (Thüringen) kommen bereits 420 Einwohner auf eine Aufführung.

Komponisten

Weniger spektakulär sind die Zahlen, die Operabase über aufgeführte Komponisten und ihre Werke anbietet. Basis sind hier nicht die Aufführungen der letzten Session, sondern die Inszenierungen in den letzten fünf Jahren. Die meist inszenierten Komponisten sind demnach:

1. Verdi 3.020
2. Mozart 2.410
3. Puccini 2.294
4. Wagner 1.292
5. Rossini 1.045
6. Donizetti 853
7. Strauss 655
8. Bizet 654
9. Händel 598
10. Tschaikowsky 432

Der am häufigsten inszenierte Gegenwartskomponist ist Philipp Glass und kommt auf 69 Inszenierungen in den letzten fünf Jahren, gefolgt vom 2012 verstorbenen Hans Werner Henze (53). Die häufigst inszenierte Komponistin kommt aus Finnland und heißt Kaija Saariaho (18).

Werke

Insgesamt weiß Operabase von 2.588 Werken, die in den letzten fünf Jahren inszeniert worden sind. Die Top 10 bestreiten dabei über 20% der weltweiten Spielpläne (legte man die Anzahl der Aufführungen zu Grunde, wäre der Anteil der Topscorer an den Spielplänen sicher nochmal deutlich höher):

1. Verdi La traviata 629
2. Puccini La bohème 580
3. Bizet Carmen 573
4. Mozart Die Zauberflöte 571
5. Puccini Tosca 504
6. Mozart Le nozze di Figaro 494
7. Puccini Madama Butterfly 469
8. Rossini Il barbiere di Siviglia 465
9. Verdi Rigoletto 434
10. Mozart Don Giovanni 433

Unter den Top 200 finden sich auch zwei zeitgenössische Opern: Das Tagebuch der Anne Frank vom 2012 verstorbenen russischen Komponisten Grigori Frid (26 Inszenierungen) und Dead Man Walking des jungen US-Amerikaners Jake Heggie (17). Auf der anderen Seite gab es über 1.300 Opern, die keine zweite Aufführung in dem genannten Zeitraum erlebt haben, 430 kamen auf zwei Einrichtungen, 195 haben es immerhin auf drei gebracht.

Den Preis für den hübschesten Operntitel neuerer Werke muss ich dabei durch drei teilen: Manfred Stahnkes Wahnsinn, das ist die Seele der Handlung (Staatsoper Berlin, 2012), Sidney Corbetts Keine Stille außer der des Windes (Bremer Concordia, 2007) und Klaus Langs / Händl Klaus‘ Der Einfluss des Menschen auf den Mond (Staatstheater Braunschweig, 2011) hätten alleine wegen ihrer Titel Folgeinszenierungen verdient.