Hiroshi Sugimotos Weltuntergangsausstellung im Pariser Palais de Tokyo

Die Finsternis, ein ungeheures Vergnügen

Noch bis 7. September 2014 inszeniert Hiroshi Sugimoto im Pariser Palais de Tokyo 33 Visionen des Weltunter­gangs: „Aujourd’hui, le monde est mort [Lost Human Genetic Archive]“ kombiniert Fotoarbeiten, Endzeitarchitektur und ready-mades zu einer postapokalyptischen Installation.

Love Doll „Ange“. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 - 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.
Love Doll „Ange“. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 – 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.

Da ist zum Beispiel der Autohändler, der berichtet, dass in den 2060er Jahren die Menschheit in ihrem Wohlstandmüll erstickt sei, nicht mehr kontrollierbare Feuer, ausgehend von den großen Mülldeponien Sibiriens, hätten die Zivilisation ausgebrannt. Der Militär erinnert daran, dass zunächst der Einsatz von Chemie­waffen in einem marginalen Bürgerkriegskonflikt und sodann das Eingreifen der Großmächte eine Eskalationsspirale ausgelöst hätten, die nur einen Wimpernschlag später die Welt in einer Todeshölle habe explodieren lassen. Der Robotikingenieur erzählt vom Aufstand der Robotersklaven gegen die Menschheit, die Zivilisation der Roboter allerdings habe den nachfolgenden Ausbruch des Fuji gleichfalls nicht überstanden.

Love-Doll „Ange“, die Gummipuppe, beklagt, dass nach der Emanzipation die Männer sich in impotente Jammerlappen verwandelt hätten und sich Frauen nur noch mit Spielzeugjungens abgäben: „Hey, es tut mir Leid, wir sind alle infertil, und ohne Kinder ist die Welt einfach erledigt.“ Der Generaldirektor der WHO muss zugeben, dass das Serum, entwickelt zur Geburtenkontrolle nach den großen Überbevölkerungskrisen und ihren Hungersnöten, zu genetischen Veränderungen geführt habe: Mit reduziertem Sexualtrieb hätten die Menschen auch den Willen zum Leben verloren. Der Genetiker hat nicht mehr genug Zeit herauszufinden, was die Reproduktionsstörungen verursacht, weiß aber, dass die Rubulaepidemie der Menschheit den Rest gegeben hat.

Aujourd’hui, le monde est mort

Es scheint, jeder arbeitet an seinem eigenem Weltuntergang. Die Erzählungen vom Weltende sind den Überresten der untergegangenen Zivilisationen auf hand­schriftlichen Zetteln beigefügt, auf Notebooks getippt und ausgedruckt oder mit letzter Kraft direkt an die Wand gekritzelt. „Aujourd’hui, le monde est mort. Ou peut-être hier, je ne sais pas“, so fangen sie allesamt an: „Heute ist die Welt gestorben, oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“

Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 - 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.
Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 – 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.

In Räumen aus ruinösem Mauerwerk, Bodendurchbrüchen, aus verwitterten Wellblechwänden, von Restvegetation überwuchert, sind die Hinterlassenschaften dieser Zeugen des Untergangs arrangiert. Der Genetiker hinterlässt Viagra­packungen, der WHO-Direktor eine Schautafel zum Reproduktionszyklus von Säugetieren, „Ange“ hinterlässt sich selbst im Setting ihrer letzten Verwendung. Der Robotiker hat eine Fossiliensammlung zusammen getragen und ein Fahrrad aus den 1920er Jahren, der Militär eine Sammlung von Kriegsschiffsmodellen und die Mumie eines Soldaten.

Mumie, u.a. versehen mit einer Gasmaske wie sie von deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg verwendet wurde. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 - 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.
Mumie, u.a. versehen mit einer Gasmaske wie sie von deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg verwendet wurde. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 – 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.

Man kann das, wenn man will, auch als engagierte Kunst nehmen, muss aber keinesfalls. Sugimoto sagt:

Mir die schlimmsten denkbaren Zukunftsszenarien auszumalen, verschafft mir in künstlerischer Hinsicht ein ungeheures Vergnügen. Die Finsternis der Zukunft erhellt mir die Gegenwart, und das Wissen um ein kommendes Ende sichert mir das Glück im Leben heute. In dieser Ausstellung werden Sie die schlimmsten Szenarien finden, die meine Vorstellungskraft im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit schaffen konnte. Es ist an den jüngeren Generationen, jede erdenkliche Maßnahme zu ergreifen, um zu verhindern, dass sie Wirklichkeit werden.

Zeugnis vom Ende der Kunst ablegen

Mumie im Nō-Gewand, ca. 16. Jhd. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 - 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.
Mumie im Nō-Gewand, ca. 16. Jhd. Ansicht der Einzelausstellung von Hiroshi Sugimoto „Aujourd’hui, le monde est mort“ im Rahmen von L’État du Ciel (25.04.14 – 07.09.14), Palais de Tokyo. Foto: André Morin.
Und die Kunst? Ich nehme Sugimotos Pariser Untergangsvisionen als Komplementär zur L’étrange cité, der wundersamen Stadt, die Ilja und Emilia Kabakov im Grand Palais, einige Minuten die Seine runter, im Rahmen der Monumenta 2014 errichtet haben. Die Kabakovs lassen in ihrer utopiekritischen Installation dem visionären Zukunftsentwurf nurmehr einen legitimen, d.i. einge­friedeten und den Menschen ungefährlichen Spielplatz in der Kunst übrig. In Sugimotos Installation ist die Kunst (gegenwärtig auch in mannigfaltigen Anspielungen auf Marcel Duchamp, Andy Warhol und Leonardo da Vinci) einerseits der Ort der Negation von Utopie, andererseits Medium einer Archäologie der Gegenwart. Die beiden Ausstellungen sind leider nur für ein paar Wochen parallel zu sehen.

Sugimotos Kunsthistoriker übrigens führt in seiner Weltuntergangs­erzählung das Ende der menschlichen Zivilisation auf die Säkularisierung des künstlerischen Machens zurück:

Und jetzt haben wir alles verloren, was den Ausdruck lohnt. Die Ehrfurcht gebietende Natur, die transzendenten Gottheiten, sogar die Schönheit selbst, das alles ist vergangen. Die gesamte Kunst ist Parodie geworden. Und doch, als Kunsthistoriker muss ich zugeben: Ich bin glücklich, Zeugnis vom Ende kreativen Ausdrucks ablegen zu können. Die Menschheit ohne Kunst, das ist wie ein Gott ohne Gläubige.

Sugimoto ist ein grimmig-melancholischer Ironiker. Und er ist – so scheint es – der letzte Kunde von „Ange“.

Mehr Licht

Naturgemäß ist nach dem Weltende kein elektrisches Licht mehr verfügbar. Die Retrospektive auf die Menschheit wird deshalb ausschließlich durch Tageslicht erhellt. Nach Sonnenuntergang (der Palais de Tokyo hat Mi-Mo jeweils bis 24 Uhr geöffnet) werden Besucher sachdienlich mit einer Taschenlampe ausgestattet.

Hiroshi Sugimoto, geboren 1948 in Tokio, lebt seit 1974 in New York, ist in der Rheinprovinz bislang eher als Fotokünstler bekannt. Seine Schwarzweiß­photographien von Dioramen aus naturkundlichen Museen, nächtliche Aufnahmen von Autokinos in Langzeitbelichtung, streng komponierte Seestücke und die Lightning Fields, Abbildungen von elektrostatischen Entladungen, waren 2007 in einer Ausstellung im Düsseldorfer K20 zu sehen. Um den ganzen Sugimoto zu erleben, muss man nach Paris.

Die Installation ist Teil eines Saisonprojekts des Palais de Tokyo, der heuer – mit unterschiedlichen Laufzeiten – neben der Installation von Hiroshi Sugimoto, Arbeiten von Thomas Hirschhorn, Angela Markul, David Douard, Ed Arkins u.a. unter dem Label L’État du ciel präsentiert.

Hiroshi Sugimoto. Aujourd’hui, le monde est mort [Lost Human Genetic Archive]. K: Akiko Miki. Paris, Palais de Tokyo, 25. April — 7. September 2014.