Die Goldenen Löwen – Biennale Venedig 2019

Goldene Löwen für Litauen, Arthur Jafa und Jimmie Durham

Die 58. Kunstbiennale in Venedig zeichnet den litauischen Pavillon als besten nationalen Beitrag aus. Den Preis des besten Künstlers nimmt Arthur Jafa mit nach Hause. Vielversprechendste junge Künstlerin ist Haris Epaminonda. Ein Goldener Löwen fürs Lebenswerk geht an Jimmie Durham.

Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko
Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko.

Der litauische Pavillon ist etwas abseits untergekommen, zwar auf dem Arsenale-Gelände, aber im militärischen Sperrbezirk (also außerhalb des Ausstellungsgeländes), im Magazzino No. 42 der Marina Militare. Normalerweise ist das Areal nicht zugänglich (und es ist nicht ganz einfach zu finden). Unten in der Magazinhalle ist ein Sandstrand aufgeschüttet, Badelaken, Sonnenliegen, Strandtaschen, aufblasbare Schwimmtiere, Menschen in Badesachen und Strandschlappen, Kinder spielen, ein Hund bellt.

Von einer Mezzanin-Galerie blickt das Publikum hinunter auf die Szenerie. Etwas stranduntypisch beginnen die Urlauber zu singen, solo, im Chor, a cappella oder mit minimalistischer Begeleitung durch eine Elektro-Orgel: Sun & Sea (Marina). In 24 Nummern – vom „Sunscreen Bossanova“ bis zum „Vacationers᾽ Chorus“ – erzählen sie von den Verheißungen und den Abgründen des Strandurlaubs.

Der Chor weiß zu berichten, dass das Meer heuer „so grün wie ein Wald“ ist und diagnostiziert: „Eutrophierung!“. Eine Sirene erzählt davon, dass ihr Ex-Mann beim Badeurlaub ertrunken ist. Die „3D-Schwestern“ lässt die Existenzbedrohung des Great Barrier Reef und das Bienensterben ihre eigene Sterblichkeit entdecken (nur gut, dass die Schwestern per 3D-Printer ausdruckbar sind). Und im „Song of Exhaustion“ heißt es:

Nach dem Urlaub / leuchtet dein Haar, / glitzern deine Augen / und alles ist gut.

Die musikalisch etwas konventionelle, aber szenisch hinreißend skurrile Performance ist das Ergebnis der Zusammenarbeit der Filmemacherin Rugilė Barzdžiukaitė (*1983), der Schriftstellerin Vaiva Grainytė (*1984) und der Komponistin Lina Lapelytė (*1984). Das Trio kennt sich seit Jugendtagen in Kaunas und hat bereits 2011/13 zusammen eine Oper entwickelt (Have a Good Day!), so lese ich.

Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko
Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko.

Für „den experimentellen Geist des Pavillons und den überraschenden Umgang mit der nationalen Repräsentation“ hat die Jury der Biennale Venedig 2019 die litauische Vertretung mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet und klassifiziert die Performance als „Brechtsche Oper“. Letzteres ist vielleicht etwas daneben gegriffen, die Auszeichnung geht aber in Ordnung.

Es ist das zweite Mal in Folge, dass ein Pavillon mit performativer Bespielung den Goldenen Löwen erhält – nach dem deutschen Pavillon mit Anne Imhofs Faust vor zwei Jahren. Das ist immer auch mit einem logistischen Problem verbunden. Die Performance in der litauischen Niederlassung wird nur an Samstagen während der Biennale gezeigt (Ende bereits 31. Oktober). Eingelassen werden etwa 70 Besucher gleichzeitig, also muss man mit erheblichen Wartezeiten rechnen. An anderen Tagen soll das Ding zwar zugänglich sein, aber die Musik vom Band kommen. Ob ein Besuch da lohnt, vermag ich nicht zu sagen.

Ganz sicher lohnend wäre eine Teilnahme an der Performance. Die Macherinnen laden dazu ein, nach vorheriger Anmeldung, auf der Strandfläche zwischen den Sängern dabei zu sein, vorausgesetzt man bringt mindestens drei Stunden Zeit, eigene Badesachen und ein Strandtuch mit. Möglicherweise darf man auch mitsingen, das Anmeldeformular im Netz fragt jedenfalls auch Gesangs- und Partiturlesefähigkeiten ab (nähere Infos: sunandsea.lt).

Bester Künstler: Arthur Jafa

Zum besten Künstler der von Ralph Rugoff kuratierten Zentralausstellung „May you live in interesting times“ hat die Jury den US-amerikanischen Multimediakünstler Arthur Jafa (*1960) gewählt.

Arthur Jafa: Big Wheel I-III, 2018. Mixed Media. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia
Arthur Jafa: Big Wheel I-III, 2018. Mixed Media. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Im Arsenale hat Jafa monumentale Truck-Reifenmäntel in Ketten gespannt, in den Nabenkreis sind Metallklumpen eingefügt: Big Wheel I-III (2018). „Die Ketten evozieren Unterdrückung und Rebellion, aber die Mäntel erinnern auch an die Innovation der – jetzt im Niedergang befindlichen – US-Automobilindustrie“, heißt es im Erklärtext an der Wand.

Explizit verweist die Jury in ihrer Begründung aber auf Jafas Videoarbeit The White Album, die im Padiglione Centrale in den Giardini zu sehen ist. Sein Film sei „gleichermaßen ein Essay, ein Gedicht und ein Porträt und verwende angeeignetes und originales Bildmaterial, um über das Thema Rasse zu reflektieren“, so heißt es in der Auszeichnungs­begründungs­prosa.

Es sind TV-Ausschnitte und Videomaterial aus sozialen Netzwerken, die Jafa für seinen Essay über „whiteness“ und „white supremacy“ arrangiert und mit einfühlsamen, intimen Nahaufnahmen von Familie und Freunden konfrontiert.

Arthur Jafa: The White Album, 2019. Single channel video projection, colour, sound. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia
Arthur Jafa: The White Album, 2019. Single channel video projection, colour, sound. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia.

Vielversprechendste junge Künstlerin: Haris Epaminonda

Den Silbernen Löwen für die vielversprechendste junge Künstlerin nimmt Haris Epaminonda (*1980) mit nach Hause. Die zyprische Multimediakünstlerin lebt und arbeitet heute in Berlin. Sie wird ausgezeichnet, so die Jury, für ihre „sorgsam konstruierten Konstellationen von Bildern, Objekten, Texten, Formen und Farben, die aus zersplitterten Erinnerungen, Geschichten und imaginierten Bezügen aufgebaut sind“.

Es ist weniger ihre Videoarbeit Chimera (2019) im Zentralpavillon, die diese Auszeichnung plausibel macht, vielmehr schon eine Rauminstallation im Arsenale: Vol. XXVII (2019).

Haris Epaminonda, Vol. XXVII, 2019. Mixed media installation. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia
Haris Epaminonda, Vol. XXVII, 2019. Mixed media installation. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia
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Wie ein Eindringling in einem fremden Gedächtnispalast bewegt man sich durch Räume, in denen gefundene und von Epaminonda gefertigte Objekte ein Geheimnis oder auch nur Rätsel andeuten. Der Katalog behauptet, die Installation sei von Bioy Casares‘ Roman La invención de Morel inspiriert – wer weiß.

Goldener Löwen fürs Lebenswerk: Jimmie Durham

Der Goldene Löwe fürs Lebenswerk der 58. Kunstbiennale Venedig ging an den US-amerikanischen Künstler, Autor und Aktivisten Jimmie Durham (*1940).

Jimmie Durham, Eurasian Lynx, 2017. 136x61x70 cm. Luchsschädel, Baumwolle, Leder, Murano Glas, Metall, Draht, Plastik. Courtesy of the artist, Foto: Nick Ash
Jimmie Durham, Eurasian Lynx, 2017. 136x61x70 cm. Luchsschädel, Baumwolle, Leder, Murano Glas, Metall, Draht, Plastik. Courtesy of the artist, Foto: Nick Ash.

Die Auszeichnung gelte seiner Kunst, die „zugleich kritisch, humorvoll und hochgradig humanistisch“ sei. So begründet der Kurator der Kunstbiennale Venedig 2019, Ralph Rugoff, die Vergabe an Durham. Und weiter:

Seit mehr als 50 Jahren findet Durham neue, geistreiche und überzeugende Wege, um jene politischen und sozialen Kräfte zu adressieren, die unsere Welt prägen. Seine künstlerischen Beiträge sind gleichermaßen herausragend in ihrer formalen und konzeptionellen Originalität, in ihrer lebendigen Mischung aus wider­sprüchlichen Elementen und alternativen Perspektiven sowie in ihrer ungebändigten Verspielt­heit.

Jimmie Durham, geboren 1940 in den USA, lebt und arbeitet seit 1994 in Europa, vornehmlich in Berlin. Sein Werk umfasst Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Videos, Performances, fotografische Arbeiten, Essays und Lyrik. Zu den bevorzugten Materialien seiner bildenden Kunst gehören Stein, Holz und Tierknochen, dazu kommen Reste des Wohlstands, Müll aus Metall, Plastik, Glas.

Zudem engagierte er sich seit den 1960er Jahren in der amerikanischen Bürgerrechts­bewegung. In den 1970er Jahren war er als Aktivist und Funktionär für NGOs der indigenen Völker Amerikas tätig. Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht die Auseinandersetzung mit Konzepten und Miss­konzeptionen der Nation und Identität.

Arbeiten von Durham waren immer wieder auf der Documenta und bei der Kunst­biennale in Venedig zu Gast. Dort zuletzt 2013, als er in der Zentral­ausstellung mit einer Skulptur unter dem hübschen Titel Jesus – Es geht um die Wurst vertreten war. 2016 hat er mit dem Goslarer Kaisering den vielleicht renommiertesten deutschen Kunstpreis eingesammelt.

Jimmie Durham Portrait. Foto: William Nicholson
Jimmie Durham Portrait. Foto: William Nicholson.

Die Jury und die Löwen

Der Goldenen Löwen für das Lebenswerk vergibt das Direktorium der Biennale auf Vorschlag des Kurators. Über die weiteren Löwen hat eine fünfköpfige Jury von Ausstellungs­machern entschieden, unter dem Vorsitz von Stephanie Rosenthal, der Direktorin des Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Goldene und silberne Löwen werden erst seit 1986 auf der Kunst­biennale von Venedig verliehen, übernommen von der Kino­biennale, wo es die Löwen schon seit 1949 gibt.

Auf der letzten Biennale, 2017, ging der Goldene Löwe für den besten nationalen Beitrag an den deutschen Pavillon mit Anne Imhofs Performance Faust (mehr zu Anne Imhofs Faust). Als bester Künstler der Zentral­ausstellung wurde Franz Erhard Walther ausgezeichnet.

Einen silbernen Löwen als „viel­versprechender junger Künstler“ nahm Hassan Khan mit nach Hause. Die im März 2019 verstorbene Carolee Schneemann wurde mit einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt.