Gilbert & George’s London Pictures in der Küppersmühle Duisburg

Dog Stabs Sex Pest in Cute Kids Suicide Brawl

Noch bis 30. Juni 2013 zeigt das hübsche Museum Küppersmühle im Duisburger Innenhafen rund 70 Arbeiten von Gilbert & George aus deren 2011 abgeschlossenen Bildserie „London Pictures“.

Gilbert & George: Death, 2011, 302 x 444 cm © Gilbert & George / Courtesy of the Artist and White Cube.Gilbert & George: Death, 2011, 302 x 444 cm © Gilbert & George / Courtesy of the Artist and White Cube.

3.172 Zeitungsplakate, die in London früher an jeder Ecke den Straßenverkauf von Sun, Daily Mirror etc. mit reißerischen Schlagzeilen befördern sollen, haben Gilbert & George über sechs Jahre hinweg gesammelt, nach Signalwörtern geclustert und zu 292 Collagen arrangiert: London Pictures – ein knappes Viertel davon sind jetzt im Erdgeschoss der Küppersmühle zu sehen.

Poesie des Häßlichen und Gemeinen

Gilbert & George: Sex Pest, 2011, 151 x 127 cm © Gilbert & George / Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, ParisGilbert & George: Sex Pest, 2011, 151 x 127 cm © Gilbert & George / Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, ParisStabbed und Stabbing, Gun und Shootings, Brawl, Suicide und Plunge, Dying und Death und Dead, Killed, Sex Pest und Rape, Hell, Woman, Teen, Girl, Tots, Students, Dogs, Bankers und Teacher, Terror Plot und Bomb, Burglar, Kidnap – das sind einige dieser Signalwörter, aus denen sich diese Schlagzeilen des Tages generieren, drei bis acht Wörter jeweils (letzteres eher nur an schlechten Tagen).

Beraubt man diesen Schlagzeilen gleich zweifach ihrer Funktion – nicht mehr Kaufanreiz für das Neueste vom Tage und nicht mehr Referenz auf einen Zeitungsartikel – kann man aus ihnen eine ganz eigenartige, serielle Poesie des Häßlichen und Gemeinen, der Angstlust und der Sensationslust entwickeln.

Gilbert & George inszenieren diese Poesie sehr wirksam als Netz, das sich über den Alltag legt: „It’s written all over them“ steht jeweils im rechten unteren Feld der Collagen zu lesen, unterhalb des aus Münzportraits vergößerten Profils der Königin, die als beglaubigende Instanz herhalten muss. Die Schlagzeilen stehen auf schwarzweiß photographierten, teils durch Spiegelungen verfremdeten Fragmenten des Alltags: Straßenzüge, Gardinen, Gartengewächse – Bruchstücke des eben nicht Sensationellen.

Gilbert & George: Kills, 2011, 226 x 254 cm © Gilbert & George / Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, ParisGilbert & George: Kills, 2011, 226 x 254 cm © Gilbert & George / Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, ParisDarauf wiederum montiert: die beiden Künstler, ebenfalls schwarzweiß, nur die Hautpartien sind koloriert. mal gespensterartig transparent im Vollportrait, mal Brust- oder Kopfbild, mal reduziert auf die Augenpartie. Eher befremdet bewegen sich die beiden älteren Herren in ihren Businessanzügen zwischen den Fragmenten des Alltags und dem permanenten Ausnahmezustand der Boulevardschlagzeilen.

Es braucht etwas Geduld, um sich in diese Ausstellung einzufinden und in den minimalen Variationen der London Pictures mehr als nur eine argumentative Häufung zu sehen.

Gilbert & George

Gilbert & George vor dem MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg © MKMGilbert & George vor dem MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg © MKMGilbert Prousch (geb. 1943 in Italien) und Georg Passmore (geb. 1942 in England) arbeiten seit 1967 zusammen, seit dem gemeinsamen Studium an der St. Martin’s School of Art in London. Sie fangen
an als Performance-Künstler („The Singing Sculpture“, 1970), werden mit großformatigen Fotoarbeiten Ende der 70er Jahre berühmt und berüchtigt mit ihren Werken, die Körperausscheidungen nicht aus dem Reich des Darstellbaren ausschließen. 1986 erhalten Gilbert & George den wichtigsten britischen Kunstpreis, den Turner Prize.

Neben den London Pictures zeigt die Duisburger Schau, reichlich lieblos ins Séparée gepackt, auch einige Videoschleifen, ein Interview mit dem Künstlerpaar und Aufnahmen von Performances und Filme der beiden – vermutlich sehr interessant und auch lustig. Es gibt aber keine Kopfhörer, also nur die Tonspur des Interviews. Weiß der Geier, wer sich sowas einfallen lässt.

Gilbert & George: London Pictures. Duisburg, Museum Küppersmühle für Moderne Kunst. 20. März – 30. Juni 2013.