Germany: Memories of a Nation – Ausstellung im British Museum London

Schland

Das British Museum in London erinnert mit einer ebenso kompakten wie vielgestaltigen Sonderausstellung bis Ende Januar 2015 an die deutsche Revolution vor 25 Jahren und erzählt von der Geschichte der deutschen Nation.

Volkswagen Käfer Typ 1, 1953. Foto: jvfVolkswagen Käfer Typ 1, 1953.

Es hat heuer deutsche Wochen in London: Die Tate Modern zeigt eine sehenswerte Retrospektive auf das Werk von Sigmar Polke (bis 8. Februar 2015), die Royal Academy of Arts stellt Sachen von Anselm Kiefer aus (bis 14. Deyember 2014) und das British Museum hat rund 200 Objekte zusammen gesucht, die unter dem Label „Germany – Memories of a Nation“ eine kursorische Einführung in die Vorgeschichte des neuen deutschen Nationalstaats machen.

Parallel zu dieser Ausstellung sendet BBC Radio 4 seit Ende September eine dreißigteilige Serie, eingerichtet von Robert Neil MacGregor, dem Chef des British Museums. In jeweils fünfzehnminütigen Folgen erkundet MacGregor auf einer Deutschlandtour die zentralen Figuren und Symbole der Deutschen: Gutenberg, Luther, Goethe, Marx, Dürer, Riemenschneider und Holbein, das Brandenburger Tor, Walhalla und das Oktoberfest, Märchen und Wälder, deutsche Ernährungs­eigenheiten (in einer Folge mit dem hübschen Titel „Ein Volk, viele Würste“). Die Serie ist auch online zugänglich und kann als Podcast heruntergeladen werden, was ich nur wärmstens empfehlen kann: Germany: Memories of a Nation.

Späte Nation

Die Ausstellung selbst wird eingeleitet von Fernsehbildern feiernder Menschen in den Berliner Straßen des November 1989 und von einem Pappschild, das in den Zeiten der Revolution auf Ostberliner Demonstrationen gezeigt wurde: „Wir sind ein Volk” steht da auf der schwarzrotgoldenen Karte eines vereinten Deutschlands. Dann beginnt ein kompakter Parcours durch die Geschichte eines 600 Jahre langen Anlaufs zum deutschen Nationalstaat.

Tilman Riemenschneider: Die vier Evangelisten, Johannes, um 1490. Foto: jvfTilman Riemenschneider: Die vier Evangelisten, Johannes, um 1490. Foto: jvf.Ausgangspunkt für den historischen Rückgriff sind die supranationalen Verbünde des Mittelalters und der frühen Neuzeit: Die Hanse und das Heilige Römische Reich. Eine Auswahl von Münzen aus der Zeit um 1700 zeugt von der Zersplitterung der Herrschaften des alten Reichs, im Vergleich mit dem zentralisierten Münzregal Englands. Stücke wie die hübsche, 1589 von Isaac Habrecht gebaute Straßburger Glockenspieluhr erinnern an die territoriale Undefiniertheit der frühneuzeitlichen Nation mit ihren geistigen Zentren Straßburg, Königsberg, Basel und Prag. An der Wand ein Zitat aus Schillers Xenien: „Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.“

Goethes Distichon, das die Utopie eines Weltbürgertums gegen den Nationalstaat in Stellung bringt, wird dagegen nicht zitiert (wie generell die schwierige und gefährliche Gemengelage aus nationaler Emphase und Skepsis etwas außerhalb des Fokus dieser Ausstellung liegt):

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

Gleichviel, eine knappe Auswahl romantischer Malerei (Carus und Friedrich) belegt die Bedeutung der Landschaft als Ersatz für territoriale Gewissheiten.

Johann Gottlieb Kirchner: Rhinozeros aus Porzellan mit weißer Glasur, 1730. Foto: Ingersoll / mod jvf. Lizenz: PD. Quelle: Wikimedia CommonsJohann Gottlieb Kirchner: Rhinozeros aus Porzellan mit weißer Glasur, 1730. Foto: Ingersoll / mod jvf. Lizenz: PD. Quelle: Wikimedia Commons.Die aus dem Berliner Bode-Museum angereisten, wunderbaren vier Evangelisten des Würzburger Renaissancebildhauers Tilman Riemenschneider stehen für das Heilige des alten Reichs, Lukas Cranachs Portraits von Luther und seiner Katharina für die Reformation, vor allem aber für die Erfindung der deutschen Hochsprache und die Rolle, die Luthers Bibelübersetzung dabei gespielt hat. Unter dem Audi-Claim „Vorsprung durch Technik“ präsentiert die Ausstellung zudem Beispiele für Innovationen made in Germany: Die epochale Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg, Meißner Porzellan (mit dabei das ziemlich beeindruckende Porzellan-Rhinozeros, das Johann Gottlieb Kirchner 1730 nach dem berühmten Holzschnitt von Dürer angefertigt hat), ein VW Käfer aus 1953 (im Great Court aufgestellt, das Lenkrad naturgemäß auf der falschen Seite).

Der Weimarer Komplex

Das prominenteste Exponat aber ist Johann Tischbeins Goethe in der römischen Campagna, aus dem Frankfurter Städelmuseum ausgeliehen. Das „mit Abstand bekannteste Portrait in ganz Deutschland“, nennt es McGregor in der Goethe-Folge seiner BBC-Serie, und sagt weiter:

Zu den Elementen, die Deutsche aller Regionen und Dialekte zusammen halten, muss dieser größte aller deutschen Dichter gerechnet werden – und das weit ausgreifende, unaufführbare, kosmische Drama, das er sein ganzes Leben hindurch geschrieben und überarbeitet hat, den Faust. In der Tat, man könnte fast sagen, wenn die Amerikaner „eine Nation unter Gott“ sind, sind die Deutschen „eine Nation unter Goethe“.

Nun ja.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der Campagna, 1787. Foto: Martin Kraft. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in der Campagna, 1787. Foto: Martin Kraft. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.

Das Goethe-Portrait jedenfalls leitet über zu einem Weimarer Komplex dieser Ausstellung, von Goethe über Design und Grafik des Bauhaus (mit Werbe-Postkarten für die Weimarer Bauhausausstellung 1923) bis hin zu einem Replikat des Lagertors vom KZ Buchenwald. Den Schriftzug mit dem Spruch „Jedem das Seine“ muss auf Befehl des SS-Bauleiters 1938 Franz Ehrlich entwerfen. Ehrlich, Meisterschüler am Bauhaus, Designer und Architekt, Widerstandskämpfer, seit 1937 in Buchenwald interniert, entwirft die Buchstaben in Anlehnung an das Design der Bauhäusler und setzt so Zeichen gegen den Ungeist der Inschrift.

Im Vorfeld der Ausstellung schrieb einer der Kuratoren, Barrie Cook, im Blog des British Museums, das Schwierigste sei, Objekte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den weiten Ausblick der Ausstellung zu integrieren:

Wie kann angesichts von Völkermord, Verbrechen und Barbarei Ausgewogenheit funktionieren? Dies als Außenstehender zu versuchen, hat mich gelehrt, wie schwierig das für einen Deutschen sein muss.

Das Kuratorenteam hat sich dazu entschlossen, Nazideutschland, Hitler und den Holocaust eher nach Maßgabe der Zeitspanne von 12 Jahren Bedeutung bei zu messen. Das ist sicher auch dem Bemühen geschuldet, beliebte britische Stereotype von Deutschland und den Deutschen nicht noch weiter zu bestätigen, auch Liebhaber der Pickelhaube werden diese Ausstellung enttäuscht verlassen. Andererseits geht das naturgemäß an der Bedeutung weit vorbei, die die „Aufarbeitung“ für das deutsche Selbstbild, für die „Erinnerungen einer Nation“ bis heute hat (in der Trias nationaler Mythen zumindest der Vorwendegenerationen: Hitler – D-Mark – Fußball-Weltmeisterschaft).

Brecht, Barlach, Betty und Schland

Ernst Barlach: Der Schwebende. Foto: Jens Burkhardt-Plückhahn / mod jvf. Lizenz: CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia CommonsErnst Barlach: Der Schwebende. Foto: Jens Burkhardt-Plückhahn / mod jvf. Lizenz: CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons.Eine Handkarre, von Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg verwendet, ein Bühnenbild­modell der ersten Mutter Courage-Inszenierung in Berlin, ein von der Stasi zu Ausbildungszwecken erstelltes Modell des Bahnhofs Friedrichstraße und der 1953 erstellte Abguss von Ernst Barlachs Der Schwebende sind die eindrucksvollsten Exponate, die die Nachkriegszeit dokumentieren, bevor Gerhard Richters Betty (1988, nicht im Original, sondern als Print vor Ort) als eine Art Engel der Geschichte den Blick zurück wirft.

Den Schlusspunkt setzt aber nicht Betty, sondern eine Vitrine mit schwarzrot­goldenen Fan-Accessoirs aus 2014, das Viersterne-Trikot, eine Vuvuzela, ein seliger Gartenzwerg mit Deutschlandfahne, die erinnern zugleich an den Schland-Patriotismus des Sommermärchens 2006.

Im Museumshop werden Lebkuchen, Nussknacker, Christbaumschmuck und sogar eine kleine Kuckucksuhr angeboten, aber kein Katalog. Für November ist das Erscheinen eines Begleitbuchs von Neil McGregor angekündigt, das auf BBC-Serie und Ausstellung fußt.

Eine 600 Jahre umfassende Erzählung von der deutschen Nation in einer Ausstellung zu umreißen, sagt wiederum Kurator Barrie Cook, das könne leicht als unmögliches, vielleicht sogar als lächerliches Unterfangen erscheinen. Keineswegs.

Germany: memories of a nation. K: Barrie Cook, Clarissa von Spee. London, British Museum, 16. Oktober 2014 bis 25. Januar 2015.