Gerhart Hauptmanns „Und Pippa tanzt!“ am Schauspiel Köln

Es muss alles anders werden

Moritz Sostmann lässt in der Halle Kalk die Puppe tanzen und macht aus dem recht verschwurbelten Märchenstück „Und Pippa tanzt!“ (1906) von Gerhart Hauptmann einen sehr kurzweiligen Varietéabend.

Die Halle Kalk ist zu einem Varietétheater umgestaltet. Man sitzt an kleinen Tischen um den Laufsteg herum, nippt am Wein oder stürzt das Bier. Das Jever ist aus, dafür gibt es Lech aus Poznań, das ist ja nicht so weit weg vom schlesischen Riesen­gebirge, wo Hauptmanns „Glashüttenmärchen“ spielt, und das perlt auch. An den Wänden hängen eher düster-drohende, schwarzweiße Gemälde von Gebirgs­landschaften (Bühne/Kostüme: Klemens Kühn). Die Conférencière macht Magda Lena Schlott in einem hübschen Kostüm auf halbem Weg zwischen Commedia dell’arte und venezianischem Karneval, und sie führt die Puppe, die die Kindfrau Pippa vorstellt.

In den Wasserpalast

Auf der Bühne singt man das Schlesierlied, in der Schenke im Rotwassergrund, der Glashütten­direktor raucht seine Zigarre und nuschelt was hanseatisch (Martin Reinke, die Akustik in der Halle Kalk vernuschelt an diesem Abend so einiges). Glashüttenarbeiter spielen Karten und betrügen dabei, das kostet Falschspieler Tagliazoni, dem italienischen Glastechniker, zuerst zwei Finger und dann – eine Messerstecherei später – das Leben. Seine Tochter, Pippa eben, die Puppe, tanzt für „cento lire“ vor dem Pack. Der Direktor geifert, von Zynismen und Skrupeln verstellt. Und der alte Huhn, der arbeitslose Glasbläser, sehnt sich grob sinnlich (als rothaarig-zotteliger Rübezahl: Jakob Leo Stark). Und der junge Michel, ein sehnsuchts­voll verstrahlter, reisender Handwerksbursche (Yuri Englert), der verliebt sich in Pippa.

Huhn nutzt den Tumult der Falschspieler, entführt Pippa in seine Hütte, Michel befreit sie, nimmt sie mit auf seinen phantastischen Trip ins ganz Andere („Es muss alles anders werden. – Die ganze Welt!“), irgendwohin, vielleicht ins Böhm’sche, vielleicht in den Wasserpalast über die goldenen Stufen hinweg, nach Venedig, da wo Pippa herkommt. Halb erfroren im winterlichen Gebirge werden sie in der Baude des Bergweisen Wann aufgenommen, den Sostmann wiederum als Puppe auf die Bühne bringt, die sehr lustig an den alten Gerhart Hauptmann erinnert (Puppen: Atif Hussein). Michel schwärmt vom ganz Anderen, Pippa tanzt wieder, der Direktor und Huhn sind auch da. Pippa und Huhn sterben aus unklaren Gründen. Michel phantasiert weiter von seinem „anderen Stern“ und von der Flucht mit Pippa. Wann ist verzweifelt. So in etwa.

Menschen, die Milch trinken, sind mir ekelhaft

Als das Stück am 19. Januar 1906 am Berliner Lessingtheater uraufgeführt wird, ist die Reaktion der Kritiker vernichtend, schlicht ein „Schmarrn“ sei das, urteilt Franz Mehring und zitiert die Meinung anderer Rezensenten: „Es lohnt nicht, diesen begrifflichen Wirrwarr, diesen symbolischen Spuk, diesen windgeblähten leeren Märchensack zu ergründen.“ Ganz anders der damalige Großkritiker Alfred Kerr, der ganz ergriffen schreibt: „Das Grundgefühl ist die Erschütterung durch ein Gebild, worin Mächte miteinander kämpfen, die unser Sein bewegen.“ Nun, manchmal hat sogar Alfred Kerr daneben gelegen.

Dass das Stück so daneben ist, hat natürlich einen Grund. Und eine etwas unappetitliche Geschichte ist das. 1905 verguckt sich der nunmehr zweiundvierzig­jährige, berühmte Dramatiker Hauptmann (sieben Jahre später sammelt er den Nobelpreis ein) in die sechzehnjährige Schauspielerin Ida Orloff. Sowas kann passieren, auch Dramatikerkollege Frank Wedekind ist scharf auf Ida. Hauptmann schreibt ihr die Rolle der Pippa auf den verehrten Leib und verteilt etwas larmoyant seine widersprüchlichen Gefühle gegenüber dem „goldgemähnten, süßen Bildchen“ des Mädchens auf die männlichen Figuren des Stücks, rutscht dabei aber ins Klebrige, Schwülstigpeinliche ab.

Später, die Orloff hat die Pippa bei der Uraufführung in Berlin gespielt, macht man eine Reise nach Rügen. Hauptmann ist nicht mehr hingerissen, sein Idealbild von der jugendlichen Unschuldsschönheit, die nur seiner Liebe erliegt, bricht an der Wirklichkeit. Und Ida erweist sich als ziemlich anstregend: „Wie nahe liegt doch rein und gemein / Hurenhaus und Heiligenschein“, notiert er etwas blöde in sein Tagebuch und findet Trost in Flauberts Versuchung des heiligen Antonius. Die Orloff zeigt sich später auch nicht uneingeschränkt begeistert von den Annäherungen des Dichters: „Wenn er kam – es war entsetzlich. Er wollte immer Sahne trinken, weil er sich einbildete, ein Lungenleiden zu haben, und Menschen, die Milch trinken, sind mir einfach ekelhaft.“

Entspannter Cocktail

Vielleicht liegt es an dem entspannten Varieté-Setting mit Getränken am Tisch (keine Milch soweit ich sehe), sicher an den umfassenden Streichungen im Text, die die schlimmsten Verschwurbelungen des Stücks aussortieren. Noch sicherer liegt es an den stückfremden Einlagen wie einer sehr komischen Nummer mit Wanns Diener Jonathan (Johannes Benecke), der aus allerlei geräuschhaltigen Phiolen einen Soundcocktail schüttelt. Jedenfalls gelingt es der Inszenierung von Moritz Sostmann aus dem misslungenen Stück einen sehr vergnüglichen Abend zu mixen, und nur Miesepeter fragen sich, warum überhaupt man dieses Glashütten­dingens heute noch auf die Bühne bringt. Egal, das Kölner Premierenpublikum applaudiert sehr zufrieden.

Gerhart Hauptmann: Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen in vier Akten. R: Moritz Sostmann. D: Magda Lena Schlott, Johannes Benecke, Martin Reinke, Philipp Plessmann, Jakob Leo Stark, Yuri Englert. Schauspiel Köln, Halle Kalk, P: 14. März 2015. 1¾h o.P.