Francisco de Zurbarán im Museum Kunstpalast Düsseldorf

Der Maler der Mönche

Das Museum Kunstpalast im Düsseldorfer Ehrenhof zeigt noch bis 31. Januar 2016 eine überwältigend gut ausgestattete Schau mit Werken des spanischen Meisters der Gegenreformation: Francisco de Zurbarán (1598-1664).

Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen BornemiszaFrancisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen Bornemisza.

Ich kenne keinen Maler der katholischen Konterrevolution – von Gegenreformation sprechen die Historiker – der so unmittelbar ergreifende Malerei, so packende religiöse Kunst produziert hätte wie eben dieser Zurbarán.

Der „spanische Caravaggio“, der „Maler der Mönche“, der „Maler-Zauberer“ (Cees Nooteboom), das sind so die Epitheta, mit denen Zurbarán belegt wird. Den „Meister der Details“, so nennt ihn etwas lahm der Untertitel der Düsseldorfer Ausstellung. Das trifft es nicht ganz.

Der Maler des mystischen Naturalismus in Düsseldorf

Vielleicht ist seine Einordnung als „Meister des mystischen Naturalismus“ am treffendsten, zugegeben kein sehr catchy Untertitel für eine Ausstellung. Will man dem Geheimnis dieses Zauberers auf die Spur kommen, muss man wohl in der Tat bei den naturalistischen Details ansetzen: Die baren, schmutzigen und knöchrigen Füße des Heiligen, die geflickte Kutte des Ordensgründers, das zerzauste Fell des auf der Opferbank gefesselten, sich ins Märtyrerschicksal ergebenden Lamms.

Francisco de Zurbarán, Heiliger Franziskus in Meditation (nach Restaurierung), ca. 1630-35, Öl auf Leinwand, 124,5 x 163,5 cm, Museum Kunstpalast, © Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEKFrancisco de Zurbarán, Heiliger Franziskus in Meditation (nach Restaurierung), ca. 1630-35, Öl auf Leinwand, 124,5 x 163,5 cm, Museum Kunstpalast, © Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK

Gott offenbare sich im Geringsten, heißt es. Aber eigentlich geht die Wirkung der besten Gemälde Zurbaráns genau von der gegenteiligen Bewegung aus: Vom naturalistischen Detail, das die Anschluss­fähigkeit an die Alltags­erfahrung macht, weiter in die Kontemplation, die Andacht.

Anhand von 79 Werken des Meisters und seiner Werkstatt kann man sich jetzt davon – erstmals in Deutschland – ein sehr umfassendes Bild machen. Die in Ko­operation mit dem madrilenischen Museo Thyssen-Bornemisza eingerichtete Schau schlägt die fulminante Zurbarán-Ausstellung, die vor anderthalb Jahren nebenan in Brüssel, im Bozar, zu sehen war, in quantitativer Hinsicht und liegt qualitativ gleich auf.

Auch Kenner des Werks werden in Düsseldorf kaum eines vermissen von den Gemälden Zurbaráns, die für eine Leihgabe überhaupt nur in Frage kommen. Nun gut, zwei vielleicht: Sein stärkstes Märtyrerbildnis, der Heilige Serapion (1628), hat den Weg aus dem Wadsworth Atheneum Museum in Hartford nicht nach Düsseldorf gefunden. Und sechs Darstellungen des Heiligen Franziskus sind im Kunstpalast versammelt – auf seinem Namenspatron ist Zurbarán immer wieder zurück gekommen, das mitreißendste aber ist im Milwaukee Art Museum geblieben (Heiliger Franziskus, um 1635).

Der Maler des tridentinischen Bildprogramms

Francisco de Zurbarán, Fray Pedro de Oña, um 1630, Öl auf Leinwand, 207 × 136, Colección Municipal. Ayuntamiento de Sevilla, © Colección Municipal, Ayuntamiento de SevillaFrancisco de Zurbarán, Fray Pedro de Oña, um 1630, Öl auf Leinwand, 207 × 136, Colección Municipal. Ayuntamiento de Sevilla, © Colección Municipal, Ayuntamiento de SevillaZurbarán wird 1598 in dem Kaff Fuente de Cantos in der südlichen Extremadura geboren als Sohn einer recht gut situierten Kaufmannsfamilie. Erste malerische Unterweisung wird der junge Francisco vor Ort erhalten haben, bevor er mit 15 Jahren zur weiteren Ausbildung nach Sevilla geschickt wird, dem damals neben Madrid wichtigsten künstlerischem Zentrum Spaniens. Danach beliefern er und seine – anscheinend rasch sehr erfolgreiche – Werkstatt Klöster der Mercedarier, Karthäuser, Dominikaner und Franziskaner in der Extremadura und in Sevilla.

Als tief gläubiger Christ und Auftragnehmer der spanischen Klöster ist Zurbarán auf die Kunstideologie der katholischen Offensive gegen die protestantischen Herätiker und deren Bilderskepsis verpflichtet. Formuliert wurden die Grundregeln des gegen­reformatorischen Bilprogramms auf dem Konzil von Trient (1545-1563). In dessen fünfundzwanzigster und allerletzer Session 1563 erlassen die Kardinäle und Bischöfe und Ordensleute ein Dekret, das – in aller Kürze gefasst – religiöse Bildwerke legitimiert als Mittel der Unterweisung, der Mahnung, der Bekräftigung im Glauben. Die Verehrung, die den Bildnissen dabei zu Teil werde, habe nicht der Darstellung zu gelten, sondern dem Dargestellten. Allerdings sei sicher zu stellen, durch bischöfliche Zensur, dass die Bildwerke frei von Irrlehren sei, von Aber­glauben, eitlem Tand, Lüsternheit und von Schönheit, die Begierde wecken könnte.

Francisco de Zurbarán, Die Heilige Casilda, um 1630. Quelle: wikimedia commons. Lizenz: PD-ArtFrancisco de Zurbarán, Die Heilige Casilda, um 1630. Quelle: wikimedia commons. Lizenz: PD-Art.Mitunter bewegt sich Zurbarán etwas am Rand dieser Doktrin, etwa in seinen Bild­nissen von weiblichen Heiligen – in Düsseldorf sind die Heiligen Casilda aus Madrid, Katharina aus Bilbao, Emerentia und Lucia aus New York und Marina aus Málaga zu Gast. Sind ihre prachtvollen, beinahe greifbaren Gewänder kein eitler Tand? Und sind die stolzen Frauen wirklich frei von jener Schönheit, die Begierde wecken könnte?

Der Maler seiner Majestät

Die Geschäfte laufen exzellent, gerade auch das Exportgeschäft hinüber in die Neue Welt, bis etwa Ende 1640er Jahre. Der Ruhm Zurbarán verschafft ihm auch den königlichen Auftrag zur Aus­schmückung des Salón de Reinos im Buen-Retiro-Palast mit einer Serie Heldentaten des Herkules (um 1634). „Maler seiner Majestät“ nennt sich Zurbarán in diesen Jahren. Das Museum Kunstpalast hat zwei Beispiele aus der Serie vor Ort. Der Ausflug ins Fach der mythologischen Historienmalerei offenbart allerdings, dass Zurbaráns Stärke die dramatische Inszenierung nicht ist.

1649 sucht die Pest Sevilla heim. Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt ihr auch Zurbaráns Sohn und Mitarbeiter Juan zum Opfer (1620-1649), von dem die Düsseldorfer Schau acht Stillleben zeigt. Zudem bleiben Aufträge aus, Außenstände sind schwer einzutreiben (gerade aus dem Exportgeschäft). Zurbarán verlegt sich auf kleinere Formate, Andachtsbilder für den privaten Markt. Eine Abnahme in der schöpferischen Kraft möchten die Ausstellungsmacher für das Spätwerk nicht diagnostizieren. Ich weiß nicht.

Der Maler und der Schmerzensmann

Francisco de Zurbarán, Der Gekreuzigte mit einem Maler, um 1655/60. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia CommonsFrancisco de Zurbarán, Der Gekreuzigte mit einem Maler, um 1655/60. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.Seine verblüffendste Bilderfindung bringt Zurbarán, der 1664 in Madrid stirbt, allerdings gegen Ende seiner Karriere auf die Leinwand. Der Gekreuzigte mit einem Maler (um 1655/60). Man weiß nicht, ob er dem alten Maler seine eigenen Züge verliehen hat (manche möchten diesen als St. Lukas identifizieren, den Schutzheiligen der Künstler), gewiss aber handelt es sich um eine programmatische Selbstaussage Zurbaráns. Der alte Meister mit Palette und Pinseln in der Linken steht in ganz ungeheurer Ergriffenheit vor dem Bildnis des Gekreuzigten. Oder steht er direkt vor Golgotha? Jedenfalls signalisiert nichts in dem Gemälde, dass sich die beiden Figuren in getrennten Bildräumen, in getrennten Wirklichkeiten befinden.

Das ist sicher ganz konform mit der vom Konzil der Kunst zugewiesenen Mission, Medium der Andacht zu sein, das durch das Bildnis hindurch zur Verehrung des Gottessohns selbst führt. Mir gefällt aber eine Deutung, die gegen jede kunst­historische Plausibilität dem Bild eine blasphemische Dimension beifügt. Was, wenn das tridentinische Konzil geirrt hätte? Was, wenn es gar nicht stimmte, dass keine Göttlichkeit im Bildnis selber walte, das der Anbetung würdig sei? Was, wenn das vom Künstler geschaffene Gemälde am Ende gar heiliger wäre als der Schmerzensmann selber? Für die besten Gemälde Zurbaráns jedenfalls kann man das ernsthaft erwägen.

Vorbildlicher Katalog

Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen, kostet in der Museumsausgabe 39,90 Euro, umfasst 288 Seiten und ist vorbildlich. Gute Abbildungen ergänzt um Detailwiedergaben, Erläuterungen zu den einzelnen ausgestellten Werken mit Provenienzangaben und Detailbibliographien, sehr instruktive Essays, eine Überblicksbibliographie, ein Ausstellungsverzeichnis und eine Chronologie. Alles da, sehr gut angelegtes Geld.

Zurbarán. Meister der Details. K: Beat Wismer, Odile Delenda, Mar Borobia. Düsseldorf, Museum Kunstpalast, 10. Oktober 2015 – 31. Januar 2016.