Die Emscherkunst 2013

90 Kilometer Kunst im Ruhrgebiet

Die Emscherkunst zeigt noch bis Anfang Oktober 2013 Arbeiten von rund 30 Künstlern und Kollektiven, eingebettet in die Industrie-, Kultur- und Restnaturlandschaft entlang der Emscher zwischen Gelsenkirchen und Dinslaken.

„Slinky Springs to Fame“ von Tobias Rehberger (Detail). Foto: jvf

Die wahrscheinlich längste Ausstellung der Welt geht in diesem Jahr in ihre zweite Auflage. Nach einer ersten Runde im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 soll die Emscherkunst, so die Planung, als Triennale bis 2020 das Renaturierungsprojekt Emscher-Umbau begleiten.

Die Emscher ist seit der Zeit der Industrialisierung zur Kloake des Ruhrgebiets verkommen, ein Schmutzwasserkanal, der mehr oder weniger ungeklärtes Ab- und Grubenwasser in den Rhein verklappte. Mitte des vorigen Jahrhunderts galt sie als schmutzigster Fluss Deutschlands. Und auch heute noch weise die Emscher „einen Zustand auf, der in seiner Naturferne in Europa einmalig ist“, wie es wunderbar euphemistisch im Erläuterungsbericht des Umweltministeriums NRW heißt.

Erst mit dem Ende des Bergbaus verhindern Bergschäden nicht mehr eine unterirdische Kanalisation, so dass die zuständige Emschergenossenschaft seit den neunziger Jahren ein umfangreiches Renaturierungsprojekt betreiben kann. Bis 2020 soll das Emschergebiet mit einem Abwasserkanalsystem versehen und die Emscher in einen – gleichwohl künstlich geschaffenen – „naturnahen“ Flusslauf umgebettet werden.

Bis dahin also werden alle drei Jahre Künstler eingeladen, sich mit dieser Landschaft auseinander zu setzen und ihre Kunst im Kontext der (Ab-)Wasserwirtschaft, der Denkmäler der Industriekultur, des Strukturwandels zu verorten. Knapp ein Drittel der Arbeiten in diesem Jahr sind aus der Vorauflage übernommen, was prima ist, denn darunter sind die besten Stücke der Emscherkunst 2010.

Die Spielfläche hat sich heuer nach Westen verschoben, bezieht das Gebiet der Emschermündung in Dinslaken sowie Duisburg mit ein, macht dafür flussaufwärts nach Gelsenkirchen Schluss. Die Veranstalter sprechen von einer 47 km² großen Ausstellungsfläche, die sie zu drei Touren von zusammen 90 km Länge addieren. Was also lohnt sich zu sehen? Eine Tour bergauf.

Wolken über Dinslaken

Ein Highlight der Emscherkunst ist ein Gelände etwas außerhalb von Dinslaken, da wo sich die Emscher in den Rhein übergibt.

Der belgische Künstler Hans Op de Beeck (*1969 in Turnhout, lebt in Anderlecht) setzt da ein in grau gefärbtes Miniatur-Stelzendorf in den Teich: The Settlement (Holz und Verschiedene Materialien, 13x10x4m). Hütten und Häuser im Maßstab von, ich schätze mal, 1:10, Boote liegen am Steg, fast eine Idylle, wenn sie nicht so menschenleer und ins Grau getunkt wäre – und kein Wachturm anbei stünde. Besucher mutmaßen, das sei bestimmt eine Gefängnis­siedlung, ein Ort der Verbannung, irgendwo in Asien. Wer weiß, vielleicht ist das auch viel näher.

„The Settlement“ von Hans Op de Beeck, Emschermündung, Dinslaken, Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„The Settlement“ von Hans Op de Beeck, Emschermündung, Dinslaken, Foto: Roman Mensing / EMSCHERKUNST.

Ein paar Meter hoch zum Deich hat Reiner Maria Matysik (*1967 in Duisburg, lebt in Berlin und Braunschweig) seine Versuchsanordnung Fluss wird Wolke installiert. In einem auf dem Deich platzierten Container wird Wasser der Emscher von einer geheimnisvollen Apparatur alle zweidrei Minuten mit großen Paff als Wolke ausgestoßen, die ist hübsch anzusehen und müffelt ziemlich. Anbei simuliert ein Haufen Hohlkugeln eine sehr spacy Forschungstation, darin aus Plastik geformte Wolkenskulpturen und ein Hochbett, das für 60 Euro zur Übernachtung buchbar ist.

„Fluss wird Wolke“ von Reiner Maria Matysik, Emschermündung Dinslaken. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„Fluss wird Wolke“ von Reiner Maria Matysik, Emschermündung Dinslaken. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST.

Der Baum wundert sich in Duisburg

Einige Kilometer den Rhein hinauf und den Deich hinunter, jetzt schon auf Duisburger Gebiet, inszeniert Michael Sailstorfer (*1979 in Velden, lebt in Berlin) sein Projekt Antiherbst, das von der Rheinischen Kulturraumverdichtung den undotierten Sonderpreis in der Kategorie „jung und positiv bekloppt“ bekommt. Mehrere Monate lang hat Sailstorfer im Herbst/Winter letzten Jahres jedes welke Blatt eines recht einsam auf dem Deich rumstehenden Baums eingesammelt, in dem Bauwagen anbei mit grüner Farbe lackiert und mit Kabelbinder zurück an den Baum gehängt. Gegen Weihnachten war der Baum dann wieder vollständig grün beblättert. Im Bauwagen dokumentiert ein kurzes Video jetzt die Aktion (leider in etwas eingeschränkter Videoqualität), der Baum ist mittlerweile wieder vom künstlichen Grün befreit, es geht ihm gut, er wundert sich.

„Antiherbst“ von Michael Sailstorfer, Rheinauen Duisburg. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„Antiherbst“ von Michael Sailstorfer, Rheinauen Duisburg. Foto: Roman Mensing / EMSCHERKUNST.

Zwei sehenswerte Sachen, die bereits 2010 an der Emscher zu sehen waren, sind heuer nach Duisburg verzogen. Am Walsumer Nordhafen hat Mark Dion (*1961 in New Bedford, lebt in New York und Beach Lake PA), 2012 auf der Documenta 13 vertreten, einen Gastank sehr hübsch zum Standort der Gesellschaft der Amateur-Ornithologen umgestaltet: ein plüschiges, Käpt’n Nemo Interieur mit Sofa, Sekretär und Bar (letztere leider verschlossen). Im Landschaftspark Duisburg-Nord ist u.a. die sehr beeindruckende, vierteilige filmische Rauminstallation des Münchener Künstlerduos M+M (Marc Weis, *1965, Martin De Mattia, *1963) zu sehen: Schlagende Wetter, eine zyklische Rekonstruktion des Strukturwandels am Beispiel einer Ruhrgebietsfamilie.

„Grand Tour Nouveau“ von Elin Wikström, Duisburg-Marxloh. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„Grand Tour Nouveau“ von Elin Wikström, Duisburg-Marxloh. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST.Bemerkenswert ist zudem eine Aktion und Installation von Elin Wikström (*1965 in Karlskrona, lebt in Gothenburg/Umeå): Grand Tour Nouveau. Wikström arrangiert in zwei aufgelassenen Marxloher Laden­lokalen Fundstücke, Erfahrungsberichte und Einsichten, die drei Reisende im letzten Jahr auf der Suche nach Spuren des Strukturwandels weltweit und in der Region gesammelt haben. Teil der Installation ist ein ins Dreidimensionale aufgezogener Nahverkehrsplan, in deren Linienführung Schubladen und Klappen eingelassen sind, da kann man nach Fotos, Berichten, weitgereisten Zigarettenstummeln und Glasscherben, sowie einem Rezept für Mutterkugeln suchen.

Oberhausener Winde

Am Oberhausener Kaisergarten ist jetzt Tobias Rehbergers (*1966 in Esslingen, lebt in Frankfurt, Goldener Löwe auf der Biennale Venedig 2009) Slinky Springs to Fame zu begehen. Die mit den zwei gewundenen Rampen insgesamt 460 Meter lange Brückenskulptur war ein Projekt der Emscherkunst 2010, konnte aber erst im Sommer 2011 fertig gestellt werden. Jetzt verbindet die verspielt elegante Fußgängerbrücke, von zwei Spiralbändern umhüllt, den Kaisergarten mit der Emscherinsel. „Slinky“ heißen diese Spiralspielzeuge, die z.B. Treppen hinab steigen können, in den 40er Jahren von Betty und Richard James erfunden (ein zufälliges Nebenprodukt von militärischen Forschungen im Zweiten Weltkrieg).

„Slinky Springs to Fame“ von Tobias Rehberger. Foto: jvf„Slinky Springs to Fame“ von Tobias Rehberger. Foto: jvf.

Drei Kilometer die Emscher (und den Rhein-Herne-Kanal) hinauf ist der Zauberlehrling von ähnlich berückender und leichtfüßiger Eleganz. Das Berliner Künstlerkollektiv Inges Idee (Hans Hemmert, Axel Lieber, Thomas A. Schmidt und Georg Zey) stellt auf eine Brache in Borbeck einen zu tänzerischer Bewegung gebogenen Freileitungsmast in den Wind. Ich hoffe, das Geld reicht, ihn dort dauerhaft, von Freileitungen befreit, tanzen zu lassen.

Der „Zauberlehrling“ von Inges Idee nahe Haus Ripshorst in Oberhausen. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNSTDer „Zauberlehrling“ von Inges Idee nahe Haus Ripshorst in Oberhausen. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST.

Auf halbem Weg zwischen Rehberger Brücke und dem Zauberlehrling, im Oberhausener Gasometer, ist noch bis Ende 2013 Christos Big Air Package zu sehen. Die laut Eigenwerbung „größte Innenraumskulptur der Welt“ gehört nicht zur Emscherkunst, kostet im Unterschied zu deren Werken auch Eintrittsgeld, liegt aber halt auf dem Weg: Mehr als 20.000 m² weißes, halbtransparentes Gewebe wird von zwei Gebläsen und mehr als 4 km Seil zu einem Ballon geformt, 90 Meter hoch, 50 Meter im Durchmesser. Die sakral anmutende Installation schlingert ein wenig zwischen Überwältigungsrhetorik und Leichtigkeit, von oben fällt Tages- und Kunstlicht ein und verheißt Erlösung. Im finsteren, unteren Bereich des Gasometers informiert eine Ausstellung über die Karriere von Christo und Jeanne-Claude, die Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen zeigt unterdessen Entwürfe für den Luftballon.

Das Wasser von Essen

Ganz im Norden von Essen, am Mathias Stinnes Hafen in Karnap, ist – wie schon vor drei Jahren – Marjetica Potrčs (*1953 in Ljubljana, lebt ebd.) Between the Waters: The Emscher Community Garden auszuprobieren: Die konkrete Utopie einer ebenso verspielten wie ökologisch korrekten Wasserwirtschaft, die die slowenische Künstlerin zusammen mit dem Architekturbüro Ooze bei Altenessen installiert hat. Die Wasseraufbereitungsrampe durchmisst die gesamte Emscherinsel, die an dieser Stelle allerdings nur 75 Meter breit ist. Das Wasser der Emscher wird mittels einer Pflanzenkläranlage gereinigt und zusammen mit gesammeltem Regenwasser für die Bewässerung eines kleinen Nutzgartens verwendet, für die Toilettenspülung zweier gelber Klohäuschen, die über der Emscher am hohen Ende der Rampe schweben, und für eine Trinkwasserstation, die in den Rhein-Herne-Kanal reinragt. Den Warnhinweis „Trinken auf eigene Gefahr“ sollte man allerdings ernst nehmen – das Zeugs schmeckt abscheulich.

„Between the Waters“ von Marjetica Potrč und Ooze Architects (Eva Pfannes/ Sylvain Hartenberg) in Essen Karnap. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„Between the Waters“ von Marjetica Potrč und Ooze Architects (Eva Pfannes/ Sylvain Hartenberg) in Essen Karnap. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST.

Der Drache von Gelsenkirchen

Auf den Kohlebunker im Nordsternpark fesselt der argentinische Künstler Tomás Saraceno (*1973 in San Miguel de Tucumán) mit Ring Bell – the solar orchestra and the wind structures einen 13 Meter durchmessenden Flugdrachen. Allerdings ist der Drache doch sehr an die Kette gelegt und verfehlt seine Bestimmung. Da ist Saracenos Installation in orbit im Düsseldorfer Ständehaus (vermutlich bis Herbst 2014) deutlich wirkungsmächtiger.

„Ring Bell - the solar orchestra and the wind structures“ von Tomás Saraceno auf dem ehemaligen Kohlebunker im Gelsenkichener Nordsternpark. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST„Ring Bell – the solar orchestra and the wind structures“ von Tomás Saraceno auf dem ehemaligen Kohlebunker im Gelsenkichener Nordsternpark. Foto: Roman Mensing/EMSCHERKUNST.

Am Gelsenkirchner Nordsternpark, sowie an neun weiteren Standorten entlang der Emscherkunst sind provisorische Zeltplätze eingerichtet. Der unvermeidliche Ai Weiwei – oder seine Merchandising Company – hat 1.000 Zelte in Serien zu je 100 Stück mit Motiven aus seinen früheren Arbeiten bedrucken lassen: Aus der Aufklärung. Für 12 Euro kann man ein Zelt für eine Nacht buchen. Die soziale Skulptur, die damit intendiert ist, leidet aber unter den Wetterverhältnissen des rheinischen Sommers 2013.

Praktische Hinweise

Der beste Weg die Emscherkunst zu erkunden ist eine mehrtägige Fahrradtour. Der Veranstalter schlägt drei Tagesrunden vor: eine um Dinslaken („Tour 1 Emschermündung“, 26 km), eine um Duisburg („Tour 2 Alte/Klein/Heutige Emscher“, 36 km) und die Strecke Oberhausen – Gelsenkirchen („Tour 3 Emscherinsel“, 28 km). Wem das zu viel ist, würde ich empfehlen, zwischen Dinslaken und Oberhausen nur die südliche Route zu nehmen, die an allen Highlights vorbeiführt und bis hin nach Gelsenkirchen mit grob geschätzen 65 km sehr bequem an zwei Tagen zu machen ist.

Die Ausschilderung ist heuer deutlich besser als vor drei Jahren, unübersichtlich ist nur die Wegführung in Duisburg, da kommt man ohne die, für fünf Euro erhältliche Radkarte selbst mit Smartphone und Google Maps nicht gut durch.

Taugliche Räder kann man bei revierrad.de an allen vier Besucherzentren (Dinslaken, Duisburg, Oberhausen, Gelsenkirchen) für überschaubares Geld ausleihen. Eine Reservierung übers Web wäre an sich möglich, aber die Kollegen vom Revierrad haben ihr eigenes Buchungssystem noch nicht so ganz im Griff.

Emscherkunst.2013. K: Florian Matzner. Dinslaken, Duisburg, Oberhausen, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, 22. Juni – 6. Oktober 2013.