Die Socken – Opus 124 von Daniel Colas im Schlossparktheater Berlin

Chapeau!

Katharina Thalbach inszeniert die deutsche Erstaufführung des französischen Erfolgstücks über zwei grantelnde Altschauspieler mit Dieter Hallervorden und Ilja Richter am wieder eröffneten Schlossparktheater in Steglitz.

Außenansicht Schlossparktheater. Foto: Andreas Praefcke. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin-Steglitz_Schlossparktheater2009_3.jpg . Lizenz: CC-BY-Unported-3.0Man kann gar nicht anders, als diesem Projekt gegenüber große Sympathie zu hegen. Dieter Hallervorden, jetzt auch schon 73 Jahre alt, hat einen großen Haufen Geldes aus eigener Tasche herausgekramt (man spricht von mehr als einer Million), um das leerstehende Schlossparktheater in Steglitz renovieren zu lassen und fortan als private Bühne zu betreiben. Das muss man sich erstmal trauen, in dieser Zeit ein neues Privattheater aufzumachen – ohne Subventionen für den Spielbetrieb. Die Stadt stellt lediglich das Gebäude fünf Jahre mietfrei.

Von Barlog zu Hallervorden

Das Haus hat einige Theatergeschichten hinter sich. Nach dem Krieg war Boleslaw Barlog hier Intendant, die deutsche Erstaufführung von Becketts Warten auf Godot lief hier 1953. Bis zur Abwicklung der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin 1993 war das Schlossparktheater das kleine Haus des Westberliner Staatsschauspiels. Danach gab es verschiedene Versuche das Ding privat und bezuschusst zu bespielen, ohne eine dauerhaft tragfähige Lösung zu finden. Zuletzt lief hier eine dieser Casting-Shows, ich weiß nicht was, dann Leerstand.

Der hübsche klassizistische Bau, ein denkmalgeschütztes ehemaliges Wirtschaftsgebäude des Gutshauses Steglitz, 1921 zum Theater ausgebaut, heute etwas unwirtlich vis-à-vis der Südwestrampe der Stadtautobahn 103 gelegen, ist jetzt wieder stadtfein, der Vorgarten gepflegt, die Eingangshalle glänzt mit Marmor und Lüster, die gediegene Holzvertäfelung des Erfrischungsraums ist aufpoliert. Der Theatersaal selbst ist eher funktional gehalten, fasst rund 450 Plätze, den muss man erstmal voll kriegen.

Ophelia saunt nicht

Seit 1. September versucht Hallervorden das mit einem Programm, das „Unterhaltung mit Anspruch“ liefere, so sagt er, mit großen Namen, mit Sprechtheater vornehmlich. Und:

Sie können sicher sein, daß wir keinem Trend hinterherhecheln. So werden Sie in unseren Spielplangestaltungen garantiert nicht erleben, daß Hamlet seine Ophelia in der Sauna trifft.

So schreibt er auf der Homepage seines Theaters. Die Nachtkritik zeigte sich etwas angepisst über diese Einlassung, die „auf tiefsitzende anti-moderne Reflexe einer bestimmten Publikumsschicht“ setze. Nunja, immerhin habe ich jetzt eine Ahnung, was gemeint sein könnte, wenn derzeit von allenthalben „Regietheater“ gefaselt wird: saunende Ophelien, soso. Aber ich schweife ab.

Rilke mit Pappnase

Die Socken – Opus 124 also heißt das Zweipersonenstück, mit dem Anfang September der Spielbetrieb aufgenommen wurde. Der französische Regisseur und Autor Daniel Colas hat das vor zwei Jahren in Paris mit einigem Erfolg auf die Bühne gebracht und Michel Galabru hat für seinen Part im Original immerhin 2008 einen Molière als bester Hauptdarsteller eingefahren (wichtigster französischer Theaterpreis).

Paris im Winter, eine unbeheizte Probebühne. Zwei alternde Schauspieler, ein ungleiches Paar. Der eine, von etwas beschränkter Weltsicht, hat große Erfolge als Komödiant hinter sich (Dieter Hallervorden), der andere, früher Shakespeare-Mime, gibt sich gerne weltläufig, versucht jetzt in Regie zu machen (Ilja Richter). Für beide sind die fetten Jahre längst vorüber, man ist pleite, die Socken sind löchrig, die Frauen weg, die Kinder entfremdet. Die kleinen Eitelkeiten und die großen Träume vom Erfolg sind geblieben.

Man probt für einen Lyrikabend mit Musikeinlagen (Schiller, Goethe, Rilke – ok, wir sind nur zu einem Drittteil in Paris), womöglich im Clownskostüm vorgetragen, mit grotesker Pantomime versetzt. Aber eigentlich kommen sie nicht zum Proben: sie sticheln, granteln, verteidigen gegeneinander Terrain, das längst verloren ist, kommen sich näher, entzweien sich, machen weiter: beide können nicht mehr anders, als das Ding durchzuziehen. Derweil warten sie auf das Erscheinen eines Produzenten, von dem sie Finanzierung erhoffen (Hallervorden erzählt gerne, dass das ganz dem Geist des Hauses entsprechend an das Beckettsche Warten erinnere, nunja).

Alle Achtung

Die Kritik hat die Premiere vor vier Wochen, bei allem Wohlwollen fürs Projekt, etwas mäkelig aufgenommen. Und vielleicht ist das kein richtig gutes Stück. Die Konstellation ist ein bisschen sehr statisch und deshalb hängt das Ding zwischendurch mitunter (Colas hat sich die Eskalation als Mittel die Statik zu durchbrechen verkniffen, warum, weiß ich nicht).

Aber das Trio Thalbach, Hallervorden, Richter baut daraus einen insgesamt sehr vergnüglichen Abend und das weitgehend ohne billigen Klamauk. Manchmal macht Hallervorden schon noch den Didi, mit schiefem Mund, grotesker Intonation, Palimpalim. Und ein Großteil des Publikums, zuvor sichtlich irritiert davon, dass hier nicht ihr Didi auf der Bühne steht, nimmt das dankbar auf. Das ist ein bisschen schade. Trotzdem, als Auftakt für das Projekt, die Schlossparkbühne mittels gut gemachtem Unterhaltungstheater zu reanimieren, ist dieser Abend alle Achtung wert.

Daniel Colas, Die Socken – Opus 124. R: Katharina Thalbach. D: Dieter Hallervorden, Ilja Richter. Berlin, Schlossparktheater. P: 2.9.2009 (DE).