Die besten nationalen Pavillons – Biennale Venedig 2019

Ein Rundgang

Litauen, Belgien, Schweiz, Brasilien, Albanien, USA, Portugal, Ghana und Kroatien: Ein kritischer Rundgang durch die besten Pavillons der 58. Internationalen Kunstausstellung in Venedig 2019.

Venedig, Calle Nuova. Foto: jvf

Insgesamt 87 nationale Beiträge („partecipazioni nazionali“) sind auf der 58. Kunstbiennale von Venedig 2019 zusammen gekommen – von Ägypten bis Zypern. Der 87. ist der Pavillon Venezuelas, der aus naheliegenden Gründen mit einigen Tagen Verspätung geöffnet hat.

Es ist nicht zu übersehen, dass die durchschnittliche Qualität der Länderbeiträge nicht das Niveau der Venedig­biennalen vor zwei oder vier Jahren erreicht, ohne dass man wie der Kollege der FAZ gleich von „Versagen“ der nationalen Pavillons sprechen muss. Neben viel Mittelmaß und einigen Ausreißern weit nach unten (da gibt es ganz erstaunlich schlechte und dumme Kunst zu sehen), gibt es genug spannende und sogar faszinierende Arbeiten. Welche Pavillons sollte man also nicht verpassen? In der Kurzfassung für eilige Menschen: Auf die Agenda gehören

Sun & Sea im litauischen Pavillon [Castello, LT]

Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko
Litauischer Pavillon, Biennale di Venezia 2019. Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė und Rugilė Barzdžiukaitė, Sun and Sea. Foto: © Andrej Vasilenko.

Fangen wir mit den Preisträgern an. Völlig zu Recht mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet: Der litauische Pavillon zeigt Sun & Sea (Marina), eine musikalisch zwar etwas konventionelle, aber szenisch hinreißend skurrile Performance von Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė.

In der Magazinhalle Nr. 42 des Arsenale (aber außerhalb des Biennale-Ausstellungs­geländes) ist ein Sandstrand aufgeschüttet, auf dem performende Urlauber singen, solo, im Chor, a cappella oder mit minimalistischer Begeleitung durch eine Elektro-Orgel. In 24 Nummern – vom „Sunscreen Bossanova“ bis zum „Vacationers᾽ Chorus“ – erzählen sie von den Verheißungen und den Abgründen des Strandurlaubs.

Allerdings ist das logistisch etwas schwierig, die Performance wird nur Samstagen gezeigt, für den Einlass muss man sich auf längere Wartezeiten gefasst machen. Mehr zum litauischen Pavillon: Die Goldenen Löwen – Biennale Venedig 2019.

Mondo cane im belgischen Pavillon [Giardini, BE]

Jos de Gruyter und Harald Thys, Der Schleifer von Wexford. Belgischer Pavillon, Mondo cane. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli
Jos de Gruyter und Harald Thys, Der Schleifer von Wexford. Belgischer Pavillon, Mondo cane. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli.

Bei der Löwenausteilung musste sich der belgische Pavillon mit dem Trostpreis einer „besonderen Erwähnung“ zufrieden geben. Das Publikum hat aber sichtlich Spaß an dem Panoptikum monströser und obsessiver Menschlich­keit, die das belgische Künstlerduo Jos de Gruyter und Harald Thys (*1965/1966) unter dem Titel Mondo cane („Hundswelt“) präsentiert.

Neunzehn lebensgroße Figuren sind das, wenn ich mich nicht verzählt habe. Zum Teil bewegen sie sich oder sind mit einem Soundtrack versehen. Die fiktionalen Geschichten dieser Figuren erzählt ein kleiner Ausstellungs­führer.

Der Pizzabäcker „Sateri“ wälzt unablässig seinen Teig – Grundlage des finanziellen Erfolgs seiner Pizzakette sei der Ankauf verdorbener Lebensmittel, seine Pizzen seien besonders bei holländischen und deutschen Touristen beliebt gewesen. Der „Schleifer von Wexford“ verrichtet sein Handwerk – er sei verschwunden, nachdem eine Augen­zeugin ihn beschuldigt habe, Urheber einer Mordserie zu sein, bei der die Opfer mit perfekt geschärftem Werkzeug geköpft worden seien.

Jos de Gruyter und Harald Thys, Ernst Wollemenger / Jacobina Bienebol / Madame Legrand. Belgischer Pavillon, Mondo cane. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli
Jos de Gruyter und Harald Thys, Ernst Wollemenger / Jacobina Bienebol / Madame Legrand. Belgischer Pavillon, Mondo cane. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli.

Andere Figuren bleiben stumm und unbeweglich: Die „Rattenfrau“, die den Tod bringt, der Stasi-Spitzel mit den Koffern, die seine Notizen enthalten, oder die Denunziantin, die Juden im besetzten Paris an die Nazis verraten hat. Manche dieser Figuren sind so gefährlich, dass sie im Pavillon hinter Gittern ausgestellt sind.

Die „besondere Erwähnung“ der Biennale-Jury erläutert:

Schonungslos in seinem Humor, bietet der belgische Pavillon eine alternative Sicht auf unterschätzte Aspekte gesellschaftlicher Beziehungen in Europa. Die unheimliche Präsentation einer Serie von fiktionalen Charakteren in Form von mechanisierten Puppen, die auf volkstümliche Stereotypen basieren, erlaubt dem Pavillon auf verschiedenen Ebenen zu wirken, während er eine – wenn nicht mehrere – parallele Wirklich­keiten schafft.

Einwurf: Videokunst

Die auf dieser Biennale dominierende Spielart der Präsentation in den Pavillons ist aber weder Performance noch Kuriositäten­kabinett, sondern die Video­installation, auf möglichst großer Leinwand mit noch größerer Geste. Das ist keine gute Entwicklung.

Auf den ersten Blick machen diese Arbeiten oft mächtigen Eindruck. Kunststück, die Poetik der Überwältigung ist ihr Kern. Sie sind meist aufwändig produziert, aufwändig präsentiert, gerne – besonders bei Mehrkanal­videos in einfassender Installation – mit dem Label „immersiv“ getaggt.

Vom brutal geschnittenen Anarcho-Roadmovie (Laure Prouvost im französischen Pavillon) über die schlagschattig-schwarzweiß gefilmte Dystopie (Larissa Sansour im dänischen Pavillon) und die verspielte musikalische Eroberung eines Parlaments­gebäudes (Angelica Mesiti im australischen Pavillon) bis hin zum Zweikanal-Jesusschinken (Pablo Vargas Lugo im mexikanischen Pavillon) ist auf dieser Biennale so ziemlich alles zu haben. Am sympathischsten ist mir da noch die vergleichsweise kleinformatige Kinder-auf-Weltraummission-Phantasie von Driant Zeneli im albanischen Pavillon, weil sie starke Bilder mit gewollter Imperfektion verbindet (Maybe the cosmos is not so extraordinary).

Das Problem: Dem zweiten Blick hält diese Video- und Installations­kunst meist nicht stand. Genauer: Die Frage, gucke ich mir das auch in einem zweiten Durchlauf an, muss man sich meist abschlägig bescheiden. Sei es, dass der großformatigen Präsentation eine vergleichs­weise klein­formatige künstlerische Idee gegenüber steht; sei es, dass das filmische Vermögen den technischen Mitteln weit unterlegen ist oder dass sich das Konzept in raunender Unbestimmt­heit verliert: Irgendwas ist immer, maybe this art ist not so extraordinary.

Ivan Lam, One Inch. Pavillon Malaysias, Holding Up a Mirror. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Andrea Avezzù
Ivan Lam, One Inch. Pavillon Malaysias, Holding Up a Mirror. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Andrea Avezzù.

Für ein erholsames Satyrspiel zum Video-Overkill kann man einen Abstecher in den Pavillon Malaysias einlegen. Dort hat Ivan Lam (*1975) in einem Dunkelraum neunzehn handelsübliche Monitore mit einem Abstand von titelgebenden One Inch mit der Bildschirmfront gegen die Wand gehängt. Man sieht also nur die blauweißen Widerschein der malayischen Filme, die da laufen und muss nur noch mit der Kakophonie der Tonspuren zurechtkommen.

Moving Backwards im Schweizer Pavillon [Giardini, CH]

Pauline Boudry / Renate Lorenz, Moving Backwards, Schweizer Pavillon auf der 58. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2019. Courtesy the artists. Foto: Annik Wetter
Pauline Boudry / Renate Lorenz, Moving Backwards, Schweizer Pavillon auf der 58. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2019. Courtesy the artists. Foto: Annik Wetter.

Gleiviel, zu den stärksten Auftritten in der Kategorie der Video­installationen gehört Pauline Boudry und Renate Lorenz᾿ (*1972/1963) Einrichtung des Schweizer Pavillons: Moving Backwards.

Mit schwarzem Glitzervorhang im Saal und kunstfellig-schriller Bar im Innenhof (leider ohne Ausschank) deutet die Schweizer Niederlassung auf der Biennale einen Nachtclub an. Auf der Leinwand experimentieren fünf Performerinnen mit tänzerischen Rückwärts­bewegungen, zum Teil laufen auch Sequenzen des Films rückwärts.

Zum dröhnenden Soundtrack gehört Dancefloor, zum Schluss wird die Schweizer Nationalhymne rückwärts abgespielt (ich meine jedenfalls, dass es die Nationalhymne war – rückwärts als Nichtschweizer nicht leicht zu erkennen).

Pauline Boudry / Renate Lorenz, Moving Backwards, Schweizer Pavillon auf der 58. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2019. Courtesy the artists. Foto: Annik Wetter
Pauline Boudry / Renate Lorenz, Moving Backwards, Schweizer Pavillon auf der 58. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2019. Courtesy the artists. Foto: Annik Wetter.

In einem Brief an die Besucher verweisen „Renate und Pauline“ auf den umfassenden Backlash in Sachen Grenzen und Ausgrenzung, Gender-Politik, hate speech. Sie hätten dagegen naturgemäß kein Rezept. Aber Frauen der kurdischen Guerilla hätten ihre Schuhe verkehrt herum getragen auf ihrem Weg in den schnee­bedeckten Bergen. Diese Taktik habe ihr Leben gerettet:

Lasst uns diese Geschichte als Anknüpfungspunkt für das Projekt nehmen: Können wir die taktische Ambivalenz dieser Bewegung als Mittel verwenden zusammenzukommen, unsere Begehren zu re-organisieren und Wege zu finden, Freiheiten auszuleben?

Swinguerra im brasilianischen Pavillon [Giardini, BR]

Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Swinguerra 2019. Filmstill. Courtesy: Fundação Bienal de São Paulo
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Swinguerra 2019. Filmstill. Courtesy: Fundação Bienal de São Paulo.

Drüben im brasilianischen Pavillon weiß man nichts vom Zweischrittevorwärts-Einschrittzurück: „Ordem e Progresso“, Ordnung und Fortschritt, ist das Motto auf der brasilianischen Flagge und dazu salutieren die queeren Tänzer mit einiger Doppelbödigkeit und noch mehr alegria in Bárbara Wagner und Benjamin de Burcas (*1980/1975) Zweikanal-Videoinstallation Swinguerra.

Die Musik ist natürlich viel besser als im Schweizer Pavillon, die expliziten lyrics können dem Mitteleuropäer gesetzten Alters allerdings rote Ohren verschaffen.

Wagner und de Burca präsentieren eine Mischung von Tanz- und Musik­dokumentation und Ansätzen einer fiktionalen Erzählung um Ausgrenzung und Selbst­behauptung (in der narrativen Dimension gerät der Film allerdings sehr schnell an die Grenzen des filmerzählerischen Vermögens seiner Macherinnen). Sie konfrontieren drei neuere Tanz- und Musikstile, die in Brasilien Jugendliche als gegenkulturelle Plattform mobilisieren, so lese ich: „brega“, „batidão do maloca“ und eben „swingueira“, das im Titel der Installation zu „Swinguerra“ wird, wohl als Verweis auf den battle der Protagonistinnen.

Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Swinguerra 2019. Filmstill. Courtesy: Fundação Bienal de São Paulo
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Swinguerra 2019. Filmstill. Courtesy: Fundação Bienal de São Paulo.

Bárbara Wagner:

Swingueira ist eine Art Update einer Reihe von Traditionen wie Square Dance, Sambaschulen und trio elétrico. Das wird autonom und unabhängig praktiziert von Jugendlichen, die sich regelmäßig auf Sportplätzen in den Außenbezirken von Recife treffen. Geboren aus der Notwendigkeit sozialen Zusammenhalts, beinhaltet dieses Phänomen eine Identitäts­erfahrung und ist auf der Bühne und auf Instagram als ein Art Mainstream-Spektakel angekommen – überlebt aber uneingeschränkt auch außerhalb davon.

Driant Zeneli im albanischen Pavillon [Arsenale, AL]

Wie oben bereits angedeutet, will ich in Sachen Video­installation noch auf einen Außenseiter hinweisen. Der Performance- und Videokünstler Driant Zeneli (*1983) bespielt schon zum zweiten Mal (nach 2011) den albanischen Pavillon und hat ein sehr hübsches, kurzes Zweikanal­video mit einem noch hübscheren Titel mitgebracht: Maybe the cosmos is not so extraordinary.

Driant Zeneli, Maybe the cosmos is not so extraordinary, 2019, Zweikanal-Videoinstallation. © the artist and prometeogallery di Ida Pisani, Milan Lucca
Driant Zeneli, Maybe the cosmos is not so extraordinary, 2019, Zweikanal-Videoinstallation. © the artist and prometeogallery di Ida Pisani, Milan Lucca.

Eine Gruppe von Kindern in sehr space-artig aussehenden Bergwerks­anzügen erkundet eine Mine. Aus dem Off werden expeditions­tagebuchartige Texte gesprochen, offensichtlich befindet sich die Kinder-Expedition auf einer Weltraum­mission. Wenn ich das richtig verstehe, sind das Auszüge aus dem Science-Fiction-Roman eines albanischen schriftstellernden Physikers (Arion Hysenbegas).

Die Expedition entdeckt eine geheimnisvolle riesige Kugel und beschließt, das Ding mitzunehmen und die Kinder rollen, schieben und zerren es über das Minengelände, vielleicht ist darin ja noch Leben erhalten. Mehr passiert eigentlich nicht, aber das Ganze ist in sehr schönen Bildern und charmant unbeholfenen Laien­darsteller auf dem Werksgelände einer Mine in Bulqize in Nordalbanien gedreht.

Liberty im US-Pavillon [Giardini, US]

Martin Puryear, Swallowed Sun, 2019. Pavillon der USA, Martin Puryear: Liberty / Libertà. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli
Martin Puryear, Swallowed Sun, 2019. Pavillon der USA, Martin Puryear: Liberty / Libertà. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli.

Ganz was anderes. Vor das antikisierende Säulenportal des US-Pavillons in den Giardini ist eine Großplastik gestellt: Swallowed Sun (Monstrance and Volute) (2019). Ob die dunkle Leerstelle, die ihr Licht als durchlässiges Strahlengitter aus Kiefernholz gerade noch aussendet, für die Sonne der Freiheit oder auch das Auge der Vorsehung steht, kann man dahin gestellt sein lassen. Darüber, dass der spiralförmige Schlauch das Licht abzusaugen droht und Finsternis hinterlassen könnte, wird man nicht streiten.

Mit 8 Skulpturen aus den Jahren 2010 bis 2019 bespielt der amerikanische Bildhauer Martin Puryear (*1941) die US-Vertretung auf der Biennale als symbolische Annäherung an den Begriff der Freiheit mit den Mitteln der Skulptur.

Die Form von Kopfbedeckungen und ihr Potential als Zeichensystem interessiert Puryear. Eingangs sind zwei Arbeiten zu sehen, die die Formen von Feldmützen des amerikanischen Bürgerkriegs und des aso oke aufnehmen, der feierlichen Kopfbedckung der Yoruba: Tabernacle, 2019 / Aso Oke, 2019. Ausgangs steht eine phrygische Mütze aus rotgestrichenem Zendernholz (Big Phrygian, 2010-14) und erinnert an Freiheits­bewegungen von Sklaven und natürlich an die französische Revolution.

Martin Puryear, Big Phrygian, 2010-14. Pavillon der USA, Martin Puryear: Liberty / Libertà. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli
Martin Puryear, Big Phrygian, 2010-14. Pavillon der USA, Martin Puryear: Liberty / Libertà. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Francesco Galli.

In Zentrum, der Rotunde des Pavillons, hat Puryear die ortsspezifische Skulptur A Column for Sally Hemings (2019) gestellt. In eine weißgestrichene Holzsäule, die die Säulen des Portals ironisiert, und auf die ein eiserner Pflock mit Kettenring gerammt ist. Sally Hemings, so lese ich, war afroamerikanische Sklavin im Besitz des dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, der auch der Vater ihrer Kinder war.

Leonor Antunes im portugiesischen Pavillon [San Marco, PT]

Die portugiesische Vertretung hat sich im edlen Palazzo Giustinian Lolin am Canal Grande eingemietet. Die Prachtsäle des Palazzo stellen die perfekten Räume für die schönsten und feinsinnigsten skulpturalen Arbeiten auf dieser Biennale bereit: a seam, a surface, a hinge, or a knot.

Leonor Antunes im portugiesischen Pavillon, a seam, a surface, a hinge, or a knot. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Andrea Avezzù
Leonor Antunes im portugiesischen Pavillon, a seam, a surface, a hinge, or a knot. 58. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia, May You Live In Interesting Times. Courtesy: La Biennale di Venezia, Foto: Andrea Avezzù.

In Zusammenarbeit mit venezianischen Kunsthandwerkern und unter Rückgriff auf Traditionen des Designs und der Architektur der Nachkriegs­moderne in Venedig strukturiert die portugiesischen Künstlerin Leonor Antunes (*1972, lebt und arbeitet in Berlin) die Räumlichkeiten des Palazzo neu.

Lindenholz und Mahagoni, Messing, Stahl, Muranoglas, Seile aus Nylon sind die Materialien aus denen Antunes ihre eleganten, abstrakten, die Vertikale ausmessenden 29 ortsspezifischen Objekte gebaut hat. Lampen­arrangements, von Seilen umspielte Säulen­konstrukte, Lamellen und Paravents sind das, in deren Ansicht man versinken möchte.

Ghana Freedom im ghanaischen Pavillon [Arsenale, GH]

El Anatsui, Earth Shedding Its Skin (2019). Flaschenverschlüsse und Kupferdraht. Variable Dimensionen. Pavillon Ghana, Ghana Freedom. Courtesy of the artist. Foto: David Levene
El Anatsui, Earth Shedding Its Skin (2019). Flaschenverschlüsse und Kupferdraht. Variable Dimensionen. Pavillon Ghana, Ghana Freedom. Courtesy of the artist. Foto: David Levene.

Ghana ist zum ersten Mal auf der Biennale vertreten. Der Auftritt ist spektakulär und wird von einem All-Star-Team getragen. Der im Frühjahr verstorbene Okwui Enwezor (Kurator der 56. Kunstbiennale 2015) war als strategischer Berater engagiert, die Kunsthistorikern Nana Oforiatta Ayim hat kuratiert, Stararchitekt Sir David Adjaye hat das Ausstellungs­design übernommen und eine an traditioneller westafrikanischer Architektur orientiertes Kammersystem in die Hallen des Arsenale gesetzt (die Erde für die Wände wurde von Ghana nach Venedig exportiert).

El Anatsui (*1944, Goldener Löwe 2015, Praemium Imperiale 2017) hat drei neue Skulpturen aus Flaschen­verschlüssen mitgebracht. Felicia Abban (*1935), die als erste professionelle Fotografin Ghanas gilt, hat eine Serie von Portraits und Selbstportraits aus den 1960er und 1970er Jahren entsandt.

Filmemacher John Akomfrah (*1957) konfrontiert in seiner Dreikanal-Videoinstallation atemberaubende Natur­aufnahmen mit albtraumhaften Bildern von Menschen, die auf Müllkippen Lebensmittel und Kleidung suchen, und symbolhaften Bildern von Migranten, die eine Wüste queren (The Elephant in the Room – Four Nocturnes, 50 min., 2019).

John Akomfrah, The Elephant in the Room – Four Nocturnes (2019). Dreikanal-Videoinstallation, 7.1 Sound. Four Nocturnes is a new commission for the inaugural Ghana pavilion at the 58th International Art Exhibition of la Biennale di Venezia. Co-commissioned by the Ministry of Tourism, Arts and Culture of Ghana, Sharjah Art Foundation and Smoking Dogs Films with support from Lisson Gallery. Foto: David Levene
John Akomfrah, The Elephant in the Room – Four Nocturnes (2019). Dreikanal-Videoinstallation, 7.1 Sound. Four Nocturnes is a new commission for the inaugural Ghana pavilion at the 58th International Art Exhibition of la Biennale di Venezia. Co-commissioned by the Ministry of Tourism, Arts and Culture of Ghana, Sharjah Art Foundation and Smoking Dogs Films with support from Lisson Gallery. Foto: David Levene.

Für eine jüngere Generation von Künstlerinnen aus Ghana und Künstlerinnen mit ghanaischen Wurzeln in der Diaspora steht eine Gemäldeserie von Lynette Yiadom-Boakye (*1977, Just Amongst Ourselves, 2019), eine Dreikanal-Videoinstallation von Selasi Awusi Sosu (*1976, 7/5/10 min., Glass Factory II, 2019) und eine Installation von Ibrahim Mahama (*1987, u.a. Documenta 14 / 56. Kunstbiennale, A Straight Line Through the Carcass of History 1649, 2016–19).

Traces of Disappearing im kroatischen Pavillon [S. Croce, HR]

Igor Grubic, Traces of Disappearing (Wild House), 2006-2019, Foto-Essay (Detail). Courtesy of the artist
Igor Grubic, Traces of Disappearing (Wild House), 2006-2019, Foto-Essay (Detail). Courtesy of the artist.

Unter den nationalen Beiträgen der Biennale gibt es heuer deutlich weniger eindrucksvolle Recherche- und Dokumentations­projekte als in den Vorauflagen. Einen starken Auftritt hat allerdings der kroatische Multi­mediakünstler Igor Grubić (*1969), etwas abseits vom restlichen Biennale-Geschehen in S. Croce (von der Vaporetto-Haltestelle San Stae aus, hat man allerdings kaum 5 Minuten Fußweg).

Grubić ist seit nunmehr 13 Jahren unterwegs, die „Spuren des Verschwindens“ im Nachkriegs­kroatien zu dokumentieren. Seine dreiteilige Foto­dokumentation Traces of Disappearing in Three Acts (2006–19) zeigt eindrucksvolle Aufnahmen einer Siedlung mit Behelfshütten von Obdachlosen (Wild House), Fotos zum unter Modernisierungs­druck stehenden Handwerk (Filigree Sidewalk) und Bilder aus stillgelegten Fabriken (Deconstruction of the Factory).

Ergänzt wird die Foto­dokumentation durch eine Videoarbeit, die gezeichnete Figuren in den fotografierten Settings aus „Deconstruction of the Factory“ agieren lässt: How Steel was Tempered (13 min., 2018) erzählt von Generationen­konflikt und -solidarität zwischen einem ehemaligen Stahlarbeiter und seinem Sohn.

Igor Grubić, How Steel was Tempered, 2018 (still). Einkanal-Video, 13 min. Courtesy of the artist
Igor Grubić, How Steel was Tempered, 2018 (still). Einkanal-Video, 13 min. Courtesy of the artist.

Übrigens: Nur wenige Fußminuten entfernt vom kroatischen Pavillon ist die Nieder­lassung von Bosnien Herze­gowinas zu finden [San Polo, BA] mit gleichfalls starken Arbeiten von Danica Dakić (*1962).