Der späte Rembrandt – National Gallery London / Rijksmuseum Amsterdam

Das Lächeln der Bathseba

Mit einer ausgezeichnet bestückten Ausstellung erkunden die Londoner National Gallery (bis 8. Jan. 2015) und das Amsterdamer Rijksmuseum (ab 12. Febr. 2015) das Spätwerk des niederländischen Barockmeisters Rembrandt van Rijn.

Rembrandt, Selbstportrait, 1669, Detail. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtRembrandt, Selbstportrait, 1669, Detail. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Die in britisch-niederländischer Kooperation erstellte Schau versammelt rund 40 Gemälde sowie etwa 50 Zeichnungen und Drucke Rembrandts (1606-1669) vornehmlich aus der Zeit ab 1654 bis zu seinem Todesjahr.

Desaströse Zeiten

Es ist eine schwierige Zeit für den Meister. Fehlinvestitionen auf dem Kunstmarkt, ein wohl etwas laxer Umgang mit geliehenem Geld, der Rückgang öffentlicher Großaufträge und wirtschaftliche Turbulenzen in Folge des 1. Englisch-Niederländischen Krieges (1652-54) bringen Rembrandt in ernste finanzielle Bedrängnis. 1656 muss er Konkurs anmelden, sein Besitz wird versteigert.

Rembrandt, Selbstportrait im Alter von 63 Jahren, 1669, Detail. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtRembrandt, Selbstportrait im Alter von 63 Jahren, 1669, Detail. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtDass öffentliche Aufträge zeitweise ausbleiben, hat verschiedene Gründe. Sein expressiver, sehr individueller Stil entspricht nicht mehr dem Zeitgeschmack, der eine lichtere und repräsentativere Malerei in der Nachfolge von Rubens bevorzugt. Und Rembrandts bürgerliche Reputation leidet unter einem unappetitlichen Rechtsstreit 1649 mit seiner ehemaligen Haushälterin und Geliebten, bei dem es um ein Heirats­versprechen und Unterhalts­ansprüche geht. Hinzu kommt das illegitime Zusammenleben mit der zwanzig Jahre jüngeren Hendrickje Stoffels. Die sitten­strenge Reformierte Kirche schließt sie wegen Unzucht von der Heiligen Kommunion aus.

Die 1660er Jahre sind zudem von noch größeren privaten Katastrophen gezeichnet. 1663 erliegt Hendrickje der Pest und Sohn Titus stirbt 1668 mit gerade mal 27 Jahren. Die recht schonungslosen späten Selbstportraits (für diese Ausstellung eingangs in einem beeindruckenden Arrangement zusammen gehängt) zeigen die Spuren, die das bürgerliche und private Desaster hinterlässt.

Das Licht der Bataver

Nach dem Ensemble von Autoportraits dokumentiert die Ausstellung verschiedene Aspekte von Rembrandts Spätwerk anhand einer beglückend umfassenden Auswahl von Werken: Die Inszenierung des Lichts, der Einsatz experimenteller Techniken in Malerei und Druckgrafik, die Auseinandersetzung mit Bildtraditionen und malerischen Konventionen, das Alltagsleben als Bildgegenstand, die Gestaltung von Intimität, Kontemplation, Introspektion und von Seelenkonflikten.

Prunkstück der Erkundung rembrandtscher Lichtregie ist die höchst selten von der Stockholmer Kunstakademie ausgeliehene Verschwörung der Bataver unter Claudius Civilis – die allerdings im Original nur bis 29. Dezember in London vor Ort ist und danach durch eine Reproduktion ersetzt wird. Das monumentale Gemälde ist ein Auftragswerk, das Rembrandt 1661/62 für den Neubau des Amsterdamer Rathauses anfertigt.

Rembrandt, Verschwörung der Bataver unter Claudius Civilis, um 1661/62. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtRembrandt, Verschwörung der Bataver unter Claudius Civilis, um 1661/62. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Ursprünglich ist nicht Rembrandt, sondern sein Schüler Govert Flinck beauftragt mit der Erstellung von zwölf Monumentalbildern mit Darstellungen zum Aufstand der germanischen Bataver gegen die Römer. Als Flinck früh stirbt, gehört Rembrandt zu den Künstlern, die die Fertigstellung des Zyklus übernehmen, zweite Wahl also. Sein Bild wird nach einiger Zeit wieder entfernt, möglicherweise für eine nachträgliche Überarbeitung, dann auf ein handlicheres Format zugeschnitten. Erhalten ist also nur ein, allerdings mächtiges Fragment des ursprünglich fünfeinhalb Meter im Quadrat großen Werks, zwei mal drei Meter groß.

Die Hände von Isaak und Rebekka

Zu den anrührendsten Bildern des Spätwerks gehört wohl das Portrait eines Paares als Isaak und Rebekka (Die jüdische Braut) aus der Zeit um 1665 (Rijksmuseum). Das portrait historié eines unbekannten Paares zeigt die Kunst Rembrandts in Sachen Inszenierung von Intimität auf ihrem Höhepunkt.

Rembrandt, Paar als Isaak und Rebekka (Die jüdische Braut), um 1665. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtRembrandt, Paar als Isaak und Rebekka (Die jüdische Braut), um 1665. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Die Ausstellungsmacher zitieren die Reaktion des notorisch enthusiasmierten van Gogh als er das Gemälde 1885 zum ersten Mal sieht, zehn Jahre seines Lebens gäbe er gerne hin, wenn er zwei Wochen vor dem Bild sitzen dürfte, und sei es bei Wasser und Brot: „Was für ein intimes, was für ein unendlich mitfühlendes Gemälde!“.

Das Lächeln der Bathseba

Nicht zehn Jahre meines Lebens gäbe ich hin, aber immerhin Wasser und Brot würde ich akzeptieren für die aus dem Louvre angereiste Bathseba mit König Davids Brief (1654).

Rembrandt, Bathseba mit König Davids Brief, 1654. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-ArtRembrandt, Bathseba mit König Davids Brief, 1654. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: PD-Art.

Sie steht in der Ausstellung – neben zwei Lukretias – als Beispiel für Rembrandts späte Kunst, dramatische Konflikte als innere Konflikte auf die Leinwand zu bringen. Bathsebas unendlich trauernder zugleich beseelter Blick ins Leere sieht, was kommen wird, ein schmerzvolles Lächeln. Der einen Hand entgleitet gleich der Brief König Davids, die andere – in überproportionaler perspektivischer Verkürzung – sucht Halt an dem Laken.

Warten auf Amsterdam

Wer etwas Geduld mitbringt kann durchaus darauf warten, dass die Ausstellung in veränderter Beschickung ab 12. Februar 2015 im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist. Dorthin werden dann auch aus Köln das Selbstportrait als Zeuxis (um 1662) und aus Braunschweig das Portrait einer Familie (um 1665) anreisen, die in London fehlen. Vielleicht gelingt es dem Rijksmuseum ja auch, den Exponaten etwas mehr Platz einzuräumen als das in den etwas beengten Londoner Räumlichkeiten der Fall ist.

Der Katalog zur Ausstellung kostet in der Museumsausgabe überschaubare 19,95 £, umfasst 304 Seiten, enthält sehr aufschlussreiche Essays vornehmlich der Kuratoren und sehr taugliche Abbildungen.

Rembrandt: The Late Works. K: Gregor J. M. Weber, Jonathan Bikker, Betsy Wiesemann. London, National Gallery, 15. Oktober 2014 – 18. Januar 2015; Amsterdam, Rijksmuseum, 12. Februar 2015 – 17. Mai 2015.