Der Monte Pellegrino in Palermo

Die Pest, die heilige Rosalia und Antoon van Dyck

Eine Wanderung auf den Pilgerberg in Palermo: Wie die Santuzza Palermo rettet, Anthonis van Dyck von der Pest festgesetzt wird und Goethe ein schönes Frauenzimmer erblickt.

Monte Pellegrino, Palermo. Foto: jvf
Monte Pellegrino, Palermo. Foto: jvf.

Die heilige Rosalia soll im 12. Jahrhundert gelebt haben, aufgewachsen als Tochter eines Edelmanns namens Sinibaldus am Hofe des ersten sizilia­nischen Königs Roger (II) in Palermo.

Man weiß nicht, ob es die drohende Vermählung mit einem gewissen Balduin gewesen ist oder aber die Folge einer Säuberungs­welle nach der Adels­verschwörung gegen Wilhelm dem Bösen: Aus irgend­einem Grund jedenfalls beschloss die ebenso junge wie fromme Rosalia, dem höfischen Leben zu entfliehen und sich fortan als Braut Christi dem Heiland zu widmen.

Vielleicht trat sie zunächst ins Basilianerinnen­kloster Santissimo Salvatore ein oder lebte als Einsied­lerin in einer Höhle bei Santo Stefano Quisquina, nördlich von Agrigento. So genau weiß man das nicht.

Ganz sicher aber soll sie zuletzt in einer Höhle auf dem Monte Pellegrino, dem Pilgerberg, bei Palermo gottesfürchtig gewirkt haben, „von den Engeln täglich mit einem halben Brot und wenig Kräutern versehen“, wie eine Legende weiß.

Vincenzo La Barbera, Santa Rosalia intercede per Palermo, 1624. Museo Diocesano di Palermo / S. Anna la Misericordia, Palermo. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Foto:jvf (Die Fassung in einer Seitenkapelle der Sant’Anna la Misericordia ist in einem schlimmen Zustand)
Vincenzo La Barbera, Santa Rosalia intercede per Palermo, 1624. Museo Diocesano di Palermo / S. Anna la Misericordia, Palermo. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Foto:jvf (Die Fassung in einer Seitenkapelle der Sant’Anna la Misericordia ist in einem schlimmen Zustand).

Der Pilgerberg von Palermo

Der Pilgerberg Palermos liegt einige Kilometer nördlich der Altstadt, ein je nach Bickwinkel hübsch definierter Kalkfelsen mit Steilwänden, Misch­vegetation, vielen Kakteen, gut 600 Meter hoch, heute mit einer Reihe von wenig schmucken Sendemasten und Antennen noch ein paar Meter höher.

Man kann nicht drumherum, Goethe zu zitieren, der vom Monte Pellegrino als dem „schönsten aller Vorgebirge der Welt“ spricht. Goethe ist mit übertriebenen Urteilen immer schon schnell zur Hand, aber damals versauen auch noch nicht prekäre Hochhaus­siedlungen die Fernsicht auf den Berg.

Pilgerweg auf dem Monte Pellegrino, Palermo. Foto:jvf
Pilgerweg auf dem Monte Pellegrino, Palermo. Foto:jvf.

Ganz glaubhaft ergriffen schreibt der deutsche Dichter angesichts der Kapelle, die Rosalia auf dem Berg gebaut ist, und darin von der Rosalia-Statue („ein schönes Frauenzimmer erblickt’ ich bei dem Schein einiger stillen Lampen“) von Gregorio Tedeschi: „vielleicht hat die ganze Christenheit […] keinen heiligen Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefühlvolle Art verziert und verehrt wäre“ und: „genug, ich konnte mich nur mit Schwierig­keiten von diesem Orte losreißen“.

Die Kapelle dankt es Goethe bis heute, zwei große Mamortafeln erinnern in italienischer und deutscher Sprache an den Besuch des Dichters:

In dieser der jungfräulichen Schutz-Patronin von Palermo geweihten Grotte verweilte am VI April MDCCLXXXVII Wolfgang Goethe ergriffen von der primitiven Einfachheit der Kapelle und von den schönen Formen der verehrten Heiligen.

Auf dem Vorplatz der Kapelle reihen sich heute Souvenir-Stände und Restaurationen mit Gelato, Pizza, Pasta und Bier. Die Infra­struktur ist für die Besatzung mehrerer Reisebusse gleichzeitig ausgerichtet. Aber wenn man wochentags in den frühen Morgen­stunden den rund einstündigen Aufstieg über den gut ausgebauten Pilgerweg macht, kann man für einige Minuten mit Tedeschis Rosalia alleine sein.

Gregorio Tedeschi, Rosalia, 1625. Foto: jvf
Gregorio Tedeschi, Rosalia, 1625. Foto: jvf.

Palermo in den Zeiten der Pest (1624/26)

Im Mai 1624 werden in Palermo erste Pestfälle registriert. Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Ein Schiff aus Tunis habe die Seuche über den Hafen Palermos eingeschleppt.

Eilends werden Lazarette eingerichtet, ein Gesundheits­ausschuss gebildet, strenge Melde­auflagen für Krankheits­fälle erlassen und die Quarantäne über die Stadt verhängt, niemand darf die Stadt mehr verlassen oder (ohne Gesundheits­nachweis) betreten.

Aber weder die seuchen­polizeilichen Maßnahmen noch mehrere Kreuz­prozessionen durch die Stadt können die Epidemie eindämmen. Es heißt, dass bereits bis Ende 1624 der Seuche in Palermo mehr als 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, das wären rund 8% der Einwohner.

Auch der Vizekönig selbst, Emanuele Filiberto von Savoyen, erkrankt Ende Juli 1624 – angeblich infolge einer Inspektions­fahrt durch die Stadt, aber die Seuche hat auch vorher schon auf den könig­lichen Palast über­gegriffen. Nach sechs Tagen der Krankheit stirbt er.

Anthonis van Dyck, Emanuele Filiberto di Savoia , 1624. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons
Anthonis van Dyck, Emanuele Filiberto di Savoia , 1624. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons.

Rosalia galt auch in früheren Pestwellen, 1494 und 1530, bereits als Helferin gegen die Seuche. Und hatte nicht das gegen­reformatorische Heilige Konzil von Trient 1563 die Verehrung von Reliquien erneut legitimiert und – vornehmlich protestantische – Ketzer, die diesem Brauch nichts abgewinnen konnten, der Verdammnis übergeben?:

so zwar, daß Diejenigen, welche behaupten, den Reliquien der Heiligen gebühre keine Verehrung und Ehre, oder dieselben und andere heilige Denkmäler werden von den Gläubigen ohne Nutzen geehret, und ihr Andenken vergeblich zur Erlangung ihrer Hülfe öfter gefeyert, des Gänzlichen zu verdammen seyen, so wie die Kirche sie schon früherhin verdammet hat, und auch jetzt verdammet […].

Es kann also nur der göttlichen Vorsicht zuzu­schreiben sein, dass in der höchsten Not des Jahres 1624, genauer am 15. Juli 1624, ein „einsamer Jäger“ (so die häufigst zu hörende Version) in einer Höhle auf dem Monte Pellegrino die sterblichen Reste der Rosalia findet.

Verblüffend langsam reagiert der Erzbischof von Palermo, Giannettino Doria. Er scheint eher auf weltliche Maßnahmen der Seuchen­bekämfung zu setzen. Erst Ende November beruft er eine Untersuchungs­kommission, die die Authentizität des Fundes prüfen soll, und muss schließlich am 22. Februar 1625 offiziell erklären, dass es sich um echte Reliquien der Heiligen handelt.

Sie werden in Prozessionen durch die Stadt getragen und in der Kathedrale in einem Reliquiar aus Silber und Kristall präsentiert, das ein viel­köpfiges Team von Künstlern in wenigen Wochen fertig stellt. Das ursprüngliche Reliquiar ist heute in einer Seiten­kapelle der Kathedrale abgestellt und kaum einsehbar. Rosalias Reste sind in einen neuen Silber­schrein umgelagert.

Heutiges Reliquiar der heiligen Rosalia, Kathedrale Palermo. Foto:jvf
Heutiges Reliquiar der heiligen Rosalia, Kathedrale Palermo. Foto:jvf.

In den Zeiten der Pest muss der Strom von Gläubigen, die in Ansicht der Reliquien Schutz vor der Plage erflehen, reguliert werden: Nur tageweise können Bewohner aus den einzelnen Stadtteilen Palermos vorgelassen werden.

Der Senat beschließt die Einrichtung einer Kapelle in der Kathedrale und den Bau einer Kirche auf dem Monte Pellegrino und im August 1625 wird Rosalia schließlich zur Stadt­patronin Palermos erhoben. Und wirklich: Die Fürsprache durch die Heilige hilft, die Seuche geht zurück.

Bischof Doria indes verkündet, dass auch nach der erfolgreichen Fürsprache der Heiligen die seuchen­polizeilichen Vorschriften bei Strafe der Exkommunikation weiterhin einzuhalten sind. Erst im Sommer 1626 ist die Epidemie endgültig überstanden.

Die Künstler von Palermo arbeiten seit dem Sommer 1624 für institutionelle und private Auftraggeber an Darstellungen der Heiligen, allen voran Vincenzo La Barbera, dessen Rosalia-Bild bei Prozessionen verwendet wird und Gregorio Tedeschi, der 1625 die sterbende Rosalia für die Kapelle auf dem Monte Pellegrino aus Carrara-Mamor haut.

Prägend aber für die Bildtradition der Rosalia-Darstellung wird ein junger Künstler aus Antwerpen, der zu Zeiten der Pest in Palermo festgesetzt war: Antoon van Dyck.

Van Dyck in Palermo

Anthonis van Dyck, Selbstbildnis, um 1620/21 und 1627. Ausschnitt. Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Anthonis van Dyck, Selbstbildnis, um 1620/21 und 1627. Ausschnitt. Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München. Lizenz: CC BY-SA 4.0. Quelle: Bayerische Staatsgemäldesammlungen.

Man muss sich das Palermo des frühen 17. Jahrhunderts – vor und nach den beiden Pestjahren – als sehr prächtige Residenz­stadt vorstellen. Der weit­gereiste Hieronymus Welsch schreibt in Erinnerung an seinen Aufenthalt im Jahr 1633, dass Palermo „heutiges Tags eine von den aller­schönsten, prächtig- und mächtigsten Städten in Europa“ sei. Er lobt die festen Wälle und Basteien, die guten Mauern, die schönen, kunstvollen Kirchen­gebäude, die vielen prächtigen Paläste und die „über alle Maßen hübschen breiten Gassen“.

Von den Palermitanern ist Welsch dagegen deutlich weniger eingenommen:

Es ist dise Stadt über alle massen volckreich / von vornemen und gemeinen Leuten / darbey seyn dieselbige fast insgemein […] gehässig und mörderisch / gegen den Frembden hart und unfreundlich / auch den Spanischen / ihrer jetzigen hohen Obrigkeit selbsten […]

Gleichviel, den jungen flämischen Maler Anthonis van Dyck zieht es 1624 in die ebenso prächtige wie unbotmäßige Hauptstadt des Königreichs Sizilien. Er ist im Oktober 1621 in Antwerpen aufgebrochen zu einem mehrjährigen Italien­aufenthalt auf den Spuren seines Meisters Rubens und hat sich vornehmlich in Genua aufgehalten, aber für einige Monate auch Rom und Venedig besucht. Und er hat sich in Italien schnell einen Namen als Portraitist gemacht.

So ist es auch ein Portrait­auftrag, der van Dyck nach Sizilien bringt: Vizekönig Emanuele Filiberto will sich von dem flämischen, jetzt 25-jährigen Jungmeister gemalt sehen. Van Dyck kommt im Frühjahr 1624 an und nimmt für 80 Unzen das Jahr Logis im Haus des flandrischen Konsuls Hendrik Dych, gleich neben dem Hafen, in der Cassaro, der Straße, die ganz Palermo von der Piazza della Marina bis zum königlichen Palast durchzieht (heute Via Vittorio Emanuele).

Es ist nicht bekannt, wie lange sich van Dyck in Palermo aufhalten wollte, durch den Ausbruch der Pest festgesetzt, sind es am Ende 1½ Jahre. Das Portrait des Vizekönigs ist rasch fertig gestellt, Emanuele Filiberto wird es vor seinem Tod noch gesehen haben. Van Dyck nimmt weitere Aufträge von Parlermi­tanern an, malt Portraits und religiöse Sujets, bezahlt auch schon mal seine Rechnungen mit Gemälden. Und er besucht eine Malerlegende – und ist sehr beeindruckt von diesem Besuch: Sofonisba Anguissola lebt 92-jährig in Palermo (und stirbt dort Ende 1625).

Vor allem aber greift van Dyck die Bild­erfindung von Vincenzo La Barberas Rosalien­darstellungen auf und entwickelt sie weiter zum wirkungs­mächtigsten Entwurf der Heiligenfigur.

Der Kunst­historiker Charles Sterling urteilt:

Van Dycks [Rosalia] ist die ideale Heilige der Gegenreformation in ihrem universellsten Ausdruck. Ihr Charme wirkt gleicher­maßen auf den Aristokraten wie auf den Mann des Volkes.

Anthonis van Dyck, Santa Rosalia, Museo del Prado, Madrid / Palazzo Abatellis, Palermo. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Foto: jvf
Anthonis van Dyck, Santa Rosalia, Museo del Prado, Madrid / Palazzo Abatellis, Palermo. Lizenz: PD-Art. Quelle: Wikimedia Commons / Foto: jvf.

Den wichtigsten Auftrag sichert sich van Dyck erst gegen Ende seines Aufenthalts in Palermo: Die Compagnia della Madonna del Rosario will ein neues Altarbild im Oratorio del Rosario di San Domenico, der Rosenkranz­kapelle des Domikaner­ordens.

Das Großgemälde soll 15 mal 10¾ palmi messen, knapp 4 mal 3 Meter, und soll unter der Madonna mit dem Rosenkranz die heiligen Dominikus und Vinzenz sowie die fünf heiligen Jungfrauen Katharina von Siena, Christina, Ninfa, Olivia, Agatha und natürlich Rosalia darstellen.

Der Vertrag wird im August 1625 geschlossen, das Honorar auf 260 neapoli­tanische Dukaten festgesetzt (drei Dukati entsprechen einer Unze), bis Februar 1626 soll van Dyck liefern. Die Auftrag­geber müssen sich aber erheblich gedulden, van Dyck arbeitet im Wesentlichen in Genua an dem Gemälde, erst im April 1628 erreicht das fertige Altarstück Palermo.

Altar und Altarbild von Anthonis van Dyck, Oratorio del Rosario di San Domenico, Palermo. Foto:jvf
Altar und Altarbild von Anthonis van Dyck, Oratorio del Rosario di San Domenico, Palermo. Foto:jvf.

Die heilige Rosalia ist die zweite von links, wie gewohnt im einfachen Stoff der Eremitin und mit gelöstem blondem Haar, ihre Hand weist auf den gestürzten Totenschädel am Boden. Ein Putto im Vordergrund hält sich die Nase zu, der Pest- und Todesgestank ist unerträglich.

Irgendwann im Frühherbst 1625 gelingt es van Dyck, das eigentlich immer noch unter Quarantäne stehende Palermo zu verlassen. Er reist über Neapel zurück nach Genua. Es gibt einige Räuber­pistolen über diese Reise, aber keine gesicherten Erkenntnisse. Ob am Ende gar der Dominikaner­orden die Hände im Spiel hat, dass der Maler die Stadt verlassen darf? Der Vertrag über das Altarbild geht jedenfalls schon davon aus, dass das Gemälde in „Neapel oder einem anderen Ort in Italien“ fertig gestellt werden solle.

Ende 1627 kehrt van Dyck nach Antwerpen zurück. Die Figur der heiligen Rosalia lässt ihn aber für einige Zeit noch nicht los. Noch 1629 malt er für die Kapelle der Sodaliteit der Bejaarde Jongmans ein Altarbild mit Maria, Kind, Peter, Paul und Rosalia. Und als der Antwerpener Verleger Cornelis Galle eine Vita S. Rosaliae veröffentlicht, stellt van Dyck Entwürfe für Illustrationen bereit.

Nur etwa zehn Gemälde, die van Dyck in Palermo gemalt hat, sind heute noch erhalten, eine wahrscheinlich deutlich größere Zahl ist verschollen. Abgesehen vom Altarbild und einer Fassung der Rosalia, die im Palazzo Abatellis (Galleria Regionale della Sicilia) zu sehen ist, deren Authentizität allerdings zweifelhaft ist, sind alle anderen in den Museen Londons, Madrids, Puerto Ricos, Houston, New Yorks ausgestellt.

Palermo feiert bis heute jedes Jahr Mitte Juli seine Stadt­patronin, die liebevoll „la santuzza“, das Heiligchen, genannt wird, mit Prozession, Feuerwerk und Volksfest.

Literatur