Das Centre Pompidou in Metz ist seit Mitte Mai 2010 geöffnet

Im Haus der Schlümpfe

Die neue Außenstelle des Pariser Museums der modernen Kunst soll dem etwas strukturschwachen Lothringen touristisch auf die Beine helfen und einer der weltweit größten Sammlungen von Kunst des 20. Jahrhunderts zusätzlichen Schauraum verschaffen. Die Eröffungs­ausstellung unter dem Label Chefs-d’œuvre? (Meisterwerke?) ist noch bis Ende Oktober 2010 zu sehen.

Außenansicht Centre Pompidou in Metz. Foto: jvf.

Das Einzige, was ich bislang mit Metz verbunden habe, sind ungute Erinnerungen: Es ist jetzt recht genau 25 Jahre her, dass mir ein unvernünftig viriler Nachwuchsbademeister aus der lothringischen Kleinstadt ein Mädchen ausgespannt hat. Die Folgen waren sehr unerfreulich und ich mag an dieser Stelle nicht weiter davon erzählen, nur soviel: Jean-Pierre war ein Riesenarschloch und Metz hat in meinen Ohren seitdem einen sehr schlechten Klang.

Die Stadt hat sich nunmehr dazu verstanden, einen Rehabilitierungsversuch zu unternehmen. Direkt hinter dem Bahnhof, in der Brache des Quartier de l’Amphithéâtre – ein aufgelassener Güterbahnhof und ein ehemaliges Messegelände hat dort Ödland hinterlassen, das seit Mitte der neunziger Jahre in einem ambitionierten städtebaulichen Projekt revitalisiert wird –, direkt hinter dem Bahnhof also, ist seit Mitte Mai 2010 die Metzer Außenstelle des Pariser Zentrums für moderne und gegenwärtige Kunst geöffnet.

Chinesische Hüte und Schlumpfpilze

Dachkonstruktion Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Ein chinesischer Hut soll es gewesen sein, der das japanisch-französische Architektengespann Shigeru Ban und Jean de Gastines zu der Dachkonstruktion inspiriert hat, die den Gebäudekomplex dominiert. Witzbolde sehen sich allerdings eher an die Wohnpilze erinnert, die weiland den Schlümpfen als Heimstatt dienten. Jedenfalls wird das elegant geschwungene, zeltförmige Dach von einer geflechtartigen Holzkonstruktion gebildet und von einer weißen Kunststoffmembran wasserdicht gemacht: sehr licht, sehr transparent, sehr hübsch das.

Drei knapp neunzig Meter lange Quader, übereinander gestapelt und in, um eine Zentralachse verschobener Ausrichtung durch das Dach getrieben, stellen als Galerien zusammen mit der Haupthalle des Baus rund 5.000 qm Ausstellungsfläche bereit. Zugleich öffnen sie mit ihren stirnseitigen Panoramafenstern den Blick auf die Altstadt und das Umland von Metz: Die Kathedrale, den wilhelminischen Bahnhof, das Quartier selber, die Landschaft der Lorraine.

Lange Nase

Decke Haupthalle Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Insgesamt ist das Ding in seiner spielerischen Leichtigkeit und Eleganz, dem Kontrast von organischen Materialen und Glas/Beton, von geschwungenen und streng geometrischen Formen, ein sehr hübscher Kontrapunkt zur technikbesoffenen Angeberei des Mutterhauses in Paris. Und so kann man das als ironische Anspielung missdeuten, wenn in der Metzer Haupthalle weißgetünchte Lüftungsschächte und Trägerkonstruktionen über Putz den Parisern eine lange Nase drehen.

Die Baukosten lagen im Übrigen bei 70 Millionen Euro, so weiß die französische Presse zu berichten. Das ist entweder gelogen, schöngerechnet oder ausgesprochen preiswert. Dafür bekommt man andernorts nicht mal eine Sechstel Elbphilharmonie und am Ende wohl keine 200 Meter U-Bahn in Köln.

In die Tiefe des Raums

Ganz deutlich versuchen die Ausstellungsmacher der Eröffnungsschau nun die verschiedenen Möglichkeiten auszuloten, die die Gebäudearchitektur für die Ausstellungsarchitektur bereit hält.

In der Haupthalle (Grande Nef) formen Stellwände in gebrochen dunklen Farben ein Labyrinth eingangs sehr kleiner Kompartimente mit niedriger Decke. Das lädt bei Großformaten entweder zu besonders intimer Begegnung ein oder ist einfach zu beengt – man muss das nicht mögen. Dann weitet sich das Labyrinth, die Decken der Kompartimente öffnen sich und geben den Blick auf das Volumen der Haupthalle frei, unter dem Dach wirft ein großer Spiegel den Blick zurück und verschiebt die Perspektive aufs Labyrinth und die ausgestellten Werke.

Galerie 2, Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.Die Bewegung vom kleinteiligen, geschlossenen Ausstellungsraum hin zu großzügiger Weite wiederholt sich in den drei Galerien. Zunächst, im untersten der drei Quader, wieder ein (zum Teil etwas ärgerlich) eng bestellter Parcours. Dann in der mittleren Galerie eine wohlsortierte, chronologische Hängung von Werken entlang eines großzügigen Hauptgangs – sehr hübsch sind dabei Kontextinformationen zu den Werken in einen durch Wanddurchbrüche einsehbaren Nebengang ausgegliedert. Zuletzt, in der dritten, der obersten Galerie weitet sich die Raumgestaltung erneut, die unverstellte Lauffläche öffnet sich hin zum Panoramafenster (mit Blick auf die Altstadt, die Kathedrale), und fast wird hier die an den Rändern ausgestellte Kunst zur Nebensache gegenüber der Rauminszenierung.

Kurz, langweilig ist das nicht.

Galerie 3, Centre Pompidou in Metz, Innenansicht. Foto: jvf.

Meisterwerke?

Die Eröffnungsausstellung steht also unter dem Label Chefs-d’œuvre?.

800 dieser Meisterwerke werden gezeigt, davon 700 aus dem Bestand, für den diese Außenstelle eingerichtet wurde: die Sammlung des staatlichen Musée national d’art moderne, die seit 1977 im Pariser Centre Pompidou beheimatet ist. Sie umfasst heuer fast 60.000 Objekte und ist damit eine der weltweit größten Kollektionen moderner Kunst. Im Pariser Mutterhaus können davon jeweils nicht mehr als 1.300 gezeigt werden, also reichlich Grund für den, in die Provinz verschobenen Erweiterungsbau.

Der Titel der Ausstellung ist natürlich erstmal ziemlich clever gewählt, weil er so unspezifisch ist, dass er auch eine etwas beliebige Zusammenstellung von ausgestellten Werken rechtfertigt und gleichzeitig die Qualität des ausgestellten Materials behauptet. Der Anspruch der Schau ist dabei nicht geringer als die Geschichte des Meisterwerks durch die Epochen verfolgen zu wollen, seine Gültigkeit im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst zu problematisieren, mit der Sammlungsgeschichte des Nationalmuseums zu verbinden, einen Überblick über die Avantgarden der Moderne zu verschaffen und nebenbei die Geschichte des französischen Kunstmuseumswesens in der Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte transparent zu machen. Das ist ein bisschen viel und dementsprechend ist das Ergebnis nicht so recht zwingend und die Werkauswahl nicht so recht stringent.

Meisterwerke!

Am besten, man ignoriert dieses überambitionierte Konzept und nutzt die Gelegenheit, neben dem Bau, die Fülle an wirklichen Meisterwerken zu genießen, die die Schau bieten kann. Zu den spektakulärsten Exponaten gehören Joan Mirós Ensemble Bleu I-III und Louise Bourgeois‘ Installation Precious Liquids. Von Matisse ist, außer einem roten Interieur, seine wunderbare druckgraphische Serie Jazz zu sehen, Benjamin Vautiers verschrobene Installation Le magasin de Ben macht publikumswirksame Gaudi.

Die Schau ist zur Gänze noch bis 25. Oktober 2010 zu sehen, dann schließen nach und nach die Ausstellungsbereiche und machen Platz für Folgeausstellungen: Grande Nef (25. Oktober), Galerie 3 (17. Januar 2011), Galerie 1 (9. Mai 2011), Galerie 2 (29. August 2011).

Der mächtige Ausstellungskatalog ist – frankreichtypisch – sehr teuer (49 Euro), hat aber einen Goldschnitt (und zum Teil sehr kleine Abbildungen).

Sehr lesenswerte Entscheidungshilfe, ob eine Reise nach Metz lohnt, gibt Frau Gorgus im Museumsblog.

Chefs-d’œuvre? Metz, Centre Pompidou – Metz. 12.05. – 25.10.2010.