Tom Waits‘ Woyzeck am Theater Oberhausen

Acht Jahre nach der Uraufführung ist am Theater Oberhausen jetzt erstmals in Deutschland die beachtliche Adaption von Büchners Drama Woyzeck als Singspiel mit Musik von Tom Waits und Songtexten von Kathleen Brennan zu sehen.

Irgendwo auf der Verliererstraße in den Staaten gibt’s ein schäbiges, kleines Stundenhotel, Sexnesse hat ein Witzbold das Ding getauft. Ein paar Nutten verrichten hier ihre Geschäfte, ein schmieriger Zuhälter, der sich seltsamerweise „Hauptmann“ nennen lässt, und ein heruntergekommener Arzt leben hier, und manchmal kommt ein GI vorbei und lässt sich das Notwendige besorgen. In dieser Trostlosigkeit und im oberen Stockwerk spielt derweil eine Combo Musik von Tom Waits: God’s away on business.

Ein Hausmeistergehilfe, Woyzeck heißt der, mitunter rasiert er die Gäste, wird vom Doktor auf eine abstruse Diät gesetzt: nurmehr von Erbsen hat er sich zu ernähren. Er hat Wahnvorstellungen, kein Wunder, hier kann man nur zum Wahnsinnigen oder zum Säufer werden: Misery’s the River of the World. Was ihn noch in dieser Welt hält, ist einzig die Liebe zu Marie. Mit ihr ist die Welt manchmal noch grün. Marie ist ein bisschen blond, würde ganz gut in eine dieser Nachmittagstalkshows passen, aber ich verstehe schon, was er an ihr hat. Bis Marie ihn mit diesem dumpfbackigen, aber virilen GI betrügt. Jetzt wird die Welt nicht mehr grün werden.

Der gerichtliche Gutachter stellt fest:

Am 21. Juni des Jahres 1821, Abends um halbzehn Uhr, brachte der Friseur Johann Christian Woyzeck, ein und vierzig Jahre alt, der sechs und vierzig jährigen Witwe des verstorbenen Chirurgus Woost […] in dem Hausgange ihrer Wohnung auf der Sandgasse, mit einer abgebrochnen Degenklinge, […] sieben Wunden bei, an denen sie nach wenigen Minuten ihren Geist aufgab […].

Das taugt vielleicht für eine mindere Folge von Richter Alexander Hold, sicher aber für eines der bedrückendsten Dramen der deutschen Theatergeschichte, das Georg Büchner Anfang 1837 fast fertig gestellt hätte, wenn er nicht unversehens unter Einfluss einer Typhusinfektion, im Alter von drei und zwanzig Jahren, seinerseits den Geist aufgegeben hätte (was die größte Tragödie der deutschen Theatergeschichte ist).

Zu Büchners Dramenfragment über den Fall Woyzeck hat also Tom Waits Musik geschrieben (zum größten Teil auf der CD Blood Money von 2002 anhörbar), seine Frau Kathleen Brennan hat die Songtexte gemacht und Robert Wilson hat das seinerzeit für die Bühne eingerichtet: im Jahr 2000 wurde diese Büchneradaption in Kopenhagen uraufgeführt. Dem neuen Intendanten des Theaters Oberhausen, Peter Carp, ist es gelungen, seine erste Spielzeit mit dem Coup der deutschen Erstaufführung dieses Singspiels einzuleiten. Und wie man hört, ist das Trio Waits/Brennan/Wilson alles andere als freigiebig mit der Vergabe der Aufführungsrechte.

Die Oberhausener Inszenierung, deren Regie Joan Anton Rechi verantwortet, hat ungeheuer starke Momente. Hauptdarsteller Jürgen Sarkiss macht einen grandiosen Woyzeck, angemessen verstrahlt, unendlich verloren, mit dem Charme eines Daniel Auteuil in seinen besten Rollen und der Verzweiflung eines – nun, eines Woyzeck eben. Ein Tanz der Dämonen, der Woyzeck in die Mordtat treibt, vom Ensemble in Stöckelschuhen und Horrorfilmmasken getrampelt, vorher eine sehr hübsche Revuenummer: It’s just the way we are boys. Die Songs sind so, wie man sie von Waits kennt, mal voll brüllender Anklage gegen das Leben, mal pathetische Selbstbehauptung gegen das Leben, mal sentimentale Verklärung der Liebe (oder des Lebens). Das holt das Monströse des Stücks zurück in das Menschliche, also Monströse. Das Publikum war jedenfalls restlos begeistert, oder fast restlos, weil irgendetwas stimmt da nicht.

Jedesmal wenn die Akteure anheben in ihrem Oberhausener Englisch einen dieser Songs zu geben, fällt die Inszenierung auseinander (Jürgen Sarkiss ist hier die Ausnahme). Dann steht die Musik neben dem Drama, das passt schon, will aber nicht eins werden – und plötzlich ist dann beides sehr weit weg. Aber gewiss, ich bin zu empfindlich, wenn es um Büchner geht. Wer in der Rheinprovinz unterwegs ist, sollte sich diesen Woyzeck nicht entgehen lassen.

Tom Waits / Kathleen Brennan: Woyzeck. Opera nach Georg Büchner. R: Joan Anton Rechi. D: Jürgen Sarkiss, Nora Bazalka, Michael Witte, Henry Meyer u.a. Theater Oberhausen, P: 19.09.2008. 90 min. o.P.