Die Goldenen Löwen – Biennale Venedig 2013

Vier goldene und einen silbernen Löwen hatte die fünfköpfige Jury der Biennale unter Vorsitz von Jessica Morgan zu vergeben. Angola hat es getroffen, Tino Sehgal, fürs Lebenswerk Maria Lassnig und Marisa Merz - und als vielversprechendste junge Künstlerin: Camille Henrot.

Pavillon Angola - Preisverleihung auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella, Courtesy la Biennale di VeneziaPavillon Angola – Preisverleihung auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella, Courtesy la Biennale di Venezia.Der Pavillon Angolas (AO, Dorsoduro) also, das erste Mal auf der Kunstbiennale vertreten, wird mit einem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet. Die angolesische Delegation bespielt mit ihrer Ausstellung Luanda, Encyclopedic City zwei Stockwerke des ganz wunderbaren Palazzo Cini unweit der Galleria dell‘ Accademia auf der Südseite des Canal Grande. Dort ist eine private Sammlung von Kunst und Kunstgewerbe der italienischen Renaissance sehr muschelig eingerichtet. Dazwischen platziert Edson Chagas (*1977 in Luanda, lebt ebd.) kleine Paletten mit sehr hübschen A3-Drucken seiner Fotografien von übrig gebliebenen Alltagsobjekten aus den Straßen von Luanda: Found not taken. Die Drucke liegen zur Mitnahme bereit, was bei dem ein oder anderen Biennalebesucher die Gier weckt (sehr taken, sozusagen).

Pavillon Angola - Luanda, Encyclopedic City. Edson Chagas auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella, Courtesy la Biennale di VeneziaPavillon Angola – Luanda, Encyclopedic City. Edson Chagas auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Italo Rondinella, Courtesy la Biennale di Venezia.

Die Location ist prima, die Fotos von Chagas sind ok, ihre Inszenierung im Palazzo Cini ist Geschmackssache. Der Preis ginge aber in Ordnung, wenn er sich auf den zweiten Teil der angolesischen Präsentation bezöge: Angola em movimento. Dort versammelt ist ganz berückende symbolisch-ornamentale Malerei z.B. von Telmo Vaz Pereira (No mesmo Sitio Logo Mais) und Guilherme Mampwya (Carreguemos a Cultura) oder eine Collage von Marco Kabenda (Quadro 8) sowie sehr beeindruckende Plastiken z.B. von Antonia Gonga (Mulher Zungueira com Filho às Costas). Für den gierigen Besucher gibt’s einen Bildband zur Ausstellung kostenlos, der sich aber wirklich lohnt.

Tino Seghal

Der Goldene Löwe für den besten Künstler der zentralen Ausstellung geht an Tino Seghal (*1976 in London, lebt in Berlin) für seine Performance Not yet titled. Ich nehme das mal eher als Preis fürs Lebenswerk, denn sonst würde ich diese Auszeichnung nicht verstehen. Auch die Begründung der Jury liest sich so: „für die herausragende Qualität und Innovation, mit der seine Arbeit zur Erweiterung des Feldes der künstlerischen Gattungen beigetragen hat.“ Für die Biennale setzt Seghal im Regelfall vier Performer in einen Ausstellungsraum im Padiglione Centrale, die eine Art zurückgenommenen Ausdruckstanz mit vocal percussion und Gesang verbinden. Der Preis der venezianischen Kulturraumverdichtung geht jedenfalls eher an Pawel Althammer oder an Fischli & Weiss (siehe Teil 1 des Rundgangs).

Zwei Goldene Löwen fürs Lebenswerk

Maria Lassnig, Selbst mit Meerschweinchen, 2000. Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm. Private Collection. Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Stefan Altenburger, Photography ZürichMaria Lassnig, Selbst mit Meerschweinchen, 2000. Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm. Private Collection. Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Stefan Altenburger, Photography Zürich.Ganz offiziell für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden dagegen Maria Lassnig und Marisa Merz. Maria Lassnig (*1919 in Kappel, lebt in Wien) arbeitet seit den späten 40er Jahren des letzten Jahrhunderts an ihrer Körperbewusstseins- und Körpergefühlsmalerei, in einer Radikalität, mit einem finsteren Witz und – wie soll ich sagen, vielleicht: einer verschmitzt-aggressiven Aufrichtigkeit, die die Kunst der Jüngeren sehr alt aussehen lässt. 1980 bespielte sie mit Valie Export den österreichischen Pavillon der Biennale, war aber löwenlos geblieben. Der Enzyklopädische Palast versammelt leider nur sieben ihrer Ölgemälde, vornehmlich aus den Jahren 1999 bis 2005.

Marisa Merz, Senza titolo, 2004. Mischtechnik auf Leinwand, 180 x 140 cm. Privatsammlung, Courtesy Fondazione Merz, Torino. Foto: Paolo Pellion, TorinoMarisa Merz, Senza titolo, 2004. Mischtechnik auf Leinwand, 180 x 140 cm. Privatsammlung, Courtesy Fondazione Merz, Torino. Foto: Paolo Pellion, Torino.Die Bildhauerin, Installationskünstlerin und Malerin Marisa Merz (*1931 in Turin, lebt ebd.) – ich muss zugeben, dass ich bislang noch nichts von ihr kannte – war, so heißt es, in der Kunst der Nachkriegszeit Italiens ab den 60er Jahren eine der zentralen Gestalten der Arte Povera. „Die Künstlerin habe eine persönliche Sprache entwickelt, in der Malerei, Skultptur und Zeichnung augenscheinlich archaischen und urwüchsigen Bildern eine Gestalt gibt“, so heißt es in der Begründung. Die Biennale begnügt sich leider mit sechs plastischen und grafischen Werken von Frau Merz, da hätt’s – wie bei Maria Lassnig – ruhig ein bisschen mehr sein können.

Der Silberlöwe

Camille Henrot, Grosse Fatigue, 2013 auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Francesco Galli, Courtesy la Biennale di VeneziaCamille Henrot, Grosse Fatigue, 2013 auf der 55. Internationale Kunstausstellung, Der Enzyklopädische Palast, Biennale di Venezia. Foto: Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia.Etwas ratlos macht mich der Silbernippes für Camille Henrot (*1978 in Paris). Sie wird ausgezeichnet für ein Stück Videokunst, das zu einem Rap-Soundtrack Screengrabs von, so vermute ich, Youtube­videos montiert: Grosse Fatigue. Aus meiner, sicher unverständigen Sicht ist das eher tauglich für den Internet­führerschein Klasse I, weniger für eine Silbermedaille als vielversprechendste Künstlerin der Biennale, aber was weiß ich schon.