Abschweifungen: Zur französisch-deutschen Freundschaft

Balzac am Bahnhof Paris Nord

"Paris ist nicht gut zu den Deutschen, man macht sich über sie lustig", lässt Balzac den deutschen Emigranten Schmucke in Cousin Pons sagen. An die Richtigkeit des ersten Halbsatzes glaube ich nicht, aber zum Nachweis der Gültigkeit der zweiten Hälfte genügt ein nur fünfminütiger Aufenthalt im Bahnhof Paris Nord.

Innerhalb dieser Zeitspanne wird man unweigerlich eine freundliche Ermahnung vom Band hören, sein Gepäck keinesfalls unbeaufsichtigt zu lassen, aus Sicherheitsgründen gewiss, aber auch, um Taschendieben ihr Geschäft nicht unnötig zu erleichtern. Nun erfolgt diese Durchsage auf Französisch, Englisch und Deutsch, im letzteren Fall jedoch mit einer kleinen, aber wirksamen Spitze versehen: „Lassense Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“, heißt es. Touché!

Die Abschwächung der höflichen Aufforderung, „Lassen Sie“ [lasn ziː], zur hier spöttelnden Schwundform, „Lassense“ [lasnzə], drängt dem sprachsensiblen Menschen eine ganze Welt abscheulichster Konnotationen auf: etwa bierbäuchige Pickelhaubenträger, die in lächerlicher Piefigkeit einen Kasernenhof bevölkern, kommen mir da in den Sinn. Und nur gutmütig-naive Geister (s.u.) können den gezielten Einsatz des in der Sprachwissenschaft notorischen Indifferenzvokals [ə] als dialektale Variante missdeuten, die vermutlich auf einen spreeansässigen Deutschlehrer zurück zu führen wäre. Der hochsprachliche Rest der Ansage dementiert aber diese Möglichkeit. Ich bin sicher, dass der Oberaufseher des französischen Bahnhofsdurchsagenwesens sich alle fünf Minuten beim Abspielen der Gepäckermahnung vor Vergnügen in die linke Wade beißt.

Vetter Pons und die Komödie der Menschheit

Titelblatt Cousin Pons (1847); Quelle: commons.wikimedia.org; Rechte: gemeinfrei.Wem die Welt zunehmend unübersichtlich erscheint und die Menschen zunehmend undurchschaubar, greift zur menschlichen Komödie von Balzac. Das ist dann auch im Wesentlichen meine Sommervergnügung. In einundneunzig Romanen und Erzählungen hat dieser geniale französische Vielschreiber in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein faszinierendes und so gar nicht schmeichelhaftes Sittenbild der Gesellschaft seiner Zeit entworfen. Im Einzelnen sind seine Romane (weniger die Erzählungen) mitunter, vornehm formuliert, etwas regelgeleitet – der Deutsche spricht da auch gerne von „gehobener Unterhaltungsliteratur“. Für diese Aussage wird man von Balzac-Enthusiasten sicher gesteinigt. Das muss aber das Vergnügen am Lesen nicht mindern. Und man kann sich sicher sein, im Ganzen der menschlichen Komödie hat man es mit einem grandiosen Meisterwerk zu tun. Aber ich schweife ab.

Im Roman Cousin Pons also, erzählt Balzac die Geschichte des Sonderlings Pons: ein recht erfolgloser Komponist, Dirigent, aber vor allem ein leidenschaftlicher Kunstsammler, der mit erlesenem Geschmack begabt, sein geringes Einkommen in den Ankauf von Kunstkostbarkeiten steckt. Als es ans Sterben geht und der Wert seiner Kunstsammlung ruchbar wird, spinnen habgierige Verwandte und Nachbarn ein Netz aus Intrigen, um sich das nicht unbeträchtliche Erbe zu sichern. Einzig sein Freund Schmucke ist in selbstloser Fürsorge um Pons bemüht.

Les Allemands, on se mogue t’eux

Schmucke, ein Pianist, und „wie alle Klavierspieler ein Deutscher“, ist Balzacs Karikatur eines Deutschen. Dieser kann zuallererst kein Französisch: „Paris n’est bas pon bir les Allemands, on se mogue t’eux“, lautet der eingangs zitierte Satz im Original. Und diese Unfähigkeit sich des Französischen angemessen zu bedienen ist alles andere als Ausweis eines Bildungsnotstandes, sie ist Ausdruck einer Schwerfälligkeit, einer mangelnden Wendigkeit des Geistes, die sich auch als Wahrnehmungsschwäche offenbart: Schmucke, dieser „echte und edle Deutsche“, sei „zu sehr Deutscher, um mit der Schnelligkeit beobachten zu können, deren sich der Franzose erfreut“. Der Deutsche ist ein gutmütiger Trottel, grenzenlos naiv, mit Hang zu seelischer Tiefe, in Form dieser

Kindereien der Empfindsamkeit, die die Deutschen kennzeichnen: wie die Leidenschaft für Blumen, wie die Anbetung von Naturerscheinungen […]; wie dieser Hang zur Forschung, der einen deutschen Gelehrten dazu bringt, hundert Meilen in seinen Gamaschen zurückzulegen, um eine Wahrheit zu finden, die auf einem Brunnenrand unter dem Jasmin des Hofs sitzt und ihm ins Gesicht lacht; wie schließlich das Bedürfnis, noch den nichtigsten Teilen der Schöpfung eine seelische Bedeutung beizumessen […].

Man muss diesen Spott nicht übel nehmen, immerhin ist dieser romantisch empfindsame Deutsche so etwas wie der „edle Wilde“, der den geld- und habgierigen französischen Intriganten mit ihrem leichtsinnigen Geist – zwar wehrlos – gegenüber steht. Außerdem, es gibt Hoffnung, wenn nicht für Schmucke, dann doch für mich, denn:

Die Naivität vieler Deutscher hält nicht an, sie nimmt ab; die Restnaivität, die ihnen ab einem gewissen Alter noch bleibt, ist an der Quelle ihrer Jugend geschöpft […] und dient ihnen dazu, Mißtrauen zu zerstreuen, um so Erfolg in allen Dingen zu erlangen, in der Wissenschaft, den Künsten, in Gelddingen.

Vom Rheinwein

Auf der Habenseite ist im übrigen noch die Trinkfestigkeit der Deutschen zu verbuchen, verblüffend sei,

was die Deutschen an Flüssigkeiten aufnehmen können, ohne ihre Ruhe und ihren Gleichmut zu verlieren.

Leider ist es stets das falsche Getränk, an dem sie ihre Kräfte messen, etwa „die verschiedenen Essigsorten, die die Deutschen gemeinhin Rheinwein nennen“. Schlimmer aber die flüssig gewordene Stillosigkeit: als es darum geht, einen in Ungnade gefallenen Bankier zu diffamieren, wird er von der Mutter der von ihm verschmähten Tochter beschrieben als „von schwächlicher Gesundheit, kahlköpfig, mit verdorbenen Zähnen, […] ohne Vornehmheit der Empfindung“ – und der Gipfel: „ein Biertrinker“.