Stefan Bachmann dramatisiert Ayn Rands „Der Streik“ am Schauspiel Köln

John Galts Ego und ein Fuder Schotter

Der neue Kölner Schauspielchef Stefan Bachmann dramatisiert Ayn Rands radikalkapitalistischen Schinken „Atlas Shrugged“ (dt. „Der Streik“) und macht aus einem lausigen Stück Literatur bemerkenswertes Theater. Aber warum nur?

Das Ding umfasst – je nach Druckfassung – so um die 1.200 Seiten, ist in den USA 1957 erschienen und dort bis heute und gerade wieder heute ein Bestseller. Als das Library of Congress‘ Center for the Book 1991 eine Umfrage startet, welches Buch das Leben von Lesern am meisten beinflusst habe, wird Atlas Shrugged am zweithäufigsten genannt – nach der Bibel.

Seit letztem Jahr liegt eine neue deutsche Übersetzung vor, unter dem Titel Der Streik in einem eigens dafür von einem Enthusiasten gegründeten Verlag herausgegeben (Verlag Kai M. John). Wer sich aber daran macht, den Roman zu lesen, muss ein erhebliches Maß an Leidensfähigkeit mitbringen: Figuren so dreidimensional wie Wahlplakate, Dialogführung und Beschreibungen langatmig und hilflos, erzähltechnisch allenfalls auf Groschenromanniveau, die Story krude. Aber wegen literarischer Qualitäten steht das Ding auch nicht gleich neben der Bibel auf dem Regal von Tea-Partygängern.

Kölner Objektivismus

Ayn Rand, geboren 1905 in St. Petersburg, aufgewachsen im Russland der Revolutionen und in der Sowjetunion des Bürgerkriegs, flüchtet 1926 in die USA, arbeitet in Hollywood als Drehbuchautorin und Dramatikerin – und sie entwickelt und propagiert ihre Philosophie des „Objektivismus“. Deren Kern ist eine Ethik, die auf das „rationale Eigeninteresse“ des Einzelnen setzt und eine Sozialphilosophie, die in einem laissez-faire Kapitalismus mit Nachtwächterstaat das einzig gerechte Gesellschaftssystem sieht. Atlas Shrugged, von Rands Anhängern als ihr Hauptwerk geschätzt, ist die Darlegung dieser Ideologie in Form eines Thesenromans.

Stefan Bachmann verfolgt seit Jahren schon das Projekt einer Dramatisierung von Atlas Shrugged und hat als neuer Chef des Kölner Schauspiels jetzt alle Mittel, das in die Tat umzusetzen. Es ist seine erste Inszenierung in Köln. In einem Interview mit K.West erklärt er unlängst seine Motivation für die Auseinandersetzung mit Rands Klassiker des Libertarismus:

Ich habe große Lust, diesem ungewohnten Denken affirmativ zu begegnen, mich da rein zu fühlen, mit dem Stoff spielerisch ein ungewohntes Gedankengebäude zu erkunden.

Schienenlegen

Eingangs wird das Ensemble einzeln in Lichtkegel gestellt, verteilt über die ganze Fläche des mächtigen Bühnenraums im Depot 1 – dem großen Spielplatz im Ausweichquartier des Schauspiels Köln. In diesem statischen Setting sondern sie jeweils für sich ihre Repliken ab (was ganz gut der Statik der Figuren in Rands Machwerk entspricht) und sorgen so für eine Art Exposition. Dann jagt ein etwas betagter Pritschenkipper die bessere Gesellschaft von der Bühne, kippt ein Fuder Schotter für ein Gleisbett aus, und Arbeiter verlegen in viel Lärm und Staub und zu happy country soundtrack rund zehn Meter Schienen.

Dagny Taggart (Melanie Kretschmann), die kühlblonde Vizepräsidentin der Eisenbahngesellschaft „Taggart Transcontinental“, lässt mit Schienen aus einer neuartigen Metalllegierung eine neue Strecke bauen, die die (neuartige) Ölproduktion des Selfmademagnaten Ellis Wyatt (Nikolaus Benda) erschließen soll, und sie fickt derweil mit Hank Rearden (Jörg Ratjen), dem Erfinder und Produzenten des neuen „Rearden-Metalls“, im beiseite gestellten LKW, auch Sex funktioniert am besten nach Maßgabe des Eigenutzes.

Aber ein Streik der produktiven Elite – Ingenieure und Industrielle verschwinden auf zunächst geheimnisvolle Weise – überlässt den Schmarotzern und Parasiten das Feld: korrupte Politiker, schwache, weil sozial gesinnte Kapitalisten, verbrecherische Gewerkschaftsführer richten das Land mit ihren staatssozialistischen, kollektivistischen und innovationsfeindlichen Maßnahmen zu Grunde. Die dumpfe, entscheidungsunfähige Masse der Arbeiter und Angestellten taugt sowieso nicht zu selbständigem Handeln. Der Höhepunkt des Niedergangs ist erreicht, als ein Unternehmen nach der Devise „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ verfährt, was naturgemäß unmittelbar zum Zusammenbruch des Betriebs führt.

Wer ist John Galt?

Im Chaos sucht Dagny Taggart nach der Lösung für das Rätsel der verschwindenden Elite und findet sich in einem Utopia wieder, auf der Kölner Bühne sehr hübsch als aufblasbare Plastik-Seifenblase visualisiert (Bühne: Simeon Meier). In diesem Utopia, das die streikende Elite für sich in einem abgelegenen Gebirgstal errichtet hat, trifft sie auch den Anführer der Revolution durch Eskapismus, den von Ayn Rand als legendäre Gestalt gezeichneten John Galt (Guido Lambrecht als sehr sympathischer Demagoge). Die Frage „Wer ist John Galt?“ ist im Roman und auch auf der Kölner Bühne eine Art raunender running gag. John Galt also verbreitet seine Lehren der absoluten Freiheit des Einzelnen per Rundfunkansprache – und fordert die Abschaffung der Einkommenssteuer. Seine Devise des „rationalen Eigeninteresses“:

Ich schwöre, dass ich niemals um eines anderen Menschen willen leben werde, noch von einem anderen verlangen werde, um meinetwillen zu leben.

Danach eine Räuberpistole um Gefangennahme, Folter, Befreiung usw.

Serviceleistung

Aber warum bringt man das 2013 in der Rheinprovinz auf die Bühne?

Stefan Bachmann dekonstruiert die von John Galt / Ayn Rand formulierte Rechtfertigung des radikalisierten Industriekapitalismus in seiner Inszenierung nicht, hält aber eine wohltuende Distanz zu den Helden Ayn Rands, indem er sie in alberne Hawaiihemden uniformiert und ihren Heroismus mittels eines kitschigen Hollywoodsoundtracks ironisiert.

Und er findet mächtige Bilder, die die ermüdende Thesenprosa von Ayn Rand in sehr kurzweiligen vier Stunden auf die Bühne bringt. Man sollte diese Serviceleistung nicht unterschätzen, dem Neugierigen mittels einer kurzweilig dramatisierten Reader’s Digest Fassung die Lektüre von 1.200 Seiten schlechter Literatur zu ersparen und fortan bei Diskussionen amerikanischer Freunde trotzdem wissend nicken zu können. Aber sonst?

Für Einsichten in den Finanzkapitalismus der Gegenwart taugt das Material nicht – der wäre im Übrigen selbst Ayn Rand zuwider gewesen. Und ihre Utopie eines radikalen Industriekapitalismus hat eher gruselnd nostalgischen Wert. Für eine immerhin reizvolle und zeitgemäße Auseinandersetzung mit Theorien der radikalen Selbstermächtigung des Einzelnen (oder sagen wir: des Bürgers) ist das Material bei weitem nicht vielschichtig genug. Warum also?

Das Kölner Premierenpublikum applaudiert lang, ist aber nicht recht begeistert und möglicherweise auch etwas ratlos.

Stefan Bachmann / Jens Gross: Der Streik nach Ayn Rand. R: Stefan Bachmann. D: Melanie Kretschmann, Jörg Ratjen, Guido Lambrecht, Nikolas Benda, Niklas Kohrt, Larissa Aimée Breidbach u.a. Köln, Schauspiel, Depot 1. UA: 12. Oktober 2013. 4h m.1P.