Astrid Dehe und Achim Engstler: Auflaufend Wasser

Mutmaßungen über Tjark

Astrid Dehe und Achim Engstler erzählen in ihrer Novelle „Auflaufend Wasser“ eine starke Story vom Tod im Wattenmeer ein bisschen zu virtuos.

Nordsee bei Flut. Foto: jvf.

Am 23. Dezember 1866 ist Tjark Evers, ein einundzwanzigjähriger Schüler der Königlichen Navigationsschule in Timmel bei Aurich, unterwegs zu seinen Eltern auf Baltrum, ein Überraschungsbesuch zu Weihnachten, Geschenke im Gepäck. Ein kleiner Kahn setzt ihn im dichten Winternebel vor Baltrum ab. Es dauert nicht lange bis er weiß, dass das ein tödlicher Irrtum ist. Er hat die Insel verfehlt, steht auf einer Sandbank, einer Plat, das Wasser steigt. Die Ruderer des Kahns können seine Rufe nicht mehr hören, die Insel ist bei auflaufendem Wasser nicht mehr zu erreichen. In sein Notizbuch schreibt er:

Liebe Eltern, Gebrüder u. Schwestern, ich stehe hier auf einer Plat und muß ertrinken. Ich bekomme Euch nicht wieder zu sehen und ihr mich nicht. Gott erbarme sich über mich und tröste Euch. Ich stecke dieses Buch in eine Zigarrenkiste. Gott gebe, daß Ihr die Zeilen von meiner Hand erhaltet. Ich grüße Euch zum letzten Mal. Gott vergebe mir meine Sünden und nehme mich zu sich in sein Himmelreich. Amen.

und

Ich habe das Wasser jetzt ans Knie. Ich will mich gleich ertränken, denn Hilfe ist nicht mehr da. Gott sei mir Sünder gnädig.

und

Es ist 9 Uhr. Ihr geht gleich zur Kirche. Betet nur für mich Armen, daß Gott mir gnädig sei.

und

Der Gütige Ich bin T. Evers von Baltrum.

Die Story ist oft erzählt. Das Heimatmuseum im alten Zollhaus auf Baltrum zeigt das Notizbuch, Evers Bleistift, die Zigarrenkiste, die einige Tage nach seinem Tod an Wangerooge anlandet. 2007 hat Matthias Klimsa einen Kurzfilm über das Unglück gedreht (Die Zigarrenkiste, 2007/2008, 18 min.). Und jetzt legt das Autorenduo Astrid Dehe und Achim Engstler eine Novelle vor, Auflaufend Wasser, die auf knapp 120 Seiten den Raum zwischen den Notaten mit Mutmaßungen über den Ertrinkenden füllt.

Dehe und Engstler machen das in ihrer zeitdeckenden Erzählung ein bisschen sehr virtuos. Die kurzen Aufzeichnungen Evers sind in zweieinhalbfacher Schriftgröße wiedergegeben, dazwischen umkreist der Erzähler die Figur wie die Flut den Ertrinkenden, kommt ihr sehr nah: Der Übermut, die Angst, die Empörung, die Resignation, die Entschlossenheit, ist dann wieder weit weg, wie wenn es gelte, die Distanz zu ihr nicht nur zu markieren, sondern zu sichern.

Mitunter ist das dann aber sprachlich und erzählerisch reichlich überorchestriert: „Fäden feinster Tropfen treiben in der Flaute dieses Sonntags“, heißt es gleich zu Anfang. Das ist hübsch, zu hübsch, auch an anderen Stellen schrammt der Text sehr nah am Kitsch entlang, zumindest an einer Sentimentalität („Sein Herzschlag, echoarm und einsam, wird Symphonie sein der See, im Rhythmus der Tide“), die die existentielle Wucht des Erzählten verstellt – oder anders: diese Wucht den Aufzeichnungen Tjarks überlässt. Mitunter ist das auch etwas verschwurbelt: Tjark, heißt es,

Schreibt Sätze, um die Anerkennung der Wirklichkeit noch aufzuschieben, bildet leibliche Konjunktive, die die Unendlichkeit des Möglichen ausleuchten, das Könntesein, diesen Traum, den Menschen träumen, auch wenn das Ist sich längst verfestigt hat.

Oder ganz schlimm, wenn Hamlets Seinsmonolog berufen wird. Lassen wir das. Man muss diese Stellen überspringen und lange bei den Notizen Evers verweilen, um den Eindruck zu gewinnen, den Pieke Biermann in ihrer Rezension für das Deutschlandradio referiert: „Das alles […] ist so atmosphärisch dicht erzählt, dass man das Meer förmlich riechen kann und sofort in seinen Sog gerät.“

Die Story allerdings, die ist stark.

Astrid Dehe / Achim Engstler: Auflaufend Wasser. Novelle. Göttingen: Steidl Verlag, 2013. 115 S.