Anne Leppers Familiengroteske „Käthe Hermann“ in Wuppertal

Muttermonster vor Abrissbirne

Im Wuppertaler Kleinen Schauspielhaus inszeniert Jakob Fedler die groteske Familienaufstellung der Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2012, Anne Lepper, und rettet sich nur knapp über die 1¼ h Spielzeit.

„Käthe Hermann“ von Anne Lepper. Wuppertaler Bühnen, Kleines Schauspielhaus. v.l.n.r. Lutz Wessel, Sophie Basse, Anne-Catherine Studer. Foto: Uwe Stratmann. Rechte: Uwe Stratmann/Wuppertaler Bühnen„Käthe Hermann“ von Anne Lepper. Wuppertaler Bühnen, Kleines Schauspielhaus. v.l.n.r. Lutz Wessel, Sophie Basse, Anne-Catherine Studer. Foto: Uwe Stratmann

Das Muttermonster steht hoch oben auf einem Podest, das macht das Panier seines monströsen, schwarzen Kleides. Der Stoff des Kleides bedeckt die gesamte Spielfläche und wenn das Monster den Rockschoß rafft, zieht es den Insassen dieser kleinfamiliären Schreckenskammer die Beine weg (Bühne von Dorien Thomsen). Die Beine wegziehen, das Laufen nicht lernen, gelähmt sein und vom Tanzen träumen, das ist das zentrale Metaphernreservoir, um das sich Anne Leppers Familiengroteske und diese Inszenierung im Wuppertaler Kleinen Schauspielhaus organisiert.

Anne Lepper, Jahrgang 1978, geboren in Essen, lebt in Wuppertal, schreibt seit ein paar Jahren Stücke. In diesem Sommer wurde sie mit Auszeichnungen abgefüllt. Ihre Käthe Hermann ist zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen worden, mit der Käthe und noch einem anderen Stück war sie bei den Autorentheatertagen in Berlin vorort und die Kritiker der Zeitschrift Theater heute wählten Lepper im September zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres.

Ihr Dreipersonenstück Käthe Hermann, Anfang Januar 2012 im Theater Bielefeld uraufgeführt, ist jetzt erstmals auch in der Wuppertaler Wahlheimat der Autorin zu sehen.

„Jeden Abend haben wir eine Kultur“

Käthe, die Mutter, unter verfilzter Rapunzelperücke von Sophie Basse gespielt, hat eine – so sagt sie – große Karriere als Primaballerina einst aufgeben müssen wegen der beiden Kinder, die sie dafür ein Leben lang abstraft. Martin (Lutz Wessel), der missratene Sohn, ein Krüppel; Irmi (Anne-Catherine Studer) die begabungsbefreite, häßliche Tochter, kann froh sein, dass sie vergewaltigt worden sei, so Käthe.

Jeden Abend tanzt die Mutter ihren Traum von der großen Karriere, Martin muß die Musik machen (ein alter Plattenspieler), Irmi sorgt für das Licht (eine Taschenlampe): „Jeden Abend haben wir eine Kultur wie man sie sonst nur in der Großstadt findet“. Ein Publikum gibt es nicht, das Einfamilienhaus steht in einem wg. Braunkohletagebau aufgelassenen Ort, die Nachbarn sind längst weg, Besucher werden sich in dieser Familienhölle nicht einfinden. Zwischen den drei Akten dröhnen die Abrisshammer. Das Haus zu räumen, kommt für Käthe nicht in Frage, nicht einmal Hitler sei sie gewichen (der hat ihr aber anscheinend den Mann genommen, Nazivater Hans sei erschossen worden, zum Glück vielleicht, er hätte nicht gezögert, seinen Sohn, den Krüppel, zu ermorden).

Tochter Irmi wartet unterdessen auf die Rückkehr ihres Sohnes, dreißig Jahre wäre er jetzt, wenn man ihn nicht als Säugling auf der Treppe des Krankenhauses ausgesetzt hätte oder er nicht als Elfjähriger beim Fußballen tödlich verunglückt wäre oder aber er hat Karriere als Arzt oder Pilot gemacht. Vielleicht kommt aber auch ein Abrissarbeiter auf einem Schimmel und nimmt Irmi mit oder sie steht gegen ihre Mutter auf oder sie bringt sich um. Letzteres bringt aber auch nichts, weil die Mutter jetzt eine Karriere als große Trauernde vor sich sieht, die Bundeskanzlerin werde zur Kondolenz kommen. Martin träumt derweil von einem schwarzen Pferd und davon Rocco zu sein und seine Schwester zu befummeln.

In Watte gepackter Schrecken

Zwangsumsiedlung, Nazis, Experimente an Behinderten, Vergewaltigung, Inzest, Kindsaussetzung, Selbstmord, Kunst und der Traum von einem gelebten Leben: Diese groteske Verdichtung aus der Schreckenskammer deutscher Geschichte und Kleinfamilie (Zeitverhältnisse spielen in dieser Familienaufstellung keine Rolle) funktioniert in der Inszenierung von Jakob Fedler nur streckenweise. Es ist als ob die Überbietungsrhetorik des Stücks in Watte gepackt wäre oder unter der Stofffülle des langen Schwarzen verschwände. Seltsam, auch die a cappella eingestreuten deutschen Sehnsuchts- und Durchhalteschlager („Ein Freund“, „Das Mädchen von Piräus“) retten das kurze Stück nur knapp über die Spieldauer von 1¼ Stunden.

Das Wuppertaler Premierenpublikum hat das allerdings ganz anders gesehen und applaudierte sehr enthusiastisch.

„Jeden Abend haben wir eine Kultur“: Die Abrissbirne II

Die Abrissbirne hat in Elberfeld aber noch einen anderen, besonderen Klang. In der Sitzung des Rates der Stadt Wuppertal vom 12. November 2012 wurde die in Drucksache VO/0709/12 verschriftlichte Beschlussvorlage „Zukunft der Schauspielsparte der zukünftigen Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH“ verabschiedet, mit Stimmenmehrheit der Abgeordneten von CDU, SPD und FDP, gegen die Stimmen der Grünen, der Linken, der freien Wähler und zweier fraktionsloser Abgeordnete der Rechtsradikalen.

Die Vorlage formuliert die Rahmenbedingungen einer „Neuausrichtung des Sprechtheaters“ in Wuppertal: Der städtische Betriebszuschuss wird in 2013 um 600, in 2014 um 1.200, ab 2015 um 2.000 Tsd. € reduziert, die Spielstätte im Kleinen Schauspielhaus wird geschlossen, eine neue Spielstätte soll spendenfinanziert im Magazingebäude auf dem Gelände des Historischen Zentrums eingerichtet werden (ca. 160 Plätze, Ensemble mit ca. 10 Mitgliedern). Als eines der Ziele dieser Neuausrichtung wird formuliert: „Die noch große Zuschauergemeinde der ‚Älteren‛ muss angesprochen werden. Das künstlerische Angebot hat dies angemessen zu berücksichtigen.“ Ich wage nicht, mir auszumalen, welche Vorstellungen hinter dieser Formulierung stehen mögen, verwahre mich aber vorsichtshalber gegen eine ästhetische Instrumentalisierung meiner Alterskohorte und gegen die doch recht nassforsche Ablebensaufforderung, die in dem „noch“ steckt. Die Beschlussvorlage endet aber zum Glück mit einem obligatorischen „Demografie-Check“ und versichert, dass der Entscheid sich „positiv auf die demografische Entwicklung der Stadt Wuppertal“ auswirken werde. — Ganz gewiss. Und ein Abrissarbeiter wird Irmi Hermann auf seinem Schimmel in die Wuppertaler Nacht entführen.

Anne Lepper: Käthe Hermann. R: Jakob Fedler. D: Sophie Basse, Anne-Catherine Studer, Lutz Wessel. Wuppertal, Kleines Schauspielhaus. P: 24. November 2012. 1¼ h o. P.