Anna Davtyans „Hrant Dink“ in der Krefelder Fabrik Heeder

Eine Schiffsladung roter Nelken

Das Theater Krefeld bringt die Uraufführung eines Stücks der armenischen Autorin Anna Davtyans über seine Studiobühne: Eine poetische Annäherung an den 2007 ermordeten türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink.

Drei Akteure erzählen vom Gletscher Ararat, dem Nationalsymbol der Armenier: „Für das armenische Volk ist der Glanz des Berges Ararat der Sinn seiner viertausendjährigen Existenz.“ Sie erzählen von Bujmiwa, der Gogo-Tänzerin des Istanbuler Nachtklubs Şaapka, sie erzählen von der heilenden Wirkung des roten Sauerwassers, aus eingesäuertem Kohl, roter Beete und Möhren; sie erzählen von der armenischen Adoptivtochter Kemal Atatürks, Sabiha Gökçen, der ersten türkischen Kampfpilotin – und sie erzählen von Hrant Dink.

Hrant Dink (1954-2007), türkischer Publizist armenischer Abstammung, setzte sich für die Demokratisierung des Landes und die Rechte der ethnischen Minderheiten ein, wurde mehrmals vor Gericht gestellt und 2005 als erster wegen „Beleidigung des Türkentums“ nach dem berüchtigten Artikel 301 des türkischen StGB verurteilt. Am 19. Januar 2007 wurde er in Istanbul von einem jugendlichen Ultra-Nationalisten erschossen. Seinem Beerdigungszug sollen mehr als hunderttausend Menschen gefolgt sein: „Wir sind alle Hrant Dink.“

Erzählende Dramatik und die „Wikipedia-Stimme“

Die poetisch verdichtete, mitunter befremdlich pathetische Sprache der erzählenden Passagen wird durch Texteinschübe geerdet, die in der „Wikipedia-Stimme“ informieren über Hrant Dink natürlich, den osmanischen Krummsäbel Yatağan oder über den Völkermord an den Armeniern.

Abgesehen von einem – kompositorisch allerdings zentralen – Dialog zwischen Hrant und der Personifikation der Stadt (Istanbul) hat Davtyans Text keine eigentlich dramatische Struktur. Vielleicht ist das der Grund, warum die 1½ Stunden der Krefelder Uraufführung trotz Tanz, Musik, Videoprojektionen und sehr konzentriertem Spiel der drei Sprecher, Tänzer und Sänger (Jonathan Hutter, Denise Matthey, Joana Tscheinig) mitunter etwas lang werden.

Die von Rina Rosenberg eingerichtete Bühne arrangiert bewegliche, geometrisch felsartige Gebilde zur Andeutung eines Berges, zu einer archäologischen Landschaft mit Tempeltor, zum Laufsteg in einem Klub – und vor allem zur Projektionsfläche für die mächtigen, sehr suggestiven Bilder aus dem Klassiker des sowjetisch-armenischen Kinos, Sergei Paradschanows surrealistischen Meisterwerk Sayat Nova – Die Farbe des Granatapfels von 1968 (auf Youtube findet man sicher illegale Kopien des Films).

Die Resolution und das Theater

Im Foyer der Studiobühne hängt ein Auszug aus dem Text der Armenienresolution des Bundestags. Hrant Dink selbst hat vergleichbare frühere Erklärungen europäischer Parlamente mit einiger Skepsis gesehen, Europa trete damit „in oktroyierender Weise und als Befehlsgeber“ auf, kann man in einem Text des Programmhefts lesen. Nun ja.

Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink ist das erste Theaterstück der 1983 in Jerewan geborenen Lyrikerin, Übersetzerin und Fotografin Anna Davtyan. Die armenische Regisseurin Zara Antonyan hat die Uraufführung in Krefeld eingerichtet, gespielt wird der armenische Text in einer deutschen Übersetzung von Valerie Engler.

Das Premierenpublikum in der ausverkauften Studiobühne applaudiert lang, ist in Teilen sichtlich ergriffen.

Geplant sind für Krefeld nur noch fünf weitere Aufführungen (8.10., 25.10., 15.11., 8.12. und 23.12.2016). Das Kulturzentrum in der Fabrik Heeder mit der Studiobühne des Theater Krefeld liegt direkt gegenüber dem Südausgang der Krefelder Hauptbahnhofs, ist also auch für Auswärtige gut zu erreichen. In der Spielzeit 2017/18 wird die Inszenierung ins Studio Mönchengladbach übernommen.

Anna Davtyan: Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink. R: Zara Antonyan. D: Jonathan Hutter, Denise Matthey, Joana Tscheinig. Krefeld, Fabrik Heeder. UA: 14. September 2016, 1½h o.P.