Amedeo Modigliani: Ausstellung in Bonn

„Ein Schwein und eine Perle“

Die Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn dokumentiert noch bis Ende August 2009 in einer redlichen Retrospektive die künstlerische Entwicklung Modiglianis und wie aus diesem Maler eine der erfolgreichsten Marken der klassischen Moderne wurde.

Zur Marke Modigliani gehört sicher die Erzählung vom Künstlergenie, das zu Lebzeiten verkannt, in ärmliche Verhältnisse gezwungen, unbeirrt, abseits aller Avantgardemoden, sein ästhetisches Programm mit monomanischer Energie verfolgt. Ein Italiener in Paris zudem, unstet unterwegs in der Szene zwischen Montmartre und Montparnasse: „Der letzte echte Bohemien“ (Ludwig Meidner), Alkohol- und Opiumexzesse, Skandale, Frauendurcheinander, Krankheit, ein früher Tod. Ein bisschen Van Gogh, ein bisschen Kurt Cobain.

Hinzu kommt, dass Modiglianis Bildsprache ebenso unmittelbar zugänglich wie leicht wiedererkennbar ist: Portraits, Frauen zumeist, anmutig gelängte Körper und schwanenhafte Hälse, warm leuchtendes Inkarnat, gezeichnete Konturen auf malerisch kaum modellierter Fläche, die Augen in unergründlicher, strahlend graublauer Tiefe aufgelöst. Die Frau mit dem weißen Kragen, 1917, ist da exemplarisch oder auch das einschüchternd majestätische Bildnis der Anna Zborowska aus dem gleichen Jahr. Idealisierend sind diese Bilder, ein wenig manieriert, aber man muss schon ein übler Tropf sein, um sich dem Charme dieser Portraits verschließen zu können, der Eleganz dieser Frauen, ihrer schönen Unnahbarkeit oder unnahbaren Schönheit, gleichviel.

Vor der Tür

Da wäre zum Beispiel auch Beatrice Hastings vor einer Tür, 1915. Eine dieser Frauengeschichten ist das. Die Freundin von Katherine Mansfield war als Feuilletonistin in Paris unterwegs und einzwei Jahre auch unterwegs mit Modigliani. Und der hat sie einige Male portraitiert. In Bonn steht sie vor einer Tür, einen mondänen Hut mit Feder als Verkleidung, die Wangen leicht eingezogen, strenglippig, die Augen angriffsbereit verengt, maßnehmend, sehr überlegen, sehr elegant. Manch einer sagte, sie sei nicht gut für ihn gewesen, habe ihn tiefer in die Drogensucht getrieben. Nunja, die Tür steht offen. Hastings hat „Modi“ späterhin beschrieben als „komplizierten Charakter. Ein Schwein und eine Perle“. So Sachen, die man hinterher sagt.

Rehab

Ausstellungsmacher Christoph Vitali geht es in seiner Ausstellung, die rund fünfzig Gemälde, sechzig Zeichnungen und zwei Skulpturen zeigt, augenscheinlich darum, die Marke Modigliani nicht zu verleugnen, aber den Künstler dahinter zu rehabilitieren, als einen der Großen der klassischen Moderne – gegen die Skepsis der Kunstgeschichtsschreibung, der Popularität stets als Makel erscheint. Auf den Wänden der Ausstellungsräume sind rühmende und teils hymnische Zitate zu lesen von Modiglianis Künstlerkollegen, die seine herausragende Stellung beglaubigen.

Aber ich bin nicht sicher, ob das den ausgestellten Werken gleichermaßen durchgängig gelingt. Jedenfalls belegen einige Exponate wie leicht die Manière dieser Portraits fürchterlich daneben gehen kann. Die Bildsprache verrutscht unfreiwillig dann ins Groteske, in die Karikatur: Das Portrait einer Polin (1919) ist ein Beispiel dafür und wirklich nicht das einzige, das hier zu sehen ist.

Der Katalog zur Ausstellung kostet 39,90 Euro (in der Museumsausgabe ist der Eintrittspreis zur Ausstellung inbegriffen) und enthält gute Reproduktionen auch von Werken, die nicht für die Ausstellung gewonnen werden konnten. Letzteres ist wichtig, weil es nicht immer die beste Version eines Motivs ist, die in Bonn zu sehen ist. Ein sehr informativer Essay von Stefan Koldehoff klärt zudem auf über das Verhältnis von Leben und Kunst, Mythos und Markt im Fall Modigliani.

Amedeo Modigliani. K: Christoph Vitali. Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. 17. April – 30. August 2009.