Action Painting in der Fondation Beyeler bei Basel

Die Revolution ist mitunter dekorativ

Die Baseler Fondation Beyeler dokumentiert mit der ausgezeichneten Ausstellung Action Painting noch bis Mitte Mai 2008 die ästhetische Revolution, die unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg die Kunstwelt aufmischte.

Eine Holzfaserplatte, hellbraun grundiert, gut Zweimetervierzig hoch, Einszwanzig breit. Darauf eine unregelmäßig geränderte, mittelgraue Fläche, nahezu über die ganze Platte erstreckt sie sich. Darüber ein dichtes, feinnerviges Farbgeflecht, geschichtet aus Kurven, Linien, und Flecken, dunkelrot, eigelb, graugrün, schwarz und weiß. Wie wenn jemand Eiskunstläufern Farben an die Schlittschuhkufen gekleistert oder auch das Gedankengeflirre eines Menschen grafisch notiert hätte. Oder jemand schleudert und träufelt Lack- und Ölfarben von seinem Pinsel auf die am Boden liegende Fläche. Das Ergebnis ist unzweifelhaft dekorativ. Und es ist das derzeit teuerste Gemälde der Welt, heißt Nummer 5/1948 und wechselte vor anderthalb Jahren für $140.000.000 den Besitzer.

Fondation Beyeler, Basel, Gebäudefotografie. jvf.Zwanzig Tramminuten nordöstlich des Baseler Barfüsserplatzes liegt im Dorf Riehen, unweit der deutschen Grenze, das von Renzo Piano Mitte der neunziger Jahre geplante Museum der Fondation Beyeler: ein lichter, zum umgebenden Park und zur Baseler Landschaft hin angenehm transparenter Flachbau, der manchen als weltweit schönster Museumsbau gilt. Dort ist noch bis Mitte Mai eine Ausstellung zu sehen, die unter dem Titel „Action Painting“ mit 111 Exponaten die ästhetische Revolution dokumentiert, die unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg die amerikanische und europäische bildende Kunst aufmischte.

Abstrakter Expressionismus, gestische Abstraktion, Informel und eben Action Painting sind die Begriffe, mit denen die Kunstgeschichte und Kunstkritik die seinerzeitige vielgestaltige Abkehr von den Bildtraditionen der klassischen Moderne, aber auch deren Fortschreibung, zu systematisieren sucht. Das ästhetische Konzept dahinter: das Gemälde habe das Protokoll eines unwillkürlichen, spontanen künstlerischen Aktes zu sein, könne unter Einbindung zufälliger Prozesse enstehen, aber stets unter Verzicht auf figurative Darstellung und illusionistischer Raumwirkung. Das Ergebnis wäre so kein Zeichen, eher Spur des Gestus des Malers, der verwendeten Materialien und der körperlichen Aktion bei seiner Herstellung – und eben deshalb unverstellter Ausdruck des Künstler-Ichs. Das ist natürlich Humbug, neoromatischer Künstlerkult-Humbug, kann aber auch zu faszinierenden Kunstwerken führen, und die sind in Basel in beeindruckender Auswahl zu sehen.

Zu den Höhepunkten der von Ulf Küster kuratierten Ausstellung zählen zunächst, neben vier Werken des Lehrmeisters der amerikanischen gestischen Abstraktion, Hans Hofmann, sechs Arbeiten von Wols, der 1913 als Alfred Otto Wolfgang Schulze in Berlin geboren wurde. Wols ließ seit Mitte der vierziger Jahre bis zu seinem frühen Tod 1951 im Pariser Exil die Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts zu albtraumhaften Kompositionen gerinnen. Restbestände organischer Formen spritzen in gebrochenen Farben explosionsartig vom Zentrum des Bildes hin zur Peripherie, wie zermalmt hingegestreckt unter der Last von Krieg und Völkermord.

Erholsam geradezu wirken dagegen die 14 Bilder Jackson Pollocks, die im Zentrum der Baseler Schau stehen, darunter besagtes Bild Nummer 5/1948. Ihr Marktwert mag, neben ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als Schlüsselwerke des Action Painting, auch zu schulden sein ihrem dekorativen Charakter und der ausgewogenen, fast ornamentalen Bildstruktur. Egal, sie sind von einer annähernd klassischen Schönheit, die in der Kunst des 20. Jahrhunderts selten ist. Schade übrigens, dass keines der Werke auf dem Boden liegend zu sehen ist. Diese Vorstellung mag aus versicherungstechnischer und konservatorischer Sicht völlig absurd erscheinen, aber bei einer Kunst, die dem Prozess ihrer Entstehung so großes Gewicht beimisst, hätte ich es doch sehr spannend gefunden, wenn die Präsentation – zumindest an einem Beispiel – die Lage der Bildfläche in der Produktion reflektiert hätte.

Vor allen mit Werken von Ernst Wilhelm Nay, Willem de Kooning, Asger Jorn, Karel Appel und Helen Frankenthaler bezeugt die Ausstellung die ungebrochene Vitalität des Action Paintings in den sechziger und siebziger Jahren. Ausgesprochen eindrucksvoll waren mir zudem zwei Arbeiten von Kazuo Shiraga aus den frühen sechziger Jahren. Deren kraftvolle Intensität kann man als eine buddhistisch gemilderte, weniger apokalyptische Variante zu Wols Albträumen verstehen. Shiraga verteilt, zuvor auf am Boden liegende Leinwände geworfene Farbklumpen, nach meditativer Vorbereitung, sich an Seilen haltend, mit seinen Füßen. Das sei mir recht, so lange dabei Bildwerke von dieser Qualität entstehen.

Der Katalog zur Ausstellung ist mit 68 Schweizer Franken für die Museumsausgabe zwar schweineteuer, lohnt aber das Geld, denn neben einigen lehrreichen Essays enhält der im Hatje Cantz Verlag erschienen Band ausgezeichnete Reproduktionen der ausgestellten Werke.

Action Painting. Fondation Beyeler, Riehen/Basel. 27. Januar – 12. Mai 2008.