Kulturraum NRW


Die große Kunstausstellung NRW 2008 in Düsseldorf

Gekreuzigte Tribbles auf der Arche

Im Düsseldorfer museum kunst palast ist bis Mitte März 2008 die Große Kunstausstellung NRW zu sehen, in der rund 250, teils sehr sehenswerte, Werke von etwas mehr als 150 Gegenwartskünstlern aus Nordrhein-Westfalen gezeigt und zum Verkauf angeboten werden.

Was da in Sachen Videokunst und leider auch Malerei zu sehen ist, fand ich jetzt nicht so spannend (vielleicht noch die farbintensive, abstrakt expressionistische Malerei von Manfred Vogel). Anders aber einige Installationen, die in dieser Ausstellung zu sehen sind.

Liebhaber des blasphemischen Humors werden Gefallen finden an Lotte Füllgrabe-Pütz‘ Domschatz. Die vierteilige Installation der Westfalin (*1955) imitiert Sakralkleidung aus Butterbrotpapier, Draht und Alltagsobjekten: Unten eine Robe (oder ist das eine Domkuppel?) aus ins halbtransparente Papier geschlagenen Stullen, darüber gehängt, drei Mitren, deren ins Papier eingeschlossene Objekte – Münzen, Spielzeugsoldaten und Kleinanzeigen aus dem Telefonsexmilieu – eine Dreifaltigkeit der Kleinformen von Geld, Macht und Liebe vorstellen.

Das Christentum, dergestalt vom Kopf auf die Füße gestellt, muss bei Horst Egon Kalinowskis Kreuzabnahme aufpassen, dass sich nicht noch ihr zentrales Symbol auflöst. Das auf dunkles Holz genietete, wuchtige, todesgroße Lederkreuz des 1924 geborenen Düsseldorfer Künstlers, lässt die überlangen Querbalken, vom Hintergrund gelöst, wie resigniert herabsinken. Die massiven Materialien, die Kalinowski verwendet, machen die düstere Gewalt des christlichen Symbols gegenwärtig.

Nicht besser ergeht es dem Kreuz bei Peter Nagel (*1963). Seine detailreiche Installation Wühltisch, wendet den Mythos von Sinflut und Arche ins Spielerische, gleichwohl Düstere. Auf einem 70cm hohen Podest gut einen Quadratmeter voll, teils patinierter, Bronzefiguren, Dickhäuter meist, aber auch ein Menschenzug im Spielzeugformat, der in einer endzeitlichen Schlammlandschaft immer noch seinen Weg in die Arche sucht. Die aber ist bereits auf dem Ararat gestrandet und sowieso disproportional klein für die anströmenden Massen und vor allem die mächtigen Dickhäuter. Letzere müssen es sich gefallen lassen, in einem Einkaufswagen kopfüber eingesammelt zu werden, und, etwas aus dem Zentrum gerückt, steht gerade noch das Kreuz, das, aus der Senkrechten geraten, den Schmerzensmann seitlich abwirft.

Religiöse Motive verarbeitet auch Gerlinde Salentin (*1954) in ihrer, irgendwie versöhnlichen, Installation Lichtfeld. Tiefgelbe, wächserne Tafeln, denen mehrfach belichtete Schwarzweißbilder von Sakralbauten, Gläubigen und religiösen Symbolen aus den verschiedenen Weltreligionen eingeprägt sind, umrahmen eine Großtafel, die in Farbfeldern verschiedener Gelbschattierung möglicherweise Erlösung verspricht. Warum oben links auf einem Glasregal ein wächserner Kopf liegt, der an antike Mamorstatuen erinnert, weiß ich aber jetzt auch nicht.

Mit Köpfen, diesmal grob aus gebranntem Pappelholz geschnitzt, mit leidverzerrten Gesichtern, ist eine hölzerne Barke gefüllt. Einige haben es nicht geschafft in die – auch hier keine Rettung verheißende – Arche der Migration und liegen zerstreut auf dem Boden rund um das Boot. Die Installation Convoi Royal des in Essen arbeitenden Bildhauers Jems Robert Koko Bi (*1966) ist das ergreifendste Stück der Ausstellung.

Von den photographischen Arbeiten hat mir besonders eine dreiteilige Serie Ohne Titel der jungen Kölner Künstlerin Evelin Rajca (*1984) gefallen: hiesige Waldlandschaften, in denen ausgestopftes Wild als absurd arangierte Statuen ihr Verschwinden anzeigen und Problembären lüstern einer halbbekleideten jungen Frau nachsehen. Warum sie einen Strick in der Hand trägt? Ein Funkmast steht beiseite.

Der im Rahmen der Ausstellung verliehene Kunstpreis der Künstler geht an den Düsseldorfer Günter Weseler (*1945), der seit Mitte der sechziger Jahre mit organischen Formen und atmenden Objekten dem Leben nachspürt. Kleine Fellknäuel, die mich an die Tribbles aus diversen StarTrek-Episoden erinnern, sind mit unsichtbaren Motoren ausgestattet, die Atembewegungen simulieren. So verlebendigt ergreifen sie Besitz von Wandteppichen oder auch von einem Tisch, auf dem Brot und andere Nahrung bereit steht. Auf Stroh gebettet dösen derweil zwei schlafende Löwen vor sich hin.

Der Katalog zur Ausstellung kostet 18 Euro und lohnt – im Unterschied zur Ausstellung – das Geld nicht: die Abbildungen sind sehr kleinformatig, zeigen mitunter nicht das, was ausgestellt ist, der Katalog ist nicht vollständig und geizt mit Informationen, die mitunter auch noch fehlerhaft sind.

Große Kunstausstellung NRW 2008. Düsseldorf, museum kunst palast, 10.02.2008 – 16.03.2008.