Die Saison 2017/2018: Neuere und neueste Opern in NRW

Die Vorschau

Was gibt es in der Spielzeit 2017/2018 auf NRW-Bühnen an Opern des 20. und 21. Jahrhunderts zu sehen? Eine Auswahl aus den Spielzeitheften der neuen Saison.

Theater Münster, Die Ruine im Innenhof des Theaters mit Blick auf das Foyer des Großen Hauses © Oliver Berg
Theater Münster, Die Ruine im Innenhof des Theaters mit Blick auf das Foyer des Großen Hauses © Oliver Berg.

Glaubt man den Statistiken von operabase.com entfallen über 50% aller Oper- und Operetten­aufführungen weltweit auf Werke von Verdi, Mozart, Puccini, Rossini, Wagner, Donizetti, Bizet und Johann Strauss (dem Sohn).

Unter den 50 meistgespielten Opern und Operetten, die wiederum an rund 55% aller Aufführungen weltweit schuld sind, finden sich genau drei, die jünger als 100 Jahre sind: Puccinis Turandot (UA 1926) und die Operetten Gräfin Mariza von Kálmán (UA 1924) sowie Im weißen Rößl von Benatzky (UA 1930). Und nur rund 7% aller Opern­aufführungen bringen Werke (noch) lebender Komponisten und Komponistinnen über die Bühne – letztere sind mit 0,8% aller Aufführungen dabei.

Statistisch gesehen ist die Oper also weit überwiegend tot (und männlich). Natürlich macht Traditions­pflege Sinn und natürlich sind Opern­inszenierungen, denen es gelingt, historisches Material ins Gegenwärtige zu bringen, alles andere als tote Materie. Aber der Befund ist trotzdem erschütternd.

Was setzen also die Bühnen in Nordrhein-Westfalen in der Spielzeit 2017/18 dagegen? Wo und wann gibt es gegenwärtiges, nicht-triviales Musiktheater oder Rückgriffe auf das Musiktheater des 20. Jahr­hunderts diesseits von Puccini?

Erstaufführungen in Münster und Hagen

In Münster ist erstmals in NRW Angels in America des ungarischen Komponisten Peter Eötvös zu sehen. Für die zweiaktige Oper hat Eötvös das gleichnamige Theaterstück von Tony Kushner – eine schwule Fantasie über das Amerika der Reaganzeit – von 7 auf gut 2¼ Stunden zusammen­geschnurrt und den sprechnahen Gesang unterlegt mit „verschiedenen klangmalerischen, affektiven oder auch strukturellen Mustern, die 13 auch elektronisch weiterbehandelte Instrumente im Orchester­graben produzieren“, wie der Kritiker der Berliner Zeitung von der Uraufführung 2004 in Paris zu berichten wusste. Die Premiere in Münsters Großem Haus ist für den 24. Februar 2018 angekündigt.

Theater Hagen, Fassade bei Nacht, Foto: Boris Golz, Arnsberg
Theater Hagen, Fassade bei Nacht, Foto: Boris Golz, Arnsberg.

Das Theater Hagen nimmt sich fürs Frühjahr 2018 die europäische Erstaufführung von Joby Talbots 1¼ Stunden kurzem Einakter Everest vor. Das im Januar 2015 in der Dallas Opera uraufgeführte Stück ist die erste Oper des englischen Komponisten und dramatisiert ein tödliche Bergsteiger­expedition während eines Wetter­umschwungs in 1996 am Mount Everest. Der Kritiker der Dallas Voice konnte sich angesichts der Uraufführung kaum wieder beruhigen: eine „atemberaubend kraftvolle … Großtat, die in Kopf und Herz nachwirkt“, „eine der fesselndsten und wichtigsten Opern dieser Generation“. Man wird sehen (EE: Großes Haus, 5. Mai 2018).

Oper in Gelsenkirchen, Dortmund, Bielefeld

Für das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier kann man sich gleich drei Abende vormerken. Ins Reformations­jubeljahr­geschehen greift das MiR im Herbst mit Paul Hindemiths Bauernkriegs­oper Mathis der Maler (UA 1938) ab 28. Oktober 2017 ein. Im Winter steht dann die katholische Gegen­offensive mit Francis Poulencs Musikdrama über die seligen 16 Karmelitinnen von Compiègne auf dem Plan: Dialogues des Carmélites (P: 27. Januar 2018). Im Frühjahr folgt Schostakowitsch’ musikalische Komödie Moskau, Tscherjomuschki (P: 31. März 2018).

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier. Foto: MiR Gelsenkirchen, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons
Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier. Foto: MiR Gelsenkirchen, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons.

Nebenan in Dortmund steht bereits im Herbst Richard Strauss’ lyrische Komödie Arabella (UA 1933) auf der Agenda (P: 24. September 2017).

Für den Winter kann man sich zudem die Anreise nach Bielefeld vornehmen. Das dortige Stadttheater bringt Emil Nikolaus von Rezniceks „heiter-phantastisches Spiel mit Musik“ Benzin. Das Stück, 1928/29 entstanden, bringt Odysseus und Circe und einen Zeppelin mit einigen Gassenhauern zusammen und wurde erst 2010 in Chemnitz uraufgeführt (P: 13. Januar 2018). Im Sommer dann steht Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz (UA 1979) auf dem Spielplan der Ostwestfalen (P: 9. Juni 2018).

Die Deutsche Oper am Rhein

Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf vermeldet für den 9. März 2018 die Übernahme eines Doppelabends mit Strawinskys Petruschka und Ravels L’enfant des sortilèges. Die britische Bühnenkombo „1927“ hat das Ding Anfang 2017 für die Berliner Komische Oper eingerichtet. „1927“ arbeitet mit animierten Bühnen­bildern, was vor Jahren für die Zauberflöte ausgesprochen gut funktioniert hat.

Nebenan in Duisburg bringt die Deutsche Oper am Rhein einen weiteren Doppelabend mit zwei Einaktern über die Bühne. Im Rahmen der Reihe „Young Directors“ inszeniert Volker Böhm Donizettis Pygmalion und Kinga Szilágyi kümmert sich um die Einrichtung von Bohuslav Martinůs Spätwerk (UA 1961) Ariadne (Theater Duisburg, P: 22. April 2018).

Die derzeit coolste Musiktheaterbühne in NRW: Wuppertal

Auch in Wuppertal steht der tschechische Komponist Bohuslav Martinů (1890-1959) auf der Agenda: Seine surrealistische lyrische Oper Julietta (UA 1938) ist dort für das Frühjahr vorgesehen (P: 3. März 2018). Ein paar Wochen früher schon ist die Wieder­aufnahme von Beryl Korots und Steve Reichs Video-Oper Three Tales (UA 2002) vorgesehen – unbedingt empfehlenswert (WA: 3. Februar 2018).

Zur Eröffnung seiner zweiten Spielzeit hat Intendant Berthold Schneider, der recht umstandslos das Wuppertaler Opernhaus zur coolsten Musiktheater­bühne in NRW gemacht hat, aber Heiner Goebbels Suite Surrogate Cities (UA 1994) eingeplant – in Kombination mit dem 3. Akt von Wagners Götterdämmerung (Opernhaus, 16. September 2017).

Die Kölner Tragödie

In Köln nimmt man unterdessen in aller gebotener rheinischer Gelassen­heit die Schätzung hin, dass die Renovierung des Opernhauses am Offenbach­platz nur etwa sieben Jahre länger dauern und kaum mehr als rund 300 Millionen Euro teurer werden wird als ursprünglich einmal geplant.

Köln, Foyer des Operhauses während Bauarbeiten 2013. Foto: Geolina163, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Köln, Foyer des Operhauses während Bauarbeiten 2013. Foto: Geolina163, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

In der Interims­spielstätte in den Messehallen jedenfalls erinnert man an bessere Zeiten und an den 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970). Dessen Die Soldaten, 1965 in Köln uraufgeführt, steht für das Frühjahr auf dem Programm (Staatenhaus, P: 29. April 2018).

In der „Außenspielstätte am Offenbach­platz“ ist für den 24. Februar 2018 die Premiere von Viktor Ullmanns Der Kaiser von Atlantis vorgesehen. Die Kammeroper – Ullmann hat sie 1943 in Theresienstadt geschrieben, 1944 wurde er in Auschwitz ermordet – wurde erst 1975 in Amsterdam uraufgeführt. Der Einakter erzählt in allegorischer Form von einer „Tod-Verweigerung“.

Bereits Ende 2017 steht schon die Uraufführung eines Auftrags­werks der Oper Köln an: Helmut Oehring hat zusammen mit der Librettistin Stefanie Wördemann ein „dokupoetisches Instrumental­theater […] auf die Wuppertaler Rede ‚Die Freiheit der Kunst‘ (1966) und andere Texte Heinrich Bölls“ entwickelt und mit dem hübschen Titel Kunst muss (zu weit gehen) oder Der Engel schwieg ausgezeichnet – ich weiß nicht (Staatenhaus, UA: 9. Dezember 2017).

Oper in Bonn und Aachen

Flussaufwärts, in Bonn, greift die Oper zunächst auf den Schweizer Spätromantiker Othmar Schoeck (1886-1957) zurück und zeigt dessen Troja-Gemetzel Penthesilea (UA 1927 in Dresden). Die Premiere des 1¼ Stunden kurzen Einakters ist für den 15. Oktober 2017 vorgesehen.

Im Frühjahr folgt Philip Glass’ Oper Echnaton (Akhnaten). Das 1984 in Stuttgart uraufgeführte Stück ist das dritte und letzte aus der Portraitopern­trilogie des amerikanischen Minimalisten und kümmert sich eben um den ägyptischen König Echnaton als Erfinder des Mono- oder zumindest Henotheismus – so lerne ich auf Wikipedia (P: 11. März 2018).

In Aachen tut man es den Kollegen am Gelsenkirchener MiR gleich und hat Poulencs Karmelitinnen auf den Spielplan gesetzt: Dialogues des Carmélites (P: 15. April 2018).

Merkliste Oper NRW 2017/2018

Die Angaben zu den Aufführungen sind den langfristigen Planungen und Vorankündigungen der Musiktheater in NRW entnommen (Stand Juli 2017). Bevor Sie zu einem Opernabend anreisen, informieren Sie sich bitte bei den jeweiligen Veranstaltern über etwaige Planänderungen oder Verschiebungen.

Kommentieren