Die Theatersaison 2011/2012 in der Rheinprovinz II

Bonn, Koblenz, Trier und Aachen

Im Süden der Rheinprovinz muss gespart werden, feiert man Einweihung, sieht den großen Einzelnen im Aufstand und sich selbst ans Ziel gekommen: Ein Überblick über die Spielzeit­planungen 2011/2012.

Das Theater Bonn muss ab 2013 jährlich 3,5 Millionen Euro einsparen (etwa 10% des Etats), so hat es der Rat der Bundesstadt am Rhein mit seiner schwarz-grünen Mehrheit beschlossen. Die Städtischen Bühnen mussten seit dem Jahr 2000 bereits Kürzungen in Höhe von 30% ihres Haushaltes hinnehmen. Wie das neuerliche Sparziel erreicht werden soll, ist völlig unklar, zumal der Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch zugleich eine Schließung der Kammerspiele in Bad Godesberg ebenso ausgeschlossen hat wie betriebsbedingte Kündigungen am Theater. Generalintendant Klaus Weise hat deshalb angekündigt, 2013 gehen zu wollen.

Man wird sehen – in der neuen Spielzeit jedenfalls die rheinische Erstaufführung einer Oper des mikrotonalen Komponisten Georg Friedrich Haas: Bluthaus, nach einem Libretto von Händl Klaus (27.9.2011), uraufgeführt im Frühjahr bei den Schwetzinger Festspielen. Wenig später führt Klaus Weise seine Wiederentdeckung des, von den Nazis nachhaltig zum Schweigen gebrachten Komponisten Franz Schreker fort und bringt – nach Irrelohe in der letzten Saison – jetzt dessen Frühwerk Der ferne Klang auf die Bühne (27.9.201111.12.2011). Vorgemerkt habe ich mir außerdem Léo Delibes’ komische Oper Lakmé, die in Kooperation mit dem Opéra-Théâtre de Metz von dessen zukünftigem Leiter Paul-Emile Fourny für die Bonner Bühne inszeniert wird (29.1.2012).

In Wäldern, Dschungeln und Behörden

Noch ganz zu Anfang der Spielzeit okkupieren die Bonner Bühnen das leerstehende Landesbehördenhaus (ehem. Polizeipräsidium) an der Friedrich-Ebert-Allee und spielen mit Beethoven: Der entfesselte Fidelio oder das Blut der Freiheit – keine Ahnung, was ich mir darunter vorstellen soll (18.9.2011).

Zwei Deutsche Erstaufführungen von angelsächsischen Stücken gibt es: Johannes Lepper richtet Mike Bartletts Erdbeben in London ein, das Stück wurde letztes Jahr am National Theatre an der Themse uraufgeführt (Kammerspiele, 14.10.2011). Und im Frühjahr steht dann Neil LaButes jüngstes Stück In a Forest, dark and deep an. Der Psychokrimi um eine Geschwisterrivalität ist allerdings bei der World Premiere im Londener Westend nicht uneingeschränkt auf Begeisterung gestoßen (Werkstatt, 16.5.2012).

Zwei Auftragswerke hat es heuer: Philipp Löhle macht ein neues Stück, über das ich aber noch nichts weiß (Werkstatt, 20.1.2012) und Alexander Riemenschneider nimmt das Publikum mit auf eine Identitäts- und Authentizitätssuche im Dschungel: Mathilde Bäumler. Ein Dschungelstück (Halle Beuel, 23.3.2012).

Solange es ein Ziel gibt

Theater der Stadt Koblenz; Foto: Lothar Spurzem, Lizenz: CC BY-SA 2.0; Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stadttheater_Koblenz_2008-10-04_b.jpgIm Theater Koblenz freut man sich unterdessen auf die Fertigstellung des Erweiterungs­baus, der ab dieser Saison die Platznot im klassizistischen Schmuck­stückchen am Deinhardplatz lindern soll. Vorgemerkt habe ich mir die Deutsche Erstaufführung von Georges Aperghis’ opéra bouffe Les Boulingrin, uraufgeführt 2010 an der Opéra Comique in Paris. Der komische Einakter aus der Ehehölle wird zusammen mit Massenets heute eher selten gespielten, bis zur Albernheit tragischen Kurzoper La Navarraise auf die Bühne gebracht, was zumindest einen kontrastreichen Abend verspricht (Großes Haus, 29.10.2011).

Roman Senkl, letzte Saison Hausautor am Theater Koblenz, hinterlässt eine dreiaktige Sinn- und Beziehungssuche, die bereits am 3.9.2011 in den Kammerspielen in der Regie von Intendant Markus Dietze uraufgeführt wird: Solange es ein Ziel gibt, heißt das Ding.

Sie haben ihr Ziel erreicht

Theater Trier Außenansicht; Foto: jvfMoselaufwärts am Theater Trier blickt man auf eine sehr spannende Saison 2010/2011 zurück – u.a. mit der Deutschen Erstaufführung von Philipp Glass’ Voyage und einem sehr sympathischen Sturm. Die neue Spielzeit ist unter das Motto “Sie haben ihr Ziel erreicht” gestellt, was naturgemäß das Theater meint.

Das wenig schmucke Haus am Augustinerhof indes wird diesen Sommer brandschutzmäßig saniert, also weichen Schauspiel, Oper und Tanz für die Saisoneröffnung auf ein aufgelassenes Fabrikgelände im Industriegebiet Trier-West aus und bringen spartenübergreifend Bernsteins West Side Story ans Publikum (Bobinethalle, 27.8.2011). Das könnte interessant werden, aber etwas unsicher machen mich da Einlassungen von Intendant Gerhard Weber: “Mithilfe erfahrener Eventmanager und bekannter Architektur- und Gastronomie-Firmen ist es gelungen, eine Infrastruktur zu konzipieren, die unserem Publikum ein unvergessliches Erlebnis bieten wird.” Oha.

Zwei Kammerspiele habe ich mir notiert: Im Landgericht Trier inszeniert Britta Benedetti das aus Briefen der “Bestie von Langenberg” von Oliver Reese Anfang der neunziger Jahre montierte Einpersonenstück Bartsch, Kindermörder (17.11.2011). Und Dirk Lauckes posttraumatisches Belastungsstörungsdrama Der kalte Kuss von warmen Bier, 2009 beim Stückemarkt in Heidelberg uraufgeführt, inszeniert Ingrid Müller-Farny im Frühjahr nächsten Jahres im Trierer Studio (5.5.2012).

Der große Einzelne

Das Theater in Aachen Außenansicht; Foto: Euku, Lizenz: CC BY-SA 3.0; Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theater_Aachen_%282009%29.jpgGanz im Westen kümmerte sich das Theater Aachen in der letzten Saison um die untoten Restbestände des Glaubens, u.a. an den Wassern zu Babel und im Hinblick auf den Typus des Fundamentalisten. Heuer diagnostiziert man im Dreiländereck unter der Überschrift “Der große Einzelne” einen gesellschaftlichen Umbruch: “so etwas wie eine unpolitisch-politische Bewegtheit des Einzelnen”, der seinen Ort in der Welt, der Familie, der Zweierkiste neu aushandelt. So in etwa.

Die Konfrontation von Ich und Nicht-Ich wird in Aachen anhand von Standards wie von neuen Stücken ausgelotet. Den Saisonauftakt macht dabei Tom Waits’ Adaption von Büchners Woyzeck (Bühne, 18.9.2011), später folgen u.a. Ibsens Volksfeind (Kammer, 11.11.2011) und Williams’ Katze auf dem heißen Blechdach (Bühne, 10.3.2012).

Martin Heckmanns Entwicklungsdrama Hier kommen wir nicht lebendig raus, 2010 als Auftragswerk im Düsseldorfer Schauspiel erstmals zu sehen, untersucht die Ich-Werdung unter den Bedingungen des Web (Mörgens, 5.1.2012), die Uraufführung von Ein Jahr für die Ewigkeit - “öko” im Selbstversuch nimmt vorher schon eine Familienkatastrophe unter den Bedingungen einer radikalisierten ökologischen Korrektheit in den Blick (Mörgens, 10.11.2011).

Vorgemerkt habe ich mir außerdem das spartenübergreifende Projekt Tomorrow, maybe… Über-Leben in Diktaturen, eine Kooperation mit dem Goethe-Institut Südostasien und Amrita Performing Arts aus Phnom Penh. Diktaturen in Argentinien, Südafrika und eben Kambodscha machen hier den historischen Background für eine Erkundung der Überlebensmöglichkeiten unter Regimen, denen der Einzelne nichts gilt (Kammer, 23.9.2011).

In Sachen Musiktheater steht u.a. auf dem Programm ein Abend mit Poulencs La voix humaine und Monteverdis Il Combattimento di Tancredi e Clorinda (Bühne, 6.11.2011) und im nächsten Sommer Ravels L´Enfant et les Sortilèges (Bühne, 16.6.2012).

Die Theatersaison 2011/2012 in der Rheinprovinz

Düsseldorf, Leverkusen und Köln

In der Spielzeit 2011/2012 versucht die neue Intendanz in Düsseldorf, die Weltstadt am Rhein mit etwas Internationalität zu pimpen. Unterdessen suchen in Leverkusen Kenianer nach einem Job und Claus Peymann nach einer Hose. In der Domstadt am Rhein hat man vielleicht Chinesen zu Gast, bevor man getrennte Wege geht: in die Kölner Nordstadt und später nach Hamburg.

Außenansicht Schauspielhaus Düsseldorf; Foto: jvfWarum die Intendanz von Amélie Niermeyer, von 2006 bis 2011, sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik nur wenig Begeisterung geweckt hat, kann ich bis heute nicht recht nachvollziehen. Ich habe in den letzten Jahren im Düsseldorfer Schauspielhaus jedenfalls zum Teil ganz großartiges Theater gesehen, oft allerdings vor peinlich leeren Rängen und wenig aufgeschlossenen Besuchern.

Jetzt ist die Niermeyer weg, unterrichtet am Mozarteum in Salzburg und ist als freie Regisseurin unterwegs. Ihr Nachfolger am Gustaf-Gründgens-Platz, Staffan Valdemar Holm, zuletzt Intendant am Stockholmer Nationaltheater, soll jetzt die selbsternannte Weltstadt am Rhein mit internationalem Flair auffüllen. Er veranstaltet dann auch gleich zu Beginn der Saison ein “Willkommen!” gelabeltes Festival, mit Gastspielen aus Berlin, Brüssel, Antwerpen, Weimar, Tokio und Santiago de Chile. Aus Belgrad bringt Holm dazu seine eigene Inszenierung von Euripides’ Bakchen mit (Festival, 28.10. 25.10. - 6.11.2011).

Die erste Neuinszenierung im Großen Haus, wieder eröffnet nach mit Verzögerung abgeschlossener Asbestsanierung, ist ebenfalls Chefsache: Hamlet (14.10.2011 4.11.2011). Im Januar dann kommt Andrea Breth aus der Wiener Burg herbei geeilt und richtet Jean Anouilhs Verhaftung Isaak Babels Marija ein (7.1.2012). Gleich darauf inszeniert Stéphane Braunschweig, Chef des Théâtre National de la Colline in Paris, die deutsche Erstaufführung von Arne Lygres Tage unter und hat dafür Udo Samel im Kader (14.1.2012).

Auftakt zur Endzeit

Zwei Uraufführungen von Auftragswerken des Düsseldorfer Schauspiels werden dann Anfang 2012 Hilfestellungen in Sachen Einstimmung in die Endzeit geben. Tine Rahel Völcker diagnostiziert zusammen mit Regisseurin Nora Schlocker das Ende der bürgerlichen Gesellschaft: Kein Science-Fiction (4.2.1012). Und der chilenische Autor und Regisseur Guillermo Calderón arbeitet an einem Stück, Beben, das Fragen nach den Folgen von Naturkatastrophen für das menschliche Selbst- und Weltbild nachspürt. Er wird das in eigener Regie zur Aufführung bringen (30.3.2012).

Daneben gibt es u.a. Dramatisierungen von Houllebecq (Falk Richter, 16.10.2011), Kafka (Andrej Mogutschi, 24.3.2012) und Goethes Wahlverwandtschaften (Oliver Reese, 13.4.2012).

Mehr Raum fürs Orchester

Auf der anderen Seite des Hofgartens, in der Deutschen Oper am Rhein, wird der Spielbetrieb heuer etwas später aufgenommen: Zunächst stehen Bauarbeiten zur Vergrößerung des Orchestergrabens an und auch in Sachen Lüftung und Brandschutz muss der großen Sanierung vor einigen Jahren nachgearbeitet werden. Am 2. Dezember hat dann Rossinis Il barbiere di Siviglia Premiere. Interessanter wird es Ende Januar, wenn mit Castor et Pollux die Reihe mit Werken des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau fort gesetzt wird (28.1.2012). Spannend könnte auch Sabine Hartmannshenns Inszenierung von Strawinskys Rake’s Progress werden (23.5.2012).

Im Sommer 2012 dann macht sich Düsseldorf verdient um das zeitgenössische Opernwesen und bringt im Central in der alten Paketpost das Auftragswerk Mörder Kaspar Brand zur Uraufführung. Das Stück des einunddreißig Jahre alten Komponisten Anno Schreier, nach einem Libretto von Philipp J. Neumann, fragt: “Wie verändert sich eine normale Person, nachdem sie das Leben einer anderen vorsätzlich beendet hat?”. Das wird gut zu wissen sein (14.6.2012).

Der Glaube im Erholungshaus

Die Spielzeit im Leverkusener Erholungshaus ist “Glaube und Wissen” überschrieben. Zu Gast sind u.a. Nick Hornbys Nipple Jesus aus Hamburg (13.10.2011), Woody Allens Gott aus Mülheim (14.1.2012), Horváths Glaube Liebe Hoffnung aus Bremen (2.6.2012). Aus dem Berliner Ballhaus Naunynstraße bringt Nurkan Erpulat Verrücktes Blut vorbei (8.1.2012) und Armin Petras aus dem Maxim-Gorki-Theater Kleists Erdbeben in Chili mit (27.1.2012) – einen Tag später hat Laurent Chétouanes Version des Kleist-Texts in Köln Premiere (s.u.).

Wie jetzt Thomas Bernhards Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen in diesen Themenkomplex rein passt, weiß ich gerade auch nicht, egal, das Berliner Ensemble ist in Gestalt von Peymann und Beil am 17.9.2011 vor Ort für eine szenische Lesung. Interessant werden könnte ein Gastspiel des Hope Theatre Nairobi: The Dream of Getting a Job sei eine “multimediale afrikanische Revue”, die der österreichische Regisseur Stephan Bruckmeier “mit dem Ensemble im Rahmen von Workshop erarbeitet” habe. Mal schauen (15.4.2012).

Unterwegs ins Exil

Außenansicht Schauspielhaus Köln; Foto: A. Savin (mod). Lizenz: CC BY-SA 3.0. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schauspiel-koeln.jpgDas Kölner Schauspielhaus hat eine herausragende Spielzeit hinter sich, mit ganz wunderbaren Inszenierungen u.a. von Tschechows Kirschgarten und Jelineks Werk. Heuer steht die letzte Saison vor der Sanierung des Hauses an und also vor Umzug in die Interimsspielstätte am Gladbacher Wall in der Kölner Nordstadt. Und wahrscheinlich ist das die vorletzte Spielzeit mit Intendantin Karin Beier, die von der Kölner Kulturpolitik ins Hamburgische Exil getrieben wird, wo sie 2013 die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses übernimmt.

Den Saisonauftakt macht die Uraufführung eines neuen Jelinek-Texts Kein Licht. Mehr nicht, den Beier in ihr Projekt Demokratie in Abendstunden integrieren will (Schauspielhaus, 30.9.2011). Die Chefin richtet plante später noch Gorkis eher selten gespieltes Familiensozialdrama Die Letzten (Schauspielhaus, 22.12.2011) für die Bühne ein einzurichten, das ist aus Finanzgründen gestrichen.

Musikalisch-Statistisches und englische Wochen

Musikalisch-theatralische Experimente bereiten Schorch Kamerun (Der entkommene Aufstand, Halle Kalk, 25.11.2011) und Nicolas Stemann (Der demographische Faktor, Schauspielhaus, 16.3.2012) vor. Rimini Protokoll wird in Köln - auch in Zusammenarbeit mit dem WDR - ihr statistisch-theatralisches Experiment 100 Prozent Berlin (2008) auf Kölner Verhältnisse übertragen (Hundert Prozent Köln, Schauspielhaus, 10.11.2011).

Im Frühjahr dann gibt es in der Halle Kalk englische Wochen: Dieter Giesing inszeniert Simon Stephens neues Stück Wastwater (Halle Kalk, Ende März 2012) und Katie Mitchell dramatisiert W. G. Sebalds wunderbare Exkursion durch Suffolk, die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt (Halle Kalk, 11.5.2012).

Karin Henkel bringt vorher noch eine Dramatisierung von Dostojewskis Idiot ins Schauspielhaus (20.4.2012) und Laurent Chétouane wird von Kleists Erdbeben in Chili wenig übrig lassen (Halle Kalk, 28.1.2012).

Im Schatten des Schauspiels

Seit Jahren im Schatten des Schauspiels wird sich die Oper der Stadt Köln auch in der kommenden Saison redlich um Anerkennung bemühen. Den Auftakt macht Prokofjews Krieg und Frieden (16.9.2011). Vorgemerkt habe ich mir außerdem Monteverdis Ritorno d’Ulisse (25.2.2012). Katharina Thalbach wird wie in den letzten Jahren wieder in Köln inszenieren, diesmal Verdis Rigoletto (15.3.2012). Mal schauen, ihr letzter Versuch (Mahagonny) war nicht ganz überzeugend.

Besonders gespannt bin ich auf zwei Gastspiele. Im Oktober ist die Tanzkombo Sascha Waltz & Guests mit Körper vor Ort. Das Stück tourt seit mehr als zehn Jahren durchs Land und ich habe von Frau Waltz noch nie etwas gesehen, das nicht absolut faszinierend gewesen wäre (6./7.10.2011). In Planung ist zudem für November ein Gastspiel der Schanghai Kun Oper mit dem Klassiker Palast ewiger Jugend. Die vier Akte des rund zehnstündigen Stücks sollen über vier Abende verteilt auf die Bühne des Opernhauses gebracht werden (5.-8.11.2011). Mal gucken, ob das funktioniert, nachdem die Kölner Oper Ai Weiwei eingeladen hat, für einen Fidelio im Herbst 2012 das Bühnenbild zu machen.

Cologne Off Broadway

Im Theater am Sachsenring kämpft Südstadtprinzipal Joe Knipp weiter an gegen den finanziellen Kahlschlag in der kommunalen Förderung der freien Szene und grantelt in seinem Blog gegen das Stadttheaterwesen. In seiner seit März 2011 wiedereröffneten Schaubühne dreht er dem Düsseldorfer Schauspiel eine lange Nase und bringt seinen Hamlet schon am 6.10.2011 auf die Bühne. Für den November steht eine Begegnung von Oswald Spengler, Walter Benjamin und Robert Walser im Berlin des Jahres 1911 im Kalender, Hannelore Honnen hat das Gipfeltreffen der Jungspunde getextet, das Knipp zur Uraufführung bringt (Satisfaktion, 15.11.2011).

Im Theater im Bauturm steht nach Goethes Faust (17.9.2011) Lutz Hübners Eltern-Kinder-Lehrer-Komödie Frau Müller muss weg auf dem Plan (19.11.2011) und später Roland Schimmelpfennigs – 2010 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete – Erkundungen im Milieu der Asia-Imbisse: Der goldene Drache (24.4.2012).

Das Theater der Keller setzt ganz auf die Mobilmachung von Klassikern für die Gegenwart: Peter Lichts Vergegenwärtigung von Molières Der Geizige macht den Auftakt schon am 9.9.2011, später folgen u.a. Shakespeares Othello in der Neuübersetzung von Zaimoglu und Senkel (16.12.2011) und eine Dramatisierung von Schillers Kriminalbericht Der Verbrecher aus verlorener Ehre (3.2.2012). Hinzu kommt aus der Gegenwartsdramatik Nis-Momme Stockmanns Familienaufstellung Die Ängstlichen und die Brutalen (9.3.2012).

Neues Museum am Strom in Antwerpen eröffnet

Seit Mitte Mai ist im alten Hafen von Antwerpen der neue Museumskomplex geöffnet, der die Sammlungen von vier Museen der flandrischen Metropole unter einem Dach zusammen fügt und aufwändig inszeniert. Das Museum aan de Strom zeigt stadthistorische und ethnologische Exponate sowie Meisterwerke der Antwerpener Bildkunst.

Museum aan de Strom. Foto:jvf. Rechte: MAS/Neutelings Riedijk Architecten.

Rund 56 Millionen Euro und über zehn Jahre Planungs- und Bauzeit hat das MAS gekostet, mit dem sich Antwerpen städtebaulich und museumsmäßig in die Champions League spielen will. Und das ist schon ein sehr spektakulärer Bau, den das Rotterdamer Architektenbüro Neutelings und Riedijk da zwischen zwei Becken des alten Hafens an der Schelde gestellt hat.

„Vertikaler Stadtspaziergang“

Fünfundsechzig Meter und zehn Stockwerke hoch türmen sich, mit rotem Sandstein aus Indien verkleidete Quader, deren Erscheinungsbild an die Container des Antwerpener Welthandelshafens erinnern soll. Diese Ausstellungscontainer sind jeweils um neunzig Grad gegeneinander verschoben und die daraus gewonnenen Freiflächen sind als riesige Loggien mit gewelltem Glas nach außen hin geöffnet. Die monumentale, erratische Grundform des Baus erhält dadurch einige Leichtigkeit und Transparenz, vor allem aber geben diese Loggien Stockwerk um Stockwerk Ausblicke auf den städtischen Raum frei: Nach Norden hin auf das Hafengelände, nach Westen auf die Schelde, nach Süden auf die Altstadt von Antwerpen.

Von diesem, wie es die Betreiber nennen, „vertikalen Stadtspaziergang“ aus – die Loggien sind kostenfrei zugänglich – erreicht man auf jeder Ebene die Ausstellungscontainer. Auf insgesamt 5.716 m² Fläche sind dort die Bestände von vier, vormals eigenständigen Museen versammelt: Des Ethnographischen Museums, des Volkskundemuseums, des Nationalen Schifffahrtsmuseums und eines Teils der Sammlung des Museum Vleeshuis. Die Präsentation der Bestände erschließt in vier Themenbereichen die Geschichte und Gegenwart von Antwerpen in seinen Beziehungen zum Rest der Welt: Machtentfaltung, Weltstadt, Welthafen, Leben und Tod sind sie betitelt.

Ausstellungsarchitektur

Das Büro der Antwerpener B-Architekten, das für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich zeichnet, hat sichtlich erhebliche Mühe investiert, die Präsentation in eine sehr aufwändige Inszenierung einzubetten. Jeder Themenbereich wird durch einen Prolog eingeleitet, der mit einer Raum-, Video- oder Klanginstallation auf das jeweilige Thema hinführt. Die tageslichtfreien Ausstellungshallen selber sind in der Grundausstattung sehr schlicht gehalten und erinnern mit ihrem genieteten, gewellten Metallwänden wiederum an das Innere von Frachtcontainern. Sie bieten die Spielfläche, um für jeden Themenbereich ein sehr eigenes Präsentationskonzept zu verwirklichen. Mal wird die Halle durch Holzgerüste in großflächige Kompartimente geteilt, mal strukturieren von den Decken herabhängende Kegel oder in den Raum gestellte Lammellenwände die Fläche. Ein Höhepunkt der Inszenierung ist die Installation des neuseeländischen Künstlers George Nuku, der aus Plexiglas ein Maori Haus der Begegnung simuliert und damit die Bühne schafft für die Präsentation von sakralen Objekten aus Polynesien.

Ausstellungsarchitektur Museum aan de Strom. Fotos:jvf. Rechte: MAS/B-Architecten

Das ist im Ganzen sehr spannend und kurzweilig gemacht, aber zuweilen auch des Guten zu viel. Dann verstellt die Inszenierung ein wenig den Zugang zu den Exponaten und die Präsentationsästhetik gewinnt gegenüber der Information die Oberhand. Letzteres mag auch ein wenig daran liegen, dass – abgesehen von großflächigen Einleitungen – Informationstafeln ausschließlich in flämischer Sprache gehalten sind. Da lohnen die 7,50 Euro, für die man im Museumsshop einen deutschsprachigen Museumsführer bekommt.

Schaudepot und ständige Ausstellung

Schaudepot Museum aan de Strom. Foto:jvf. Rechte: MASEine prima Sache indes, dass eine der Ausstellungsebenen für ein Schaudepot eingerichtet ist, das Einblicke in die konservatorischen und klassifikatorischen Aufgaben eines Museumsbetriebs gewährt. Da kann man durch die langen Metallregalreihen schlendern, die die Bestände der verschiedenen Sammlungen fassen, Schubladen öffnen, in denen lichtempfindliche Objekte lagern, oder durch die Karteikarten des Bestandsverzeichnisses blättern.

Was von den Beständen in der ständigen Ausstellung präsentiert wird, ist von durchaus unterschiedlicher Qualität und für auswärtige Besucher sicher von sehr unterschiedlichem Interesse. Die endlosen Reihen von Schiffsmodellen, die aus dem Nationalen Schifffahrtsmuseum übernommen sind, werden eher nur Seefahrtsenthusiasten begeistern. Und für die Exponate zur Stadtgeschichte Antwerpens muss man schon eine Menge Interesse für die Historie der stolzen Stadt an der Schelde mitbringen. Ganz anders die ethnologische Bestände. Hier finden sich sehr eindrucksvolle Objekte asiatischer, afrikanischer und amerikanischer Kulturen. Für mich das eindrucksvollste davon ist eine neunteilige Serie von Zeichnungen aus dem Japan des 17. Jhd., die den Verfall des menschlichen Körpers illustriert – eine, so heißt es, Meditationsvorlage für buddhistische Mönche.

Neun Betrachtungen über die Unreinheit des Körpers, Morishige. Foto:jvf. Lizenz: gemeinfrei.

Sonderausstellung: Meisterwerke im MAS

Jean Fouquet, Madonna / Peter Paul Rubens, Venus frigida. Foto:jvf. Lizenz: gemeinfrei.Auf der für Sonderausstellungen reservierten Ebene des MAS ist noch bis Ende 2012 unter dem Titel „Meisterwerke im MAS“ ein Überblick über die reiche Kunsttradition Antwerpens zu sehen. Das Königliche Museum für Schöne Künste Antwerpen, derzeit wegen Renovierung geschlossen, stellt dafür eine Auswahl aus seiner Sammlung zur Verfügung, von den Flämischen Primitiven des 15. Jahrhunderts bis hin zu den barocken Meistern des 17. Jahrhunderts. Das Museum für zeitgenössische Kunst Antwerpen stellt Gegenwartskunst bereit, die im Rahmen dieser Ausstellung in Kontrast gesetzt wird zu den alten Meistern. Zu sehen gibt es u.a. einige Rubensschinken (darunter eine sehr hübsche Venus frigida von 1614) und Jean Fouquets faszinierend irritierende Madonna umringt von Serafinen und Cherubinen von 1452.

Museum aan den Strom, Antwerpen. Ständige Ausstellung seit 17. Mai 2011. / Meisterwerke im MAS. Fünf Jahrhunderte Bildkultur in Antwerpen. 17. Mai 2011 – 30. Dezember 2012

[Die Wiedergabe von Außen- und Innenaufnahmen des Museums erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Museums aan de Strom, Antwerpen.]

Uraufführung von James MacMillans Clemency in London

Besuch bei den Abrahams

Gastfreundschaft, Vergeltung und Milde sind die Themen von James MacMillans sehr spannender Kammeroper Clemency, die jetzt auf der kleinen Bühne des Linbury Studio Theatre am Covent Garden uraufgeführt wurde. Das Stück nach alttestamentarischer Vorlage hat vor allem eine Schwäche: Es ist mit nur fünfzig Minuten deutlich zu kurz geraten.

James MacMillan – 1959 geboren in Kilwinning, Schottland – ist einer der profiliertesten Gegenwartskomponisten Großbritanniens. Vor allem seine Kirchenmusik hat ihm einige Aufmerksamkeit verschafft, MacMillan ist Laienpriester der Dominikaner und hat auch schon eine Messe für Papst Ratzinger geschrieben. Clemency ist die erste einer Reihe von Kammeropern, die das Royal Opera House in den nächsten Jahren in Auftrag geben wird.

Das Stück (Libretto von Michael Symmons Roberts) ist nicht eigentlich eine Dramatisierung, sondern eher eine Impression oder ein musikalisches Gemälde der Erscheinung des Herrn bei den Eichen von Mamre, dem Besuch der drei Gottgesandten bei Sarah und Abraham (Genesis 18).

Kleines Geld, goldener Rahmen

Letztere, ein in die Jahre gekommenes Paar, leben in einer etwas heruntergekommenem Unterkunft, in Wahrheit einer Ruine: eine Küche und ein Zimmer sehen wir, ein Olivenbaum hat sich durch das Fenster geschlagen, die Wände verlieren den letzten Putz, die Einrichtung stammt vielleicht aus den sechziger Jahren, manches scheint noch älter. Die ganze, von Alex Eales als ärmliche Behausung eingerichtete Bühne ist aber wie ein dreiflügeliges Altarbild in Gold gerahmt, es scheint sich also Bedeutsames zu ereignen bei den Abrahams.

Zunächst aber zählt Abraham (Grant Doyle) sein kleines Geld, das er wohl mit der Ausschlachtung von Elektroschrott verdient, nebenan macht Sarah (Janis Kelly) das Essen fertig. Eine Szene, die Katie Mitchell – Mitchell hat wie schon bei zwei früheren Opern MacMillans die Regie übernommen, Arbeiten von ihr sind auch bereits in der Rheinprovinz am Schauspiel Köln zu sehen gewesen (Wunschkonzert) – eine Szene also, die Mitchell in aller Ruhe ausspielen lässt, ohne Musik, man hört nur etwas Vogelzwitschern, bis dann Abraham einen gebetsartigen Gesang anhebt, ganz für sich. Das ist ein sehr konzentrierter, intensiver Einstieg, sehr Kammerspiel, kaum Oper.

Sarah bringt das Essen und die beiden essen und fragen sich, „was mag das Maß unserer Jahre sein?“ und wissen die Antwort: „Unser schweigendes Einverständnis“. Eigentlich könnte es so bleiben und das wäre sicher besser für die beiden, aber dann gäbe es ja keinen Goldrahmen und auch keine Oper. Also treten die drei Gesandten Gottes auf, von Abraham mit grenzenloser Gastfreundschaft aufgenommen.

Staub und Asche

Die drei etwas undurchsichtigen Gesellen sind Botschafter eines Gottes, der so ist, wie Götter waren, bevor das Christentum der Moderne sie weichgespült hat: unberechenbar, launisch, ungeduldig, strafend, zum Fürchten. Der Job der drei, neben der Verkündigung eines Nachkommens der neunzigjährigen Sarah, ist eine Strafaktion gegen die sündhaften Städte Sodom und Gomorrha, die hier aber keinen Namen tragen, einfach als die Zwillingsstädte am See bezeichnet werden. Die Sünde, deren man sich schuldig gemacht hat – soviel Gegenwart muss sein – ist nicht sexuelle Libertinage, sondern die Habgier: „Sie geben den Armen ein paar Münzen / Verkaufen ihnen dann weder Fleisch noch Brot / Und sie warten auf ihren Hungertod / Und holen ihr Geld von den Leichen“. Nunja, irgendwann muss mal jemand eine Oper schreiben, bei der das Fingerzeigen in Sachen Turbo-Kapitalismus nicht selbstgerecht in nur eine Richtung geht.

MacMillans weitgehend tonaler Soundtrack verbindet dabei Elemente homophoner und polyphoner christlicher Kirchenmusik mit melodischen Fragmenten aus nahöstlichen Traditionen und vereint das Ganze mit Formen, die der Musik der klassischen Moderne entlehnt sind. Das macht eine sehr spannende und kurzweilige Mischung, der ich gerne länger gelauscht hätte, zumal das Streichorchester der Britten Sinfonia (Clark Rundell dirigiert) daraus fast schon zu schöne Momente zieht.

Besonders eine der besten Szenen der Genesis, wenn Abraham („Vergib mir, ich bin nur Staub und Asche“) seinem Herrn eine Lektion in Sachen Milde und Gnade erteilt und ihm das Zugeständnis abtrotzt, dass die Bewohner der Städte um fünf Gerechte verschont werden sollen, kürzt MacMillan doch ein wenig zu gründlich zusammen. So ist der Abend nach nur fünfzig Minuten ganz unnötig schnell schon wieder vorbei.

James MacMillan / Michael Symmons Roberts: Clemency. R: Katie Mitchell. ML: Clark Rundell. D: Janis Kelly, Grant Doyle u.a. London, Linbury Studio Theatre, UA: 6. Mai 2011. 50 min. o. P.

David Humes 300. Geburtstag in Edinburgh

Der Schottische Alleszermalmer

Der schottische Philosoph, Historiker und Diplomat David Hume könnte heuer in Edinburgh seinen 300. Geburtstag feiern, wenn er denn nicht tot wäre. Er gilt als der bedeutendste Denker der angelsächsischen Philosophie­geschichte.

Portrait Davis HumeDer „Alleszermalmer“ ist ein Ehrentitel, der in der deutschen Philosophiegeschichte reserviert ist für den Königsberger Großmeister des kriti­schen Denkens: Immanuel Kant. Mit ebensoviel Recht könnte man aber David Hume so nennen oder, wie jüngst die Zeitschrift Philosophy Now sehr hübsch titelt, “Demolition Dave”. Kant selber hat Hume als denjenigen benannt, der ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt habe.

Was Hume zermalmt hat – Robert Louis Stevenson (der von der Schatzinsel, wie Hume in Edinburgh geboren) ist sich da sicher: „David Hume zerstörte die Philosophie und den Glauben“. Das geht ein Bisschen zu weit und greift zugleich viel zu kurz. In Wahrheit hat Hume die Philosophie (jedenfalls die Erkenntnis­theorie) nur sehr radikal an ihre Grenze gebracht und den Glauben nur um seine schwärmerische sowie aber- und wundergläubige Dimension bereinigt, aber als pragmatische Voraussetzung des Denkens und Handelns gerade gerettet. Anders: Was nach seinem Zerstörungswerk übrig bleibt, ist die gelassene und heitere Klarheit einer bescheiden gewordenen Vernunft, deren Denken auf Erfahrung und pragmatischen Annahmen beruht.

Berufliches Versagen

Geboren wurde Hume also in Edinburgh, am 26. April 1711 nach dem alten Julianischen Kalender, dem 7. Mai unseres Kalenders. Ein Sohn aus gutem, wenngleich nicht reichem Haus, so schreibt er in seiner Autobiographie. Als Zweitgeborener jedenfalls kann er sich keine Hoffnung auf ein auskömmliches Erbe machen, schmeißt aber trotzdem nach zweieinhalb Jahren das Brotstudium der Juristerei. Auch der wohl nur widerwillig unternommene Versuch, eine kaufmännische Laufbahn (im englischen Bristol) einzuschlagen, scheitert nach kurzer Zeit. Hume kümmert sich fortan zunächst ausschließlich um seine Studien als Privatgelehrter und eben die Philosophie.

Von der Familie, die vom beruflichen Versagen Davids naturgemäß nicht uneingeschränkt begeistert ist, zieht er sich zurück und geht nach Frankreich aufs Land, an die Loire, wo er, keine dreißig Jahre alt, seine Abhandlung über die menschliche Natur (1739/40) schreibt. Deren erkenntnis- und religionskritische sowie ethische Kerngedanken führt er später in der heute berühmteren Untersuchung über den menschlichen Verstand (1748) und einer Reihe von Essays (ab 1741) weiter.

Historiker und Diplomat

Im Rückblick, ein wenig bitter, sagt Hume von seinem Erstling, der Abhandlung, sie sei als Totgeburt aus der Druckerpresse gefallen. Ein durchschlagender Erfolg auf dem Buchmarkt ist sie wirklich nicht. Ruhm, Ehre und ausreichend Geld bringt Hume dann auch später erst sein historisches Monumentalwerk über die Geschichte von Großbritannien (1754ff.) ein.

Zwischendurch steht er in diplomatischen Diensten, u.a. als Botschaftssekretär in Paris, wo er von den französischen Aufklärern begeistert empfangen wird und gesellschaftlich mit seinem aufgeräumt humorvollem Auftritt brilliert – le bon David wird er genannt.

Konflikte in der Heimatstadt

In seiner Heimatstadt ist das nicht immer der Fall. Das Edinburgh der Mitte des 18. Jahrhunderts gilt einerseits als ein Zentrum der europäischen Aufklärung, eine „Brutstätte des Genies“. Einerseits. Andererseits ist die Stadt als Zentrum der schottischen Reformation auch ein Hort des calvinistischen Fundamentalismus und Religionskritikern gegenüber nicht eben freundlich gesonnen.

Als Hume sich 1745 für den Lehrstuhl für Ethik und Pneumatische Philosophie an der Universität Edinburgh bewirbt, scheitert er dann auch am erbitterten Widerstand des akademischen Establishments und vor allem der schottischen Geistlichkeit. In einem Pamphlet wird er als Skeptiker, Atheist, Amoralist angegriffen.

Erhebliche Widerstände gibt es auch als Hume sieben Jahre später (1752) als Bibliothekar am Juristenkolleg Edinburghs angestellt wird, in der seinerzeit größten Bibliothek Schottlands. Das einzige öffentliche Amt, mit dem er je in seiner Heimatstadt versehen wird, bekleidet er immerhin fünf Jahre, allerdings alles andere als konfliktfrei: aus Sicht des Direktoriums bestellt er die falschen, weil unzüchtigen Bücher (darunter La Fontaines Contes et nouvelles en vers). Das Recht, in eigener Verantwortung Bücher für die juristische Bilbliothek zu beschaffen, wird ihm daraufhin entzogen. 1757 legt er sein Amt nieder. Eine kleine Ausstellung in der National Library of Scotland zeigt noch bis Ende Juni 2011 – neben weiteren Autographen und Erstausgaben – Protokolle und Briefe aus dieser Zeit (The virtuous infidel: David Hume 1711-1776).

Instant Karma

Eine Anekdote ist heute jedem Edinburgher Fremdenführer geläufig und illustriert ganz hübsch das Konfliktfeld, in dem Hume unterwegs war: eines Tages stürzt Hume auf dem Nachhauseweg von einem Steg, der über die Marsch führt, die damals noch Alt- und Neustadt von Edinburgh trennt. Aus eigener Kraft kann er sich nicht helfen, ein Sportskanone ist er nun wirklich nicht. Eine zufällig vorbeikommende Fischersfrau verweigert die erbetene Hilfe, er sei doch dieser Hume, der Atheist, dem könne sie nicht helfen, wenn er nicht augenblicklich das Credo und das Vaterunser spreche. Hume fügt sich, wird gerettet und amüsiert sich später darüber, dass die Fischersfrau der scharfsinnigste Theologe gewesen sei, den er je getroffen habe.

Nun, diese Instant-Bekehrung hat nicht vorgehalten. Als er 1776 stirbt, verweigert er geistlichen Beistand. Sein Grab wird von Freunden nächtens bewacht, man befürchtet die Schändung der Grabstätte durch die Christen. Die Bilanz, die Hume für sein Leben zog: „Ich habe keine Feinde – ausgenommen alle Whigs, alle Tories und alle Christen.“

Ein albernes Denkmal

Heute hat die schottische Hauptstadt Frieden mit ihrem bedeutendsten Sohn geschlossen (und er kann sich ja nicht mehr wehren). An den Eingängen zum James’s Court und Riddell’s Close – zwei der ortstypischen Hinterhöfe der Edinburgher Altstadt an der Royal Mile knapp unterhalb der Burg – erinnern Gedenktafeln die Touristen daran, dass hier Hume einmal gewohnt hat.

An der Royal Mile selbst steht seit 1996 eine Statue zu seinem Gedenken. Für 100.000 Pfund hat die, um die schottische Traditionspflege bemühte Saltire Society unter Schirmherrschaft des Duke of Edinburgh – des Prinzgemahls von Queen Elizabeth II. – das Denkmal erstellen lassen und der Stadt geschenkt.

Der Standort ist nicht schlecht gewählt: An der guten Stube Edinburghs, den Rücken kehrt Hume dem Gebäude des Obersten Strafgerichtshofs zu. Links liegen lässt sein Blick die Westfassade der St. Giles’ Cathedral, der High Kirk of Edinburgh, von wo aus John Knox mit seinen Fundamentalismen im 16. Jahrhundert die schottische Reformation geprägt hat.

David Hume Denkmal in Edinburgh. Foto: jvf.

Das Denkmal selbst ist etwas albern geraten. Die vom notorisch anti-modernistischen schottischen Bildhauer Alexander (Sandy) Stoddart entworfende Bronze zeigt David in klassizistischer Manier mit einer antikisierenden Philosophentoga angetan. Er hält eine unbeschriftete Tafel, die vielleicht für die Offenbarungsreligionen steht, was weiß ich. Seitlich strecken zwei Drachen ihr Haupt aus der Rückenrolle, an die David sich lehnt und rückwärtig ist ein Medusenhaupt zu sehen. So ganz klar will mir das ikonographische Konzept der Statue nicht werden.

Die große Zehe der Weisheit

Stoddart hat einige Kritik für das Denkmal eingefahren, unter anderem wegen der absurd idealisierenden Darstellung, vor allem aber wegen der vorwitzig über die Bronze hinweg gestreckten rechten Zehe. Diese große Zehe der Weisheit dient Studenten der University of Edinburgh als Glücksbringer: berührt man sie, so soll die Weisheit des Meister über einen kommen – und das ausgerechnet bei einem Denkmal für den großen Kritiker des Aberglaubens (ich habe es ausprobiert, Hume hatte Recht, es bringt nichts).

Dass seine Statue – wie viele meinen – keine erkennbare Ähnlichkeit zum Original aufweist, ist vielleicht auch dem Idealisierungsdrang des Bildhauers oder aber der Rücksichtnahme der Auftraggeber geschuldet, die ein realistisches Abbild für nicht tragbar gehalten haben mochten. Immerhin ein Freund(!), James Caulfield, beschreibt die äußere Erscheinung des Meisterdenkers so:

Ich glaube, die Natur hat niemals einen Menschen unähnlicher zu seinem wahren Charakter gestaltet als David Hume […]. Sein Gesicht war breit und fett, sein Mund weit, und ohne einen anderen Ausdruck als den des Schwachsinns, seine Augen leer und geistlos, und die Massigkeit seiner ganzen Erscheinung taugte sehr viel besser, den Eindruck eines Schildkröten essenden Ratsherrn zu vermitteln als den eines gebildeten Philosophen. […] Weisheit hat sich mit ziemlicher Sicherheit noch nie zuvor in solch grobes Gewand gekleidet.

Ich vermute, dass die Bildhauerei selten eine Statue unähnlicher zu dem Charakter des Dargestellten gestaltet hat. Ein Denkmal in Worten für diesen Charakter hat Humes Freund Adam Smith hinterlassen. Der Moralphilosoph und Nationalökonom schreibt über David:

Ich habe ihn stets, zu seinen Lebzeiten wie auch nach seinem Tode, für jemanden gehalten, der so nahe an die Idee eines vollkommenen Weisen und tugendhaften Menschen heran reicht, wie die Schwäche der menschlichen Natur es nur irgend erlauben mag.

Mausoleum auf Calton Hill

David Hume Mausoleum in Edinburgh. Foto: jvf.

Das eigentliche Hume-Monument steht aber auf dem alten Friedhof am südwestlichen Hang des Calton Hills. Da liegt man gut, hat unverstellten Blick nach Westen auf die Altstadt, nach Osten auf die Klippen der Salisbury Crags und im Rücken sind die Denkmäler auf Calton Hill zu sehen. In seinem Testament hat sich Hume diesen Platz ausbedungen und 100 Pfund ausgesetzt, um dort ein Grabmal erstellen zu lassen. Der seinerzeit berühmteste schottische Architekt, Robert Adams, hat den Entwurf übernommen und zwei Jahre nach Humes Tod fertig gestellt: ein klassizistisches Mausoleum, gut fünf Meter hoch, das Smith als zu eitel missfiel, heute aber gerade wegen seiner schlichten Größe beeindruckt.

Ausstellungen in Edinburgh

David Hume. Ausstellungsplakat Writer's Museum, Edinburgh. Rechte: Writer's Museum.Neben der sehr kleinen Ausstellung in der National Library ist noch bis Mitte September im sympathischen und sehr hübschen Writer’s Museum eine kleine, etwa vierzig Exponate umfassende Sammlung von Memorablia, Erstdrucken und Autographen Humes (darunter auch bislang unveröffentlichte Briefe) ausgestellt.

Für den Winter plant die Scottish National Portrait Gallery, die derzeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist, mit einer Sonderausstellung zu Hume und Ramsay: Citizens of the World neu zu eröffnen. Die Sammlung hat zwei hübsche Portraits, die Allan Ramsay in den fünfziger und sechziger Jahren von seinem Freund angefertigt hat und die im Zentrum der Ausstellung stehen werden.

Die sehr lesenswerte Hume-Biographie von Gerhard Streminger, die auch eine umfassende Einführung in das Denken Humes darstellt, ist bei C. H. Beck in überarbeiteter und erweiterter Fassung zum Jubiläumsjahr neu erschienen und sei wärmstens empfohlen.

  • David Hume 1711-1776. Man of Letters, Scientist of Man. Edinburgh, The Writer’s Museum, 26. April – 17. September 2011.
  • The virtuous infidel: David Hume 1711-1776. Edinburgh, National Library of Scotland, 5. Mai – 28. Juni 2011.
  • Citizens of the World. David Hume, Allan Ramsay. Edinburgh, Scottish National Portrait Gallery, ab November 2011.
  • Gerhard Streminger: David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. Eine Biographie. München: C. H. Beck, 2011.