Museum Voorlinden im holländischen Wassenaar eröffnet

Neues Museum für Kunst des 20. und 21. Jh.

Seit Anfang September 2016 zeigt das Museum Voorlinden bei Den Haag Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus der Sammlung Caldic und Sonderausstellung (bis Januar 2017: Ellsworth Kelly).

Museum Voorlinden, Wassenaar. Außenansicht. Foto: jvfMuseum Voorlinden, Wassenaar. Außenansicht. Foto: jvf.

Es ist eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der Niederlande, die der Gründer des Chemie- und Nahrungsmittel­konzerns Caldic, Joop van Caldenborgh, in den letzten Jahrzehnten zusammen getragen hat. Seiner „Caldic Collectie“ hat er jetzt im Süden der ländlichen Gemeinde Wassenaar, gleich hinter der Stadtgrenze von Den Haag, auf dem Landgut Voorlinden eine beeindruckende Spielstätte bauen lassen: Ein „museum in het groen“, ein Museum im Grünen.

In die 40ha große Parklandschaft des Landguts ist der Ausstellungsneubau des Museums Voorlinden nach Entwürfen Dirk Jan Postels vom Architekturbüro Kraaijvanger eingefügt. Naturstein, große Glasfronten, ein einstöckiger Pavillon, der trotz seiner rund 120m mal knapp 50m messenden Ausdehnung sehr elegant und schlank daher kommt.

Nach dem Vorbild der Fondation Beyeler

Museum Voorlinden, Wassenaar, Sitzreihe vor Panoramafenstern. Foto: jvfMuseum Voorlinden, Wassenaar, Sitzreihe vor Panoramafenstern. Foto: jvf.Die Architektur beruft sich auf Vorbilder wie Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie in Berlin und Renzo Pianos Ausstellungs­bau für die Fondation Beyerler in Riehen bei Basel. Vor allem letzteres Leitbild ist sehr prägend – bis in Details hinein wie etwa einem Gang mit Sitz­gelegenheiten vor Panorama­fenster. Man kann sich ein schlechteres role model wählen.

Neben rund 4.000 m² Ausstellungsfläche bietet der Neubau Platz für den Eingangs- und Garderobenbereich, den Museumsshop, eine Aula, eine Bibliothek, für die Museumspädagogik und eine Restaurierungs­werkstatt. Die Ausstellungsfläche ist in drei Sektionen geteilt, etwa gleich große Bereiche für die permanente Ausstellung von Großinstallation, eine Spielfläche für Sonderaustellungen und Raum für die wechselnde Präsentation von Sammlungsbeständen.

Sehr spannend ist die Lichtregie des Baus, weiße Stahlträger stemmen eine Überbau­konstruktion aus 115 Tausend schräg gestellte, kleinen Zylindern, die das Tageslicht der Nordseeküste sammeln, entschärfen und kanalisieren. Zusammen mit dem Glasdach und Stoffsegeln über den Ausstellungs­hallen macht das unter herbstlich grauem Küstenhimmel allerdings zeitweise ein sehr kühles, fast ins Graublaue hinüber­spielendes Licht.

König Willem-Alexander und Mister Rijks

Die Eröffnung übernahm König Willem-Alexander höchstselbst, der zu Kronprinzen­zeiten, bis 2013, auf dem Landgut Eickenhorst in Wassenaar residiert hat, weiß Wikipedia zu berichten. Prominent ist auch das Leitungspersonal, mit dem das neue Museum zunächst an den Start gegangen ist.

Wim Pijbes, lange Jahre Direktor der Kunsthalle Rotterdam und dann von 2008 bis 2016 Generaldirektor des Amsterdamer Rijksmuseums – das wohl prestige­trächtigste Amt im holländischen Museumswesen – hatte Mitte 2016 die Leitung des neuen Hauses übernommen, um nur drei Monate später wieder hinzuschmeißen.

„Manche Dinge laufen anders, als man vorher denkt“, er fühle sich nicht ausgelastet mit der Aufgabe, wird „Mister Rijks“ in der niederländischen Presse zitiert. Ich überlasse das lieber anderen zu spekulieren, was da wohl passiert ist. Jedenfalls soll nunmehr die langjährige Chefkuratorin der Caldic-Sammlung und bisherige Künstlerische Direktorin des Museum Voorlinden, Suzanne Swarts, die Gesamt­leitung übernehmen, so liest man.

Monumentale Installationen

Spektakulär ist die Sektion mit Großinstallationen, die als permanente Ausstellung ein Drittel der Schaufläche bespielt und sicher der wesentliche Publikumsmagnet für das neue Museum sein wird.

Richard Serra, Open Ended (2007-2008). Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van KaamRichard Serra, Open Ended (2007-2008). Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van Kaam.

Mächtig ist Richard Serras begehbare Skulptur Open Ended (2007/2008) in den größten Saal gestellt: Sechs monumentale, geschwungene Stahlplatten formen einen klaustro­phobisch machenden Parcours. Insgesamt 4 Meter breit, 18 Meter lang und 7½ Meter hoch ist diese Arbeit. Der Weg zwischen den Platten ist kaum einen Meter breit, von einer Galerie aus können vorsichtigere Besucher das Ding auch von oben anschauen.

Nebenan ist der Swimming Pool (1999/2016) des argentinischen Künstlers Leandro Ehrlich in den Boden und Keller gelassen. Von oben wirkt das Ding wie ein handels­üblicher Swimmingpool, nur dass seltsamerweise voll bekleidete Menschen unter der Wasseroberfläche Faxen machen. Das Wasser ist nur zehn Zentimeter tief und wird von einer Gasfläche getragen, in den blauen Beckenraum darunter kommt man über eine Treppe anbei. Einen Saal weiter sind zwei der überlebensgroßen, hyperrealistischen Menschenfiguren von Ron Mueck platziert: Das sehr pool­tauglich gealterte Paar unter einem Sonnenschirm, Couple Under an Umbrella (2013).

Roni Horn, Untitled (2012-2013). Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van KaamRoni Horn, Untitled (2012-2013). Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van Kaam.Die Erkundungen in Sachen Wasser, Licht, Wahrnehmung und Illusion führen Roni Horns Water Doubles (2012/2013) weiter: Pastellfarbene Zylinder aus gegossenem Glas, je rund 130cm hoch und mit einem Durchmesser von je 140cm, etwa fünf Tonnen schwer sollen diese so schwerelos halbtransparenten Bottiche sein. Dünne, transparente Glasflächen schließen die Zylinder nach oben hin ab und machen die Illusion, sie wären mit Wasser gefüllt.

Die saudi-arabische Konzept- und Installationskünstlerin Maha Malluh hat wandfüllende 95 angebrannte Kochtöpfe aus Aluminium als Mosaik gehängt, Food for Thought – Al-Mu’allaqat. Al-Mu’allaqat, das sind die sieben klassischen Langgedichte der arabischen, vor-islamischen Poesie.

Bei soviel Monumentalität könnte man glatt Maurizio Cattelans witzige Miniaturaufzüge, Untitled (2001), oder James Turrells meditationstaugliches Environment Skyspace (2016) übersehen.

Sonderausstellung: Ellsworth Kelly

Ellsworth Kelly, Bloemlezing. Ausstellungsansicht. Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van KaamEllsworth Kelly, Bloemlezing. Ausstellungsansicht. Museum Voorlinden, Wassenaar. Foto: Antoine van Kaam.

Als erste Sonderausstellung zeigt das Museum Voorlinden noch bis 8. Januar 2017 eine Retrospektive auf das Werk des Ende 2015 verstorbenen Ellsworth Kelly: Bloemlezing / Anthology. 24 großformatige Einzelwerke und Serien des amerikanischen Hard Edge Meisters versammelt die ausgezeichnet bestückte Schau, von Atlantic (1956) aus dem Whitney Museum New York bis zur White Form Over Black (2015) aus privater Sammlung. Dazu kommen 40 kleinformatige Arbeiten der Serie Line Form Color (1951) aus dem MoMA sowie 14 Zeichnungen.

Zu den Leihgebern gehören fast alle bedeutenden Kunstmuseen der Welt, so dass man diese Blütenlese nicht nur als beeindruckende Kelly-Schau nehmen kann, sondern auch als Ausweis der guten Ausleihkontakte des neuen Museums.

Wechselnde Sammlungsausstellungen

Sich gegen den starken Auftritt der Großinstallationen und Kellys Farbflächen zu behaupten, ist keine leichte Sache, und es gelingt der ersten Sammlungs­präsentation auch nur teilweise. Gut 40 Werke wurden aus den Beständen der Caldic Collectie ausgewählt, viele große Namen darunter: Ai Weiwei, Francis Alÿs, Rineke Dijkstra, Olafur Eliasson, Hans-Peter Feldmann, Damien Hirst, Sherrie Levine, François Morellet, Ugo Rondinone, Andy Warhol, Remy Zaugg.

Jan Sluijters, Maannacht IV (1912). Museum Voorlinden, WassenaarJan Sluijters, Maannacht IV (1912). Museum Voorlinden, Wassenaar.

Full Moon ist diese Auswahl betitelt, eine etwas sentimentale Reminiszenz an den Beginn Sammlerkarriere van Caldenborghs: Vor 60 Jahren soll eine Grafik von Jan Sluijters sein erster Kunstkauf gewesen sein, Sluijters Maannacht IV (1912) steht jetzt am Anfang des Parcours.

Zu den herausragenden Stücken gehören Yves Kleins PR 2, Martial Rayesse (1962), Hans-Peter Feldmanns sehr witziger Eiereimer auf Stuhl mit Pappsockel (2003) und die Gegenüberhängung von René Magrittes La malédiction (1931) und Marcel BroodthaersLa malédiction de Magritte (1966).

Anfahrt

Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist nicht wirklich gut, alle 15 bis 20 Minuten fährt zwar ein Bus ab Den Haag Centraal, aber von der Haltestelle (Wittenburgerweg) bis zum Museum sind’s dann noch knapp 20 Minuten zu Fuß – und auf eine Ausschilderung des Wegs wird souverän verzichtet, man macht sich besser vorher schlau oder hat eine Kartenapp dabei.

Für die PKW-Anfahrt ist das Areal mit zwei großen Parkplatzflächen verschandelt, aber das ist ja dauerhaft keine Lösung. Vielleicht kommt ja noch jemand auf die Idee, einen Shuttle-Service vom Haager Zentralbahnhof einzurichten.

Museum Voorlinden, Wassenaar. Dünen auf dem Anwesen. Foto: Museum VoorlindenMuseum Voorlinden, Wassenaar. Dünen auf dem Anwesen. Foto: Museum Voorlinden.

Man kann gut einen ganzen Ausstellungstag (tgl. 11-17 Uhr, 15€) verbringen mit den drei Ausstellungen, der Gastronomie im hübschen Landhaus Voorlinden (eine Großvilla im englischen Stil, 1912 von R.J. Johnston gebaut) und einem Spaziergang durch die Parklandschaft bis hinüber zu den Dünen von Wassenaar. Mehr Informationen beim Museum Voorlinden in niederländischer und englischer Sprache.

Museum Voorlinden, Wassenaar / Ellsworth Kelly: Bloemlezing. K: Rudi Fuchs. 11. September 2016 – 8. Januar 2017.

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