Die Manifesta 11 in Zürich

Kunst, Scheiße und Beruf

Noch bis 18. September 2016 zeigt die Manifesta 11 in Zürich zeitgenössische Kunst und bringt dabei unter dem Label „What People Do for Money“ Künstler und Züricher Berufswelt in kollaborativen Projekten zusammen.

Pavillon of Reflections – Manifesta 11. Foto: jvf / Rechte: Manifesta11„Pavillon of Reflections“ – Manifesta 11. Foto: jvf / Rechte: Manifesta11

Die spektakulärste Arbeit dieser Manifesta ist sicher Mike Bouchets The Zurich Load. Der 1970 in den USA geborene, heute in Frankfurt lebende Künstler hat den Klärschlamm einer Züricher Tagesproduktion Scheiße (80 Tonnen) trocknen, pressen und chemisch behandeln lassen: „Alle machen Kunst und Sie sind auch dabei“ wurden die Züricher Bürger im März über ihre Mitwirkung aufgeklärt.

Die halbmeterhohen Quader, auf Paletten nebeneinander platziert, füllen 160 Quadratmeter einer Ausstellungshalle – und stinken. Die Ausstellungsleitung hat vorsorglich am Eingang den Hinweis angeschlagen: „Die leichten Geruchs­emissionen sind Teil des künstlerischen Konzepts und ungefährlich“. Ich habe kaum jemanden gesehen, der länger als eine Minute in dieser Halle bleibt und wer es über längere Zeit probiert sei versichert, dass der Geruch einem noch Stunden später in der Nase und auf der Zunge nachgeht.

Mike Bouchet, The Zurich Load: Installationsansicht Manifesta 11. Foto (c) Camilo BrauMike Bouchet, The Zurich Load: Installationsansicht Manifesta 11. Foto (c) Camilo Brau.

joint ventures

Die Installation ist in Zusammenarbeit enstanden zwischen Mike Bouchet und dem Verfahrensingenieur Philipp Sigg vom Klärwerk Werdhölzli. Auch die anderen 29 Projekte der Biennale sind als „joint ventures“ eines Künstlers und einer Züricher Berufstätigen erarbeitet worden.

Auf der Liste der eingeladenen Künstlern finden sich etablierte Namen wie Franz Erhard Walther, Maurizio Cattelan, Teresa Margolles, Santiago Sierra, Ceal Floyer und Mario García Torres sowie der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq.

Zu den Kollaborationspartnern gehören ein Pfarrer, ein Sterne-Koch, eine Hunde­stylistin, eine Bankerin, ein Uhrmacher, eine Sexarbeiterin, Pressesprecher von Polizei und Feuerwehr, eine Flugbegleiterin, ein Opernsänger u.v.m. Der Kurator der Manifesta 11, Christian Jankowski, sagt über dieses Konzept:

Kunst empfinde ich dann als besonders geglückt, wenn sie über die Kunstwelt hinaus ein Eigenleben entwickelt. Für die Manifesta 11 entstehen Werke in kunstfernen Milieus, dort werden sie zum Teil auch ausgestellt. Für mich ist die grösste Hoffnung, dass sich durch diese Mitwirkenden aus anderen Berufen auch etwas Tolles für die Kunst selbst ergibt. Und zwar dadurch, dass diese Menschen ihre Meinungen, ihre Stimmen, ihre Erwartungen in die Kunst einschreiben. Dadurch, dass die Gastgeber den Künstlern beiseite stehen, beeinflussen sie natürlich auch die Sicht der Künstler auf Zürich und auf Themen, die zum Gegenstand der Kunstwerke werden.

Wie weit sich diese Gastgeber wirklich in die Kunst einschreiben konnten, wird sehr unterschiedlich gewesen sein. Zum Teil scheint das ein eher instrumentelles Verhältnis gewesen sein, so wie etwa beim spanischen Multimedia­künstler Carles Congost, für dessen Kurzfilm Simply The Best die Züricher Berufsfeuerwehr kaum mehr als Kulisse und Statiserie gestellt haben dürfte. Der Film ist trotzdem sehr sehenswert – er verbindet eine Hommage an Tina Turner mit Agitation für sichere Altersvorsorge, von einem Gospelchor vorgetragen: „FI/RE Financially Independent / Retire Early“ – ziemlich lustig.

Carles Congost, Simply the Best, Löwenbräukunst. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang TraegerCarles Congost, Simply the Best, Löwenbräukunst. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang Traeger.

Ganz anders der Berliner Videokünstler Marco Schmitt. Der hat mit einer Beamtin und vier Beamten von Kantons- und Stadtpolizei Zürich einen method acting workshop durchgezogen und mit ihnen als Hauptdarsteller einen sehr schrägen, halbstündigen Film gedreht: Xterminating Badges.

Die Beamten nehmen Teil an einem skurrilen Dinner im Polizeimuseum, der Abend wird zu einer Reise ins Unbewusste. Gezeigt wird das Ding, das auf Buñuels El ángel exterminador anspielt und das man keinesfalls verpassen sollte, im Gebäude der Kantonspolizei.

Marco Schmitt, Xterminating Badges. Filmstill, Rechte: Manifesta11/Marco SchmittMarco Schmitt, Xterminating Badges. Filmstill, Rechte: Manifesta11/Marco Schmitt.

Drei Schichten der Präsentation

Jedes Projekt dieser Manifesta wird in drei Schichten präsentiert. Da ist zunächst eine eher klassische, museale Präsentation in zwei Ausstellungshäusern, dem Löwen­bräu­kunst, etwas abseits im Gewerbeschulviertel, und dem Helmhaus in der Altstadt.

Diese museale Präsentation verweist dann auf die jeweiligen „Satelliten“, Instal­lationen, Aktionen, Projektionen an den Arbeitsorten der Kollaborations­partner, verteilt über die ganze Stadt.

Die letzte Schicht spielt auf einer, eigens für die Manifesta am Bellevue in den Zürisee gesetzten, schwimmenden Plattform, dem „Pavillon of Reflections“ (Ober­studienräte weisen gerne darauf hin, dass „Pavilion of Reflections“ sprachlich eleganter gewesen wäre). Im dortigen Open-Air-Kino laufen je rund zwanzig­minütige Making Offs zu jedem Projekt, gedreht von Studenten der Züricher Kunsthochschule und moderiert von ortsansässigen Schülern.

Der Pavillon, eine sehr hübsche Holzkonstruktion, entworfen von Studierenden der ETH Zürich, ist zugleich gedacht als leisure zone mit Bar und Seebad, was sicher im weiteren Verlauf des Sommers noch funktionieren wird, im völlig verregneten Züricher Juni aber will sich keinerlei leisure satisfaction einstellen.

Zum Beispiel Ceal Floyer und Jennifer Tee

In der Praxis funktioniert die mehrschichtige Präsentation zum Beispiel so: Die britische Konzeptkünstlerin Ceal Floyer (lebt und arbeitet in Berlin) hat mit dem Übersetzer Lorenz Oehler zusammen ein Konzept für eine eher unromatische Romance erarbeitet, eine Performance bei der Floyer die Paragraphen eines englischen Ehevertrages im Lichthof der Universität Zürich liest, eine Dolmetscherin und ein Dolmetscher in ihren Kabinen sprechen simultan die Übersetzung ins Italienische und Französische ein.

Ceal Floyer, Romance: Haupttreppe in der Universität Zürich. Foto: jvfCeal Floyer, Romance: Haupttreppe in der Universität Zürich. Foto: jvf.

In der Ausstellung im Helmhaus sind nun die beiden Simultankabinen schweigend und kühl gegeneinander gesetzt, der englische Text des Vertrages hängt an der Wand mit handschriftlichen Notaten zur Übersetzung. Auf der imposanten Haupt­treppe im Lichthof der Universität ist die resultierende Audio­installation zu hören, die beiden Stimmen setzen die Bedingungen der sachlichen Romanze in ihrer Sprache gegeneinander. Im Pavillon gibts zuletzt das Making-Off inklusive Aufnahmen von der Performance.

Mitunter geben erst die Orte der „Satelliten“ den Projekten eine gewisse ästhetische Dringlichkeit. Die mehrteilige Installation der niederländischen Künstlerin Jennifer Tee etwa arrangiert ethnographische Objekte und eigene Arbeiten in Sachen Symbolik und magischer Einfriedung des Todes: Ether Plane / Material Plane. In der musealen Präsentation im Löwenbräukunst ist das, sagen wir mal, interessant. In den vier kleinen Aufbahrungskammern des Friedhofs Enzenbühl aber macht der zweite Teil ihrer Installation eine sehr ergreifende Wirkung.

Jennifer Tee, Ether Plane / Material Plane: Ausstellungsansicht Manifesta 11. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang TraegerJennifer Tee, Ether Plane / Material Plane: Ausstellungsansicht Manifesta 11. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang Traeger.

Die „historische“ Ausstellung

Die Ausstellung im Löwenbräukunst und im Helmhaus zeigen die Neuproduktionen eingebettet in eine „historical exhibition“, die dem Verhältnis von Kunst und Arbeit in verschiedenen Perspektiven nachgeht – „Porträts von Berufen“, „Arbeitswelten“, „Arbeitspausen“ usw. – und Arbeiten von rund 100 Künstlern versammelt.

Das „historical“ muss man mit einer Prise Salz nehmen. Das ist keine kunst­historische, motiv­geschichtliche Veranstaltung, sondern eine Schau, die vornehmlich mit Arbeiten aus den letzten 20 Jahren bestückt ist und es unternimmt, das Thema locker-kursorisch zu umspielen und den Neuproduktionen einen gewissen Resonanzraum zu verschaffen. Immerhin sind Klassiker wie Portraits von August Sander, Duane Hansons Lunchbreak und ein Fabrikbild von Andreas Gursky mit dabei.

Was sonst noch auffällig ist

Der spanische Künstler Santiago Sierra hat in Zusammen­arbeit mit einer Sicherheits­firma das Helmhaus zur Festung gemacht, mit Stacheldraht und Sandsäcken und Fenster­verschlägen: Protected Building. Gegenüber den Entwürfen ist allerdings die Realisierung sehr zurück genommen. Ich weiß nicht, ob Verkehrs­wege­rücksichten, Versicherungs­fragen oder Denkmalschutz­vorschriften hier gebremst haben.

Maurizio Cattelan hat eines der hübschesten Konzepte der Manifesta (Ohne Titel): Die Schweizer Sportikone, Rollstuhl-Athletin Edith Wolf-Hunkeler, zweifache Gewinnerin des Boston Marathons, wird für Cattelan über den Zürisee wandeln. Ein spezieller Rollstuhl mit Schwimmvorrichtung wurde dafür konstruiert. Die Perfomance ist allerdings nicht leicht zu sehen, weil es keine angekündigten Termine gibt.

Maurizio Cattelan, Performance Edith Wolf-Hunkeler. Foto (c) Manifesta11/Eduard MeltzerMaurizio Cattelan, Performance Edith Wolf-Hunkeler. Foto (c) Manifesta11/Eduard Meltzer.

Und Houellebecq?

Und der Starautor aus Frankreich? Michel Houellebecq hat seinen – in der Öffentlichkeit gerne diskutierten – Gesundheitszustand vom Chefarzt des Zentrums für Medizinische Abklärungen am Züricher „Hirslanden International Medical Center“ untersuchen lassen.

Im Helmhaus hängen 10 verfremdete Bilder auf Basis von Ultraschall-Scans und eines MRI, im Klinikum selbst kann man Untersuchungs­ergebnisse einsehen und mitnehmen: Is Michel Houellebecq OK?

Sein Blutbild ist soweit in Ordnung, wenn ich das recht einordne, etwas erhöhte Cholesterin-Werte, das EKG, außer einer Sinusbradykardie: o.B. Mit Blick auf die Blutgefäße diagnostiziert Dr. Perschak vom Klinikum allerdings, „dass Michel zu viel raucht“.

Michel Houellebecq, Is Michel Houellebecq OK? Ausstellungsansicht Manifesta 11. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang TraegerMichel Houellebecq, Is Michel Houellebecq OK? Ausstellungsansicht Manifesta 11. Foto (c) Manifesta11/Wolfgang Traeger.

Die Manifesta

Die Manifesta – die Europäische Biennale der zeit­genössischen Kunst – ist seit 1996 alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt zu Gast, zuletzt in St. Peters­burg, davor im belgischen Genk. Für 2018 ist Palermo vorgesehen. Veranstalter ist eine Stiftung, die „International Foundation Manifesta“ in Amsterdam.

Die 11. Auflage der Manifesta findet in der Kunstkritik ein etwas geteiltes Echo. Mit Zürich als Standort verfehle die Manifesta ihr ursprüngliches Konzept, von der europäischen Peripherie aus, in Zeiten des Umbruchs, noch nicht etablierte Kunst zu zeigen. Zudem werde mit dem speziellen Kollaborationskonzept der Züricher Manifesta zu sehr auf arrivierte, bürgerliche Berufsbilder gesetzt, und – mit Ausnahme eines Projekts von Teresa Margolles mit Transgender Sexarbeiterinnen – prekäre Arbeitsverhältnisse ingoriert.

Dies korrespondiere mit einem problematischem Verhalten der Manifesta als Arbeitgeber, der im Wesentlichen auf schlecht bezahlte Praktikantinnen und unbezahlte, freiwillige Helfer setze.

Nun ja.

Der Katalog und die Praxis

Der Katalog ist im Lars Müller Verlag erschienen, umfasst 320 Seiten, kostet 49 Fr. und ist etwas unbefriedigend. Das Problem mit Katalogen zu Ausstellungen mit Neu­produktionen ist ja immer: Entweder man stellt den Katalog erst im Laufe der Ausstellung fertig, dann liegt er halt zur Eröffnung nicht vor, das ist misslich. Oder man erstellt ihn im Vorfeld, so dass er zur Eröffnung zwar vorliegt, aber nicht wirklich was taugt, weil keine Fotos von fertigen Installationen enthalten sein können und zum Teil Informationen zu den Werken überholt sind. Die Manifesta geht wie die Biennale Venedig oder die Documenta den zweiten Weg.

Vielleicht kommt ja irgendwann irgendjemand auf die Idee, dass das Abonnement eines online bereit gestellten, vorläufigen Katalogs zugleich als Subskription für eine später zu versendende, abschließende Druckfassung dienen könnte (das darf dann im Bündel auch gerne 10 Franken teurer sein).

Gleichviel. Ein Rätsel bleibt mir, warum auch der „historische“ Teil dieser Manifesta im Katalog nicht anständig dokumentiert ist.

Für besuchspraktische Zwecke reicht indes völlig der um schlanke 10 Fr. zu erstehende, kleine „Manifesta Guide“ und die „Manifesta Map“. Auch hier sind nicht alle Informationen immer verlässlich. Vorsicht vor Detailkarte auf Seite 49 des Guides, hier ist der Ort und Zeit der Performance von Marguerite Humeau in der ETH Zürich falsch angegeben, die Map ist da aktueller (überhaupt muss man mit Überraschungen rechnen: Kurz nach der Eröffnung ist die Performance erstmal abgesetzt – aus „bewilligungs­technischen und organisatorischen Gründen“, heißt es).

Durch die verteilte Aufstellung dieser Manifesta und die Wege, die zu den Satelliten in Zürich zurückzulegen sind, braucht es etwas Zeit. Das 50 Fr. teure Dreitages-Ticket trifft hier das rechte Maß, steht in vernünftiger preislicher Relation zum 30 Fr. Tagesticket und, sehr hilfreich, beide Varianten gelten zugleich als Ticket für den ZVV in der Züricher Innenstadt.

Manifesta 11. Die Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst. What People do for Money. K: Christian Jankowski. Zürich, 11. Juni – 18. September 2016.

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