Johann Kaspar Riesbeck, Briefe eines reisenden Franzosen, 1783

Die abscheulichste Stadt von Deutschland

Riesbecks seinerzeit viel gelesene Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris erscheinen 1783 anonym in zwei Bänden. In seinem eleganten, anektdotenreichen Stil und mit satirisch geschärften Blick beschreibt er darin Köln als „abscheulichste Stadt von Deutschland“ und ist für die folgenden Jahrzehnte durchaus tonangebend für die Verurteilung von bigotter Rückständigkeit, Fremdenhass, Verschmutzung, Bettler­wesen und religiöser Intoleranz in der klein gewordenen Rheinmetropole.

Riesbeck (1754-1786) arbeitet, nach Studium der Theologie und Juristerei in Mainz, als aufklärerischer Schriftsteller, Journalist und Übersetzer, zunächst in Mainz, später in Salzburg und Zürich. Er ist eine Zeit lang Herausgeber der Züricher Zeitung und übersetzt unter anderem Swifts Gullivers Reisen.
Der folgende Ausschnitt ist dem Ende des siebenundsechzigsten, dem neunundsechszigsten sowie dem Anfang des achtundsechzigsten der Briefe entnommen.

[Ende siebenundsechzigster Brief]

<350>Von aussen bietet die ungeheure Stadt Köln mit einem Wald von Mastbäumen und den unzähligen Kirchthürmen einen prächtigen Anblick dar. Allein alle Pracht verschwindet, sobald man einen Fuß unter das Thor gesetzt hat. Die Strassen und die Einwohner sind gleich schmutzig und finster. Schon in der ersten dunkeln Strasse hatte ich einen Auftritt, der mir keinen hohen Begriff von der Polizey dieser Reichsstadt machte. Man gab mir, als ich aus dem Schiffe gestiegen, einen Invaliden mit, der im Gasthaus mein Koffer visitiren sollte. Sobald wir allein waren, stellte mir der gute Mann sehr beweglich vor, wie alt er sey; daß es eine Beschwerde für ihn wäre, mit mir ins Wirthshaus zu gehn, und das er gerne ohne Besichtigung meines Koffers wie-<351>der zurückkehrte, wenn ich ihm einige Stüber geben würde. Ich brachte ihn also mit einigen Kreutzern vom Hals. Kaum war ich seiner los, als mich ein ganzer Schwarm von Bettlern anfiel, und mich mit grossem Geschrey bis ins Gasthaus begleitete. Einen andern erbaulichen Auftritt hatte ich im Wirthshaus selbst. Es stand ein schmutziger Pfaff bey der Wirthin, mit dem sie um eine Messe förmlich akkordirte. Er foderte 14 Stüber, und sie wollte ihm nur 12 Stüber geben. Als sie endlich den Kauf geschlossen hatten, und der Pfaff seines Weges gegangen war, kam ein andrer herzu, der in einiger Entfernung dem Handel zugesehen hatte, und versicherte die Wirthin, daß er ihr eine Messe um 10 Stüber lesen würde, wenn sie es verlangte. - Mit nächster Post mehr von dieser Stadt, die durchaus eine sehr seltsame Miene hat.

[Achtundsechzigster Brief] Köln -

Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht Ein sehenswürdiges Gebäude. Die meisten Häuser drohen den Einsturz. Ein grosser Theil derselben steht ganz leer, und von der Bevölkerung kann ich dir überhaupt keinen bessern Begriff geben, als wenn ich dich auf meine Ehre versichere, daß mein Hauswirth, ein Stadtofficier, bey dem ich mich auf ohngefähr 2 Monate einquartiert habe, für sein schönes und geräumiges Haus, nebst Hof, Stallung und einem grossen Garten jährlich 50 rheinische Gulden Miethe bezahlt. Und das Haus liegt in einer guten <352> Strasse. - Im Umfang der Stadtmauern, die das ganze Gebiethe derselben einschliessen, zählt man einige hundert Bauerngärten, worin alles Gemüs für die Stadt gezogen, und auch so viel Vieh unterhalten wird, als zur Versorgung derselben mit Milch, Käs und Butter hinlänglich ist. In vielen Strassen liegt daher zu beyden Seiten der Mist vor den Häusern. Manche sind so öde, daß man Stundenlang darinn spatzieren kann, ohne ein lebendes Geschöpfe zu erbliken. Schade ists um den schönen Platz, der mitten in der schwarzen Stadt liegt, und in Betracht seiner Grösse und prächtigen Lindenalleen einer der schönsten Plätze wäre, die ich noch in einer Stadt gesehen wenn er nicht von den schlechten Gebäuden umher verfinstert würde.

[Bettler]

Einen Drittheil der Einwohner machen privilegirte Bettler aus. Diese bilden hier eine förmliche Zunft. Es ist keine Satyre, sondern voller Ernst, lieber Bruder. Vor jeder Kirche sitzen sie reihenweise auf Stülen, und folgen einander nach der Ancienetät. Stirbt der voderste ab; so rükt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern, welche zu dieser Zunft gehören, geben einen bestimmten Platz vor einer Kirchthüre ihren Söhnen oder Töchtern zur Aussteuer mit, wenn sie heyrathen. Es versteht sich also, daß die meisten Zünfter vor mehrern Kirchthüren solche Plätze besizen, die sie wechselweise besuchen, je nachdem ein Fest in einer Kirche glänzender ist als in der andern, und die sie dann unter ihre Erben vertheilen. An den wenigen Tägen des Jahres, wo hier in keiner Kirche ein besonders Fest ist, ziehn sie dann familienweise durch die Strassen der Stadt, und fallen die Vorübergehenden mit unbeschreiblicher Wuth und Hartnäkigkeit an.

[Pfaffen]

<353>Einen andern Drittheil der Einwohner machen die Pfaffen aus. Man zählt hier bloß 39 Nonnenklöster. Der Mannsklöster und Prälaturen sind über zwanzig, und der Stifter über 12. Nebst diesen wimmelt es hier von dem geistlichen Ungeziefer, das man bey uns Abbes nennt, welches hier aber von einer ganz andern Art ist. Es besteht hier nicht aus den bunten, geschmeidigen, niedlichen und schlüpfrigen Geschöpfen, womit unsere Damen spielen; sondern aus groben, ungehobelten Klötzen, über und über mit Tobak und dem Ausfluß der Nase beschmiert, die im diken Tobaksdampf in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfenninge auf dem Brett oder mit Karten spielen, Schuhputzer, Lehnlaquayen und Lastträger machen, und sich mit Fäusten um eine Messe schlagen. - Nirgends sah ich den schwarzen Stand in einer so verächtlichen Lage, als hier. Es giebt hier eine Menge Geistlichen, die selbst nicht wissen, was sie sind. Ich kenne einen Korherrn, der jährlich von seiner Pfründe 2000 Gulden zieht, und, wie er mich selbst versicherte, in diesem ganzen Jahr weder eine Messe gelesen, noch seine eigne Kirche gesehen hat. Einen andern Korherrn traf ich auf einem Kafeehaus bey einem Mädchen an, auf welches ein Kaufmannsbedienter, der auch zugegen war, ein Aug hatte. Diese Zwey spielten eine Parthie Billard zusammen, und mitten im Spiel fiengen sie an, mit den Queuen auf einander zu schlagen. Der Kaufmannsbediente war seinem Gegner so sehr überlegen, daß er den geistlichen Herrn unter das Billard werfen konnte. Als wir Friede gestiftet hatten, gieng der Komptoirschreiber seiner Wegs, und nun folgte ein andrer seltsamer Auftritt. Das Korherrchen hatte einen jungen, hübschen Menschen bey sich, der ihm zur Unterhaltung <354> diente, und dem er seit Jahr und Tag den Tisch gegeben hatte. Er nahm es diesem Menschen so übel auf, daß er seine Parthie nicht genommen, und auf seinen überlegnen Feind zugeschlagen hatte, daß er ihm in unsrer Gegenwart augenbliklich alle Freundschaft aufkündigte, und ihm auf die unanständigste Art die Wohlthaten vorwarf, die er Zeither von ihm genossen. Dieser junge Mensch, der in der Lage seiner Finanzen den Schlag hart empfand, erklärte mir beym Weggehn, daß die beyden Schläger schon seit langer Zeit einen Groll der Eifersucht wegen der Tochter des Hauses gegen einander hatten, der während des Spieles wie eine stille Wuth auf einmal ausgebrochen. - Die Rollen unsrer Abbes spielen hier die sogenannten reglirten Korherren, die Antoniter und die Priester vom Maltheserorden. In allen vornehmern Häusern sieht man sie um die Damen. - Von den hiesigen Nonnen sind jezt wirklich 4 schwanger, und gegen 6 sind auf ewig eingemauert, weil sie die Kunst nicht verstanden haben, nicht schwanger zu werden. - Gleich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts führte mich der Sohn eines guten Hauses, an welches ich addreßirt war, in ein Nonnenkloster, worin er eine Schwester hatte. Sie war nebst einer guten Freundin in dem sogenannten Krankenzimmer, worin sie Besuche annehmen därfen. In der ersten Minute unsers Besuchs konnte ich leicht bemerken, daß mein Freund eben nicht gekommen war, um seine Schwester zu sehn, und daß ihre Freundin auch nicht wegen einer dringenden Krankheit zur Ader gelassen hatte. Ich fand seine Schwester reitzend genug, um mich nicht zu ennuyiren, während daß er sich mit ihrer Freundin unterhielt. Die folgende Woche wiederholten wir den Besuch, weil seine Schwester purgiert, und diese <355> wieder ihre gute Freundin mit sich ins Krankenzimmer genommen hatte. Diese Woche mußte die gute Freundin wegen einem Fluß im Kopf schwitzen, und wir ermangelten nicht, im Krankenzimmer unsre Aufwartung zu machen. Die nächste Woche ist die Reihe, krank zu seyn wieder an der Schwester meines artigen Freundes, und ich sehe wohl, daß wir solange ich hier bin, alle Woche eine Patientin zu besuchen haben, und die 2 Nonnen den ganzen Kurs durch die Krankheiten machen werden, die in irgendeinem medizinischen Kompendium verzeichnet sind.

Der Mangel an Aufsicht ist die Ursache der uneingeschränkten Freyheit, welche die Geistlichen hier geniessen. Sie leben in der größten Anarchie. Eigentlich sollten sie unter dem Hirtenstab des Erzbischofs von Köln stehn, allein der Magistrat der Stadt ist eifersüchtig auf die Gewalt des Erzbischofs und will in Disciplinsachen keine Verordnungen desselben gelten lassen. Es ist zwischen beyden Mächten schon zu sehr lebhaften Auftritten gekommen.

[Patrizier]

Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurük, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmak und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig.

[Zünfte]

<356>Die Regierungsverfassung setzt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurük. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Beker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Beker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner geniessen kann. Eifersüchtig auf das Glük dieses Mannes stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathhaus nicht nur alle Beker, sondern auch ein grosser Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunter kämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Bekerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschafte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: „Daß der Beker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunft-<357>mäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.“

[Klein-London]

In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die <358> Bürger von Köln Triumph über Triumph. „Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.“ - Ganz im Ton des Janhagels von London.

[Der Bürgermeister]

Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste, u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. - Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: „Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten.“ Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister <359> seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: „Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?“ Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antwortete, als: „Sie sind nicht recht bey Verstand.“

Der Mangel an Polizey, welcher hier ansschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Avanturiers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof- und Adel-Ton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes <360> in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern, machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stof unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt, als in irgend einem andern Lande.

[politische Schwärmerey]

Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europäern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat.

[Religionsschwärmerey]

Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, worin dieselbe nebst 11000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11000 <361> Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. - Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1200 oder 12000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. - Einer der 3 Heumannsbrüder, von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. - Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von <362> denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. - Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Haus. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. - Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten.

Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Köl-<363>ner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen.

Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unvereheligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. - Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe, und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand <364> des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, der nicht platten Unsinn predigte.

[Sittenverderbnis]

Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn- und Feyertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scyten und Deutschen darstellt.

[Anfang neunundsechzigster Brief] Köln. -

Ehemals zählte Köln gegen 30000 wehrhafte Männer, und im zwölften Jahrhundert konnte sie gegen das gesammte deutsche Reich eine Belagerung aushalten. Ihre Handlung war so blühend, daß sie das Haupt der Handelsstädte von der zweyten oder dritten Ordnung ward.

Ihre Lage an einem der schiffbarsten Flüsse Europens, dessen Ufer so stark bewohnt ist, als irgend <365> ein Land in der Welt, der Stappel, die republikanische Verfassung, die vortreflichen Landstrassen, die sie mit ganz Deutschland verbinden, und verschiedene andre Umstände begünstigten sie so sehr, daß es unter allen den Wundern, welche die Stadt enthält, gewiß nicht das kleinste Wunder ist, wie sie zum Schatten ihres ehemaligen Wesens, der sie wirklich ist, zusammenschwinden konnte. Sie zählt itzt kaum 25000 Seelen.

[Manufakturen]

Von Manufakturen kennt man hier nichts, als eine Tobaksfabrike, und die Spitzen, welche die Weiber und Töchter der geringern Bürger klöppeln. Aller Industriegeist ist durch das Mönchswesen und die von ihm unzertrennliche Liederlichkeit unterdrückt. Der sogenannten hiesigen Kaufleute, welche zur Bürgerschaft gehören, sind meistens nur Krämer und Kommißionärs für die Kaufleute von Frankfurt, Nürnberg, Augspurg, Straßburg, der Schweitz und andrer Länder. Nebst einigen wenigen Wechslern sind kaum 10 bis 12 Bürgerhäuser hier, die einen beträchtlichen soliden Handel treiben. Dieser beruht auf Spezereyen, womit sie Deutschland ein unbeschreibliches Geld abzapfen, auf Weinen, rohem und verarbeitetem Eisen aus den Nassauischen Bergwerken, die nebst den Steierischen und Kärnthnerischen dieses Metall in der ersten Güte liefern, auf Holz aus den obern Rhein-, Mayn- und Nekerländern, und auf einigen andern unerheblichern Artikeln. Unter diesen wenigen Bürgerhäusern vom Gewicht sind einige Italiäner und Franzosen, die den Eingebohrnen an Verstand, Fleiß und Sparsamkeit unendlich überlegen sind, und mit diesem Kapital leicht hier ihr Glück machen konnten. Den wichtigsten soliden Handel treiben hier einige Dutzend Protestanten, die <366> weder das Bürgerrecht erhalten können, noch öffentlichen Gottesdienst haben. Sie gehen nach Müllheim, einem schönen und nahrhaften pfälzischen Städtchen, zwey Stunden von hier, in die Kirche. Sie haben nicht nur hier selbst einige Manufakturen, sondern sind auch bey verschiedenen in den benachbarten pfälzischen und preußischen Ländern intereßiert.

[Religiöse Intoleranz]

Wenn man den Kölnern Vorwürfe wegen ihrer Intoleranz gegen diesen bessern Theil der Einwohner ihrer Vaterstadt macht; wenn man ihnen die Stupidität, Trägheit, Liederlichkeit und Armuth ihrer Bürger mit der Aufklärung, dem Fleiß, der Sparsamkeit und dem Reichthum dieser Beysässen in einen Kontrast stellt, so haben sie nicht nur keinen Sinn für diesen so auffallenden Unterschied, sondern sie deuten ihn noch obendrein zum Nachtheil der Protestanten und ihrem eigenen Vortheil aus. „Diese Ketzer, sagen sie, sind verworfene Geschöpfe. Ihre Herzen hängen an den irdischen Gütern, die ihnen Gott zuwirft, damit ihre Verdammniß noch grösser werde. Gott hat in der Schrift die Reichen ausdrüklich verflucht, und ihre Schätze sind die Scheiterhaufen, auf denen sie in der andern Welt braten werden.“ - Bey diesen Grundsätzen, welche die Mönche hier auf allen Kanzeln predigen, ist es kein Wunder, daß ein Drittheil der Einwohner dieser Stadt bettelt.

[Rheinschifffahrt]

Die vielen Schiffe, welche man hier immerfort in dem sogenannten Hafen sieht, sind der stärkste Vorwurf gegen die hiesigen Einwohner. Schwerlich ist ein Fluß in Europa, der so weit über seiner Mündung so stark befahren wird, als der Rhein in dieser Gegend. Die ganze Rhede an der Stadt, die beynahe eine Stunde lang ist, ist fast immer dicht mit Schiffen bedekt. Allein die Güter dieser Schiffe, die <367> dem Stappelrecht gemäß hier auf kölnische oder maynzische Schiffe geladen werden müssen, sind fast bloß für Rechnung auswärtiger Kaufleute.

Die holländischen Schiffe sind unter denselben die zahlreichsten, und nehmen sich durch die, den Holländern eigne Pracht und Reinlichkeit unter den übrigen stark aus. Sie sind wenigstens um ein Drittheil länger, als unsere gewöhnlichen Seekauffahrtschiffe von zwey Masten, und laden 3000 bis 3600 Zentner; also um ein beträchtliches mehr, als besagte Seeschiffe. Sie werden von Pferden heraufgezogen, können aber mitunter auch die Segel gebrauchen, und nach dem Verhältniß ihrer Fracht haben sie kaum die Hälfte der Pferde nöthig, die ein Donauschiff zu seiner Fahrt zwischen Wien und Ulm braucht. Die Eigenthümer dieser ungeheuern Flußschiffe wohnen beständig auf denselben, wenn sie auch in Rotterdam sind. So lange sie vor der hiesigen Rhede liegen, schenken sie alle Gattungen fremder Weine und bedienen die Liebhaber mit verschiedenen Erfrischungen nach holländischer Art. Ich hab mit verschiedenen meiner hiesigen Freunde einige sehr artige Lustparthieen auf solche Schiffe gemacht, wobey auch waker getanzt wurde. [...]

Aus: [Johann Kaspar Riesbeck:] Briefe eines Reisenden Franzosen über Deutschland. An seinen Bruder zu Paris. Uebersezt von K. R. Zweyter Band. Zweyte, beträchtlich verbesserte Ausgabe. 1784.

Die Briefe eines Reisenden sind in einer Fassung mit modernisierter Schreibung sowie einer Transkription der Ausgabe von 1784, die auch dieser Wiedergabe zu Grunde liegt, im Projekt Gutenberg - DE zugänglich. Ein Digitalsat liegt bei Google vor.

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