Karl Marx – Ausstellungen in Trier zum 200. Geburtstag

„Wir stehen alle auf den Schultern von Marx“

Zum 200. Geburtstag des revolutionären Meisterdenkers gibt es in Trier ein neues Marx-Denkmal, umfassende Ausstellungs­aktivitäten und ein general­überholtes Karl-Marx-Geburtshaus.

Karl-Marx-Denkmal, Trier. Foto: jvf
Karl-Marx-Denkmal, Trier. Foto: jvf.

Jetzt hat Trier also sein umstrittenes Marx-Denkmal, enthüllt und eingeweiht am 200. Geburtstag des Meister­denkers am 5. Mai 2018. Aufgestellt ist das Ding neben dem Simeonstift, um die Ecke von der Porta Nigra und kaum 100 Meter von dem Haus entfernt, in dem Karl Marx aufgewachsen ist (und dem er symbolträchtig den Rücken zukehrt).

Die monumentale Ganzkörper­statue zeigt den schon etwas gealterten, ikonischen Marx mit Bart und Matte im offenen Mantel, darunter Anzug und Weste, mit entschlossenem Blick in Richtung Sonnen­untergang schreitend, natur­gemäß den linken Fuß vorangesetzt, in der linken Hand ein Buch, das aber keinen Titel erkennen lässt.

Die Bronze ist deutlich über­lebensgroß, knapp 4½ Meter sollen es sein, hinzu kommt noch ein dreistufiger, treppen­förmiger Basaltsockel, der das Gesamtdings auf 5½ Meter Höhe bringt.

Die Gestaltung ist verblüffend konventionell und würde umstandslos in die Personen­kult­monumente des 20. Jahr­hunderts einzurechnen sein, wenn nicht die Oberflächen­gestaltung mit etwas Expressivität geöffnet und Werkzeug­spuren zumindest die Andeutung einer Brüchigkeit der Personen­kult­ästhetik machen würden.

Die Aufschrift auf dem Postament ist schlicht gehalten: „Karl Marx 1818-1883 | 卡尔·马克思“, der Künstler ist vermerkt und das Datum, keine Berufs­bezeichnung, kein charakteris­tischer Appell aus dem Kommunis­tischen Manifest oder ähnliches.

Karl-Marx-Denkmal, Trier. Foto: jvf
Karl-Marx-Denkmal, Trier. Foto: jvf.

Die Plastik ist ein Geschenk der Volks­republik China an die Stadt Trier. Für die künstlerische Gestaltung zeichnet Wu Weishan (*1962) verantwortlich, ein höchst­dekorierter Bildhauer der Volks­republik, Präsident der chine­sischen Akademie der Bildhauerei, stell­vertretender Vorsitzender des dortigen Künstler­verbandes (weiß Wikipedia).

Am Tag der Enthüllung des Denkmals gibt es in Trier eine Reihe von kleineren Demonstrationen: Neue anti­kapitalistische Linke und alte Kommunisten, neue und alte Rechte. Der Falun Gong meditiert demonstrativ auf dem Platz vor dem Simeonstift und protestiert gegen das chinesische Regime. Schon vorher hatte es aus guten und aus schlechten Gründen Kritik an dem Denkmal gegeben.

Die rheinland-pfälzische Minister­präsidentin Malu Dreyer wird in der Presse zitiert mit der Aussage:

Man kann Karl Marx nicht einerseits zuschreiben, was in seinem Namen an Greueltaten begangen worden ist. Aber andererseits darf man Marx auch nicht zum Heiligen hochstilisieren.

Misslich ist nur, dass dieses Denkmal diesen klugen Ansatz in beide Richtungen verfehlt: Implizit rechnet es dem revolutionären Denker durch den kaum gebrochenen Anschluss an die Personenkult­ästhetik totalitärer Regime gerade diese Greueltaten zu; und explizit stilisiert es ihn aus dem gleichen Grund zu etwas, das einem Heiligen recht nahe kommt.

Damit nicht beifälliges Nicken von der gänzlich falschen Seite einsetzt: Natürlich gehört ein verständiges Denkmal für einen der wichtigsten Denker des 19. Jahrhunderts in die Trierer Altstadt, zumal von ihm fürs 21. Jahrhundert sehr viel zu lernen wäre. Aber dieses Denkmal ist es nicht.

Die Große Landesausstellung Rheinland-Pfalz

Deutlich differenzierter und umsichtiger kann die Große Landes­ausstellung Rheinland-Pfalz im Rheinischen Landes­museum Trier und dem Stadt­museum Simeon­stift agieren.

Unter dem Titel Karl Marx – 1818-1883. Leben. Werk. Zeit informiert die Ausstellung noch bis 21. Oktober 2018 in zwei Teilen und mit rund 400 Exponaten über die Lebensgeschichte des Philosophen, Journalisten, Schriftstellers und Revolutionärs.

Ausstellungsansicht Karl Marx Landesausstellung im Stadtmuseum Trier. Rechte: Karl Marx 2018 – Ausstellungsgesellschaft
Ausstellungsansicht Karl Marx Landesausstellung im Stadtmuseum Trier. Rechte: Karl Marx 2018 – Ausstellungsgesellschaft.

Das Stadtmuseum organisiert seine biographisch orientierte Schau entlang der Orte eines Exilanten­lebens („Stationen eines Lebens“): die Geburts­stadt Trier, die Studienorte Bonn und Berlin, die Zeiten als Journalist in Köln, das Exil in Paris, Brüssel sowie London und setzt die Biographie in Beziehung zu kultur- und sozial­geschichtlichen Ortsportraits.

Der größere Ausstellungspart, im Rheinischen Landes­museum, ist werk­geschichtlich orientiert und entfaltet den politischen und wirtschafts­geschichtlichen Hintergrund vornehmlich der zwei marxschen Schriften, die es ins Weltdokumenten­erbe der UNESCO geschafft haben: Das Manifest der Kommunistischen Partei (1848) und der erste Band von Das Kapital (1867).

Trotz eines sehr aufwändigen und hübschen Ausstellungs­designs und gut gewählter Exponate: Es bleibt notorisch schwierig, Ideen und Theorien in Ausstellungen sinnlich nachvoll­ziehbar aufzubereiten. Die Trierer behelfen sich mit Leseräumen, in denen Exemplare der Schriften ausliegen: Das wird nicht wirklich weiter­helfen.

Vielleicht hätte es geholfen, Anleihen bei der, in Sachen greifbarer Ideen­vermittlung vorbildlichen Ausstellung zum 150. Jubiläum der Veröffent­lichung des Kapitals im Hamburger Museum der Arbeit zu machen (die just am 5. Mai den letzten Tag geöffnet hat).

Ausstellungsansicht Karl Marx Landesausstellung im Landesmuseum Trier. Rechte: Karl Marx 2018 – Ausstellungsgesellschaft
Ausstellungsansicht Karl Marx Landesausstellung im Landesmuseum Trier. Rechte: Karl Marx 2018 – Ausstellungsgesellschaft.

Die Jahreszahlen im Titel der Landes­ausstellung sind nicht nur ein Reminder an Geburts- und Sterbedaten des Jubilars, sie sind auch Ausdruck einer Konzeption, die auf konsequente Histori­sierung setzt.

Sehr erstaunlich ist, dass die Landes­ausstellung auf die Darstellung von Marxens Rezeptions­geschichte und Wirkung sowie der Instrumentali­sierung und des Mißbrauchs im 20. Jahrhundert großflächig verzichtet.

Ob es sinnvoll ist, in einer umfassenden Ausstellung an diesem – ja nicht ganz unwesent­lichen – Aspekt vorbei­zublicken, sei dahin­gestellt. Es ist jedenfalls bemerkens­wert undialektisch gedacht.

Neue Ausstellung im Karl-Marx-Haus

Die Wirkung von Marx bis heute ist dagegen wichtiger Bestandteil der ständigen Ausstellung im Museum Karl-Marx-Haus. Das Geburthaus in der heutigen Brücken­straße wurde 1928 von der SPD gekauft und wird seit 1968 von der Friedrich-Ebert-Stiftung als Museum und „Lernort“ betrieben.

Londoner Lesesessel im Museum Karl-Marx-Haus, Trier. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Friedrich-Ebert-Stiftung / Museum Karl-Marx-Haus
Londoner Lesesessel im Museum Karl-Marx-Haus, Trier. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Friedrich-Ebert-Stiftung / Museum Karl-Marx-Haus.

Nach mehr als 1½-jährigen Sanierungs­arbeiten ist die neu gestaltete Ausstellung jetzt geöffnet. Es gibt nicht wirklich viele spektakuläre historische Objekte zu sehen – sieht man mal von dem Haus selber ab (aus dem Familie Marx freilich verzog als der kleine Carl kaum 1½ Jahre alt war, eingezogen war man wenige Wochen vor seiner Geburt). Dazu kommt eine Taschenuhr, die Marx gehörte, und ein Lesesessel, den er im Londoner Exil genutzt und in dem er auch gestorben sein soll.

Wichtiger sind indes multimedial aufbereitete Informationen zu Leben und Werk sowie die Geschichte der Marx-Rezeption. Den Abschluss bildet eine Video­installation, die auf die „Marx-Renaissance“ verweist, die seit der Finanz­krise von 2007/8 ausgemacht wird.

Multimediaeinsatz im Museum Karl-Marx-Haus, Trier. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Friedrich-Ebert-Stiftung / Museum Karl-Marx-Haus
Multimediaeinsatz im Museum Karl-Marx-Haus, Trier. Foto: jvf. Rechte Ausstellungsdesign: Friedrich-Ebert-Stiftung / Museum Karl-Marx-Haus.

„LebensWert Arbeit“ im Museum am Dom

Ebenso wie die ständige Ausstellung im Karl-Marx-Haus gilt auch LebensWert Arbeit im bischöflichen Museum am Dom als Partner­ausstellung der Landesschau. Sie zeigt – ebenfalls bis 21. Oktober 2018 – Arbeiten der Gegenwarts­kunst aus dem „Spannungs­feld zwischen Arbeit und Menschen­würde“.

Zu sehen sind in der bemerkens­werten Ausstellung u.a. Werke von Antje Ehmann und Harun Farocki (Eine Einstellung zur Arbeit, Video­installation, 2011-2014), Andreas Gursky (Siemens, Karlsruhe, Germany 1991), Vincent Fournier (Fotografien aus der Serie The Man Machine, 2010) und Kai Löffel­bein mit dem Unicef Foto des Jahres 2011 (Ghana: Waste export to Africa).

Die Ausstellung schließt mit einer Hommage an einen anderen großen Sohn der Stadt Trier, den Jesuiten und Chefdenker der katholischen Sozial­lehre Oswald von Nell-Breuning (1890-1991). Insofern kann man sie also auch als eine Art katholische Gegen­ausstellung zu den Marx­feierlich­keiten verstehen.

Nell-Breuning hat zwar den Marxismus gründlich kritisiert, zugleich aber zugestanden: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx“. Vielleicht musste ja das Marx-Denkmal in Trier so monumental ausfallen, damit auf dessen breiten Schultern Platz genug ist.

Landesausstellung Rheinland-Pfalz. Karl Marx 1818-1883. Leben. Werk. Zeit. Trier, Rheinisches Landesmuseum / Stadtmuseum Simeonstift, 5. Mai – 21. Oktober 2018 | Von Trier in die Welt. Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute. Trier, Museum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung, seit 5. Mai 2018 | LebensWert Arbeit. Trier, Museum am Dom, 5. Mai – 21. Oktober 2018.