Giovanni Verga: Die Wölfin – Meistererzählungen

„Es ist die Versuchung der Hölle!“

Giovanni Vergas (1840-1922) kurze Erzählung „Die Wölfin“ (La lupa, 1880) über eine ebenso unersättliche wie tragische Liebe in einem sizilianischen Dorf gehört zu den Meisterwerken des italienischen Verismus.

Giovanni Verga

Giovanni Verga, Fotografisches Selbstportrait, 1887. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art, Quelle: Wikimedia Commons
Giovanni Verga, Fotografisches Selbstportrait, 1887. Ausschnitt. Lizenz: PD-Art, Quelle: Wikimedia Commons.

* ~ 2. September 1840 in Catania, † 27. Januar 1922 ebd.

Die Wölfin

Sie war groß, schlank, hatte die festen und kräftigen Brüste einer Brünetten, wenngleich sie nicht mehr jung war. Sie war stets so blass, als wenn sie die Malaria hätte, und in dieser Blässe: zwei Augen, so groß – und Lippen: frisch und rot, als wenn sich dich fressen wollten.

Im Dorf nannte man sie „Die Wölfin“, weil sie unersättlich war – in allen Dingen. Die Frauen bekreuzigten sich, wenn sie ihnen über den Weg lief, einsam wie eine Streunerin, mit diesem unsteten und argwöhnischen Gang einer hungrigen Wölfin, die die Kinder und die Männer in einem Augenblick verschlang, mit ihren roten Lippen, und die sie hinter ihrem Rock bannte ganz allein durch die Macht des Blicks aus diesen teuflischen Augen – und stünden sie auch vor dem Altar der Santa Agrippina.

Zum Glück kam die Wölfin nie in die Kirche, nicht zu Ostern, nicht zu Weihnachten, nicht für die Messe, nicht für die Beichte. Pater Angiolino von Santa Maria di Gesû – ein wahrer Diener des Herrn – hatte über sie das Seelenheil verloren.

Und Maricchia, das arme Ding, ein braves und gutes Mädchen, weinte oft insgeheim, weil sie die Tochter der Wölfin war, und niemand sie zur Frau nehmen würde, obwohl sie eine schöne Aussteuer in der Kommode verwahrte und ein gutes Stück Land unter der Sonne, wie jedes andere Mädchen des Dorfes auch.

Einmal verliebte sich die Wölfin in einen hübschen Jungen, der gerade vom Wehrdienst zurückgekehrt war und mit ihr das Heu erntete auf den Feldern des Notars. Es war wirklich das, was man „sich verlieben“ nennt. Sie fühlte die Haut brennen unter ihrem Baumwollleibchen, und wenn sie den Jungen mit ihren Augen fixierte, litt sie einen Durst, wie sonst nur in den heißen Stunden des Juni, unten in der Ebene. Er aber mähte ruhig weiter, den Kopf gesenkt, und fragte sie: „Was habt Ihr nur, Gevatterin Pina?“ Auf dem weiten Feld, wo nur das Zirpen der Grillen zu hören war und die Sonne senkrecht nieder brannte, band die Wölfin Garbe um Garbe, stellte Haufen um Haufen, ohne je zu ermüden, ohne sich auch nur einen Augenblick aufzurichten, ohne die Flasche an die Lippen zu setzen, nur um immer auf den Fersen Nannis zu bleiben, der mähte und mähte, und sie dann und wann fragte: „Was wollt Ihr nur, Gevatterin Pina?“

Eines Abends, als die Männer auf der Tenne erschöpft vom langen Tag dösten und die Hunde über die schwarze Landschaft heulten, sagte sie zu ihm: „Dich will ich! Du bist schön wie die Sonne und süß wie der Honig. Ich will dich!“

„Und ich dagegen will deine Tochter, die Jungfrau“, antwortete Nanni und lachte dabei.

Die Wölfin fuhr mit den Händen durch ihr Haar, kratzte sich die Schläfen, ohne ein Wort zu sagen, und ging fort, kehrte nicht mehr zurück zur Tenne. Aber im Oktober sah sie Nanni wieder, zur Zeit der Olivenernte, als er gleich neben ihrem Haus arbeitete, und das Knirschen der Presse sie alle Nächte nicht schlafen ließ.

„Nimm den Sack Oliven“, sagte sie zur Tochter, „und komm mit mir.“

Nanni schaufelte die Oliven in die Mühle und rief „Hüa!“ zum Maultier, damit es nicht stehen blieb.

„Du willst meine Tochter Maricchia?“, fragte ihn Gevatterin Pina.

„Was gebt Ihr Eurer Tochter Maricchia mit?“, antwortete Nanni.

„Sie hat das Erbe ihres Vaters und zudem gebe ich ihr mein Haus. Ich begnüge mich damit, dass ihr mir eine Ecke in der Küche lasst, um mich auf einem Strohsack ein wenig hinzulegen.“

„Wenn das so ist, kann man zu Weihnachten darüber reden“, sagte Nanni.

Nanni war ganz verschmiert und schmutzig vom Öl und von vergorenen Oliven, und Maricchia wollte ihn unter keinen Umständen haben. Aber ihre Mutter zog sie bei den Haaren vor den Herd und sagte ihr zähnefletschend: „Wenn du ihn nicht nimmst, bringe ich dich um!“

Die Wölfin war wie krank, und die Leute sagten, wenn der Teufel alt wird, wird er zum Einsiedler. Sie ging nicht mehr hierhin, nicht mehr dorthin, sie setzte sich nicht mehr auf die Schwelle ihres Hauses mit diesem besessenen Blick. Wenn sie aber jene Augen auf ihren Schwiegersohn heftete, fing der an zu lachen, zog aber ein Amulett der Muttergottes hervor und bekreuzigte sich. Maricchia blieb zu Hause, um die Kinder zu stillen, und ihre Mutter ging auf die Felder, um mit den Männern zu arbeiten. Sie jätete, pflügte, hütete das Vieh, beschnitt die Weinstöcke, genauso wie ein Mann, ob im Januar der Greco und Levante wehte oder im August der Scirocco, wenn die Maultiere die Köpfe baumelnd hängen ließen und die Männer bäuchlings schliefen, geschützt auf der Nordseite einer Mauer. In der Stunde zwischen Non und Vesper, wenn keine ehrbare Frau sich draußen blicken lässt, war Gevatterin Pina die einzige lebende Seele, die man in der Landschaft umherirren sah, auf den glühenden Steinen der Pfade, zwischen den versenkten Stoppeln der grenzenlosen Felder, die sich unter der Hitze in weiter Ferne auflösten gegen den dunstverhangenen Ätna, wo der Himmel auf dem Horizont lastete.

„Wach auf!“ sagte die Wölfin zu Nanni, der in einem Graben schlief, neben einer staubigen Hecke, mit dem Kopf auf den Armen. „Wach auf, ich habe dir Wein gebracht, um dir die Kehle zu erfrischen.“

Nanni riss die schläfrigen Augen auf, noch zwischen Wachen und Schlaf, und sah sie vor sich stehen, blass, mit diesen mächtigen Brüsten und diesen Augen, so schwarz wie Kohle, und er hob unsicher die Hände.

„Nein! Keine ehrbare Frau geht in der Stunde zwischen Non und Vesper aus dem Haus!“, jammerte er und vergrub sein Gesicht im trockenen Gras des Grabens, tief hinab bis zur Erde, und krallte die Finger ins Haar.

„Geht weg! Geht weg! Kommt nicht mehr auf die Tenne!“

Und sie ging wirklich, die Wölfin, richtete ihre prächtigen Zöpfe, und sah entschlossen nach vorne auf ihren Weg durch die heißen Stoppeln, mit den Augen so schwarz wie Kohle.

Aber auf die Tenne kam sie immer wieder, und Nanni sagte nichts mehr. Und wenn sie sich verspätete, in der Stunde zwischen Non und Vesper, ging er – mit Schweiß auf der Stirn – zur höchsten Stelle des weißen, verlassenen Pfades, um sie zu erwarten – und nachher raufte er sich die Haare, und wiederholte jedes Mal: „Geht weg! Geht weg! Kommt nicht mehr auf die Tenne!“

Maricchia weinte Nacht und Tag, und wenn sie sah, dass ihre Mutter von den Feldern zurückkehrte, blass und schweigsam, sah sie ihr fest ins Gesicht, mit Augen, die von Tränen und Eifersucht brannten, wie eine junge Wölfin, die auch sie jetzt war. „Ruchlose!“, sagte sie, „Ruchlose Mutter!“

„Schweig!“
„Diebin! Diebin!“
„Schweig!“
„Ich werde zum Brigadiere gehen, das werde ich!“
„Geh doch!“

Und sie ging wirklich, mit den Kindern auf dem Arm, ohne etwas zu fürchten, ohne eine Träne zu vergießen, wie eine Wahnsinnige, weil auch sie jetzt diesen Mann liebte, der ihr aufgezwungen worden war, so ganz verschmiert und schmutzig von vergorenen Oliven.

Der Brigadiere ließ Nanni rufen und drohte ihm mit Zuchthaus und Galgen. Nanni jammerte und raufte sich die Haare. Er leugnete nichts, versuchte sich nicht zu rechtfertigen.

„Es ist die Versuchung!“, sagte er: „Es ist die Versuchung der Hölle!“. Er warf sich zu Füßen des Brigadiere und flehte, er möge ihn ins Zuchthaus schicken.

„Um Gottes Willen, Signor Brigadiere, erlösen Sie mich aus dieser Hölle! Töten Sie mich, schicken Sie mich ins Gefängnis. Aber lassen Sie mich sie nicht wiedersehen, niemals! niemals!“

„Nein“, antwortete dagegen die Wölfin dem Brigadiere. „Ich habe mir eine Ecke in der Küche zum Schlafen vorbehalten, als ich ihm mein Haus zur Mitgift gab. Das ist mein Haus. Ich will es nicht verlassen!“

Wenig später wurde Nanni an der Brust vom Tritt eines Maultiers getroffen und war dem Sterben nah. Aber der Pfarrer verweigerte ihm die letzte Ölung, wenn die Wölfin das Haus nicht verließe. Die Wölfin ging und ihr Schwiegersohn konnte sich also bereit machen, auch zu gehen, als guter Christ. Er beichtete und nahm das Abendmahl mit solchen Anzeichen der Reue und Bußfertigkeit, dass alle Nachbarn und Neugierigen vor dem Bett des Sterbenden weinten. Und es wäre besser für ihn gewesen, zu dieser Zeit zu sterben, bevor der Teufel zurückkehrte, ihn zu versuchen und sich in seiner Seele und seinem Leib festzusetzen, als er genesen war.

„Lasst mich!“, sagte er der Wölfin: „Um Gottes Willen, lasst mich in Frieden! Ich habe dem Tod ins Auge gesehen! Die arme Maricchia verzweifelt. Jetzt weiß es das ganze Dorf! Wenn Euch nicht mehr sehe, ist es besser für Euch und für mich …“

Und er hätte sich die Augen ausreißen mögen, um jene der Wölfin nicht mehr zu sehen, denn wenn jene in die seinen drangen, brachten sie ihn um Seele und Leib. Er wusste nicht mehr, wie er sich von diesem Zauber befreien konnte. Er zahlte Messen für die Seelen im Fegefeuer und bat den Pfarrer und den Brigadiere um Hilfe. Zu Ostern ging er beichten und tat öffentlich Buße, indem er sechs Spannen weit das Pflaster auf dem Kirchplatz leckte. Und dann, als die Wölfin wieder kam um ihn zu versuchen:

„Hört!“, sagte er ihr, „kommt nicht mehr auf die Tenne, denn wenn Ihr mich wieder heimsucht, werde ich Euch, so wahr mir Gott helfe, töten!“

„Töte mich“, antwortete die Wölfin, „das bedeutet mir nichts. Aber ohne dich, will ich nicht leben.“

Als er sie von weitem kommen sah, inmitten der grünen Saatfelder, hörte er auf im Weinberg zu jäten, und ging die Axt von der Ulme zu lösen. Die Wölfin sah ihn kommen, bleich und verstört, die Axt in der Hand funkelte in der Sonne, und sie wich keinen einzigen Schritt zurück, senkte nicht die Augen, ging ihm weiter entgegen, in den Händen einen Strauß roter Mohnblumen, und verschlang ihn mit diesen schwarzen Augen.

„Oh! Verflucht sei Eure Seele!“, stammelte Nanni.

Giovanni Verga: La Lupa (Die Wölfin). Orig. in: Vita dei campi. Nuove novelle. Milano: (Treves) 1880.

Podcast: Meistererzählungen der Weltliteratur, Folge 1.

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