Drei Kurzgeschichten von Jonathan Tel, Parashar Kulkarni und Lidudumalingani Mqombothi

Von Liebesgesängen, Kühen und Heilern

Der britische Schriftsteller Jonathan Tel, der indische Autor Parashar Kulkarni und der südafrikanische Erzähler Lidudumalingani Mqombothi sammeln 2016 die wichtigsten Preise für englischsprachige Kurzgeschichten ein. Was taugt diese kürzere Prosa?

Die kurze Form der erzählenden Literatur genießt in den angelsächsischen Ländern weitaus mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit als in den deutschsprachigen. Das zeigt sich auch an den Literaturpreisen die alljährlich für einzelne Kurzgeschichten ausgeteilt werden. Nach der Preissumme zu urteilen, steht der Sunday Times Short Story Award an der Spitze (£30.000). Zu den renommiertesten weiteren Preisen gehören der Caine Prize for African Writing (£10.000) und der Commonwealth Short Story Prize (£5.000). Was taugt also die solchermaßen im Jahr 2016 ausgezeichnete Prosa?

Die Texte sind online verfügbar:

Deutsche Übersetzungen gibt es – wenn ich recht sehe – bislang nicht.

Sunday Times Short Story Award 2016:
Jonathan Tel, The Human Phonograph

Atombombentest. Rechte: PD-USGov. Quelle: Wikimedia Commons
Atombombentest. Rechte: PD-USGov. Quelle: Wikimedia Commons

Es ist die wohl höchstbepreiste Kurzgeschichte der Gegenwart: 2015 sammelte der britische Schriftsteller Jonathan Tel dafür schon den Commonwealth Short Story Prize ein, 2016 dann den Sunday Times Short Story Award. Die Gesamtpreissumme liegt also bei £35.000. „Kann das richtig sein? […] Kann eine einzelne Kurzgeschichte so gut sein?“, fragt der Literaturwissenschaftler Charles May in seinem Blog Reading the Short Story. Oder anders: Entspricht der literarische Wert dem Preis? Ja doch.

China zu Zeiten der Kulturrevolution, genauer in den Jahren 1969/1970. Die „Fabrik 221“ in der abgelegenen, nordwestlichen Provinz Qinghai ist eines der Atomwaffenlabore der Volksrepublik. Die Hauptfigur darf nach sieben Jahren der Trennung zu ihrem Mann reisen, einem Geologen, der schon neun Monate nach der Hochzeit in diese Fabrik 221 beordert wurde, um geeignete Testgelände zu untersuchen.

Dieser Geologe nutzt seine Geländeerkundungen, um mit den Bauern der Gegend ins Gespräch zu kommen – und er lauscht den Gesängen der verschiedenen Völker in der Provinz Qinghai, den Hua’er: „Ein Mann singt es einer Frau, eine Frau singt es einem Mann.“ In den Jahren der Kulturrevolution sind diese Gesänge illegal, „kleinbürgerliche Empfindsamkeit“, Tonbandaufnahmen kommen nicht in Frage. Er nimmt einen Assistenten mit, der die Gesänge auswendig lernt und exakt wiedergeben kann: „Der menschliche Phonograph“. Man denkt ein wenig an die book people in Bradburys Fahrenheit 451.

Die zögernde und sprachlose Wiederannäherung des Paares, der Gesang als Medium einer, der totalitären Kontrolle nicht unterworfenen Kommunikation („Es gibt Gedanken, die nicht ausgesprochen, sondern nur gesungen werden können.“), der technische Fortschritt auf dem Weg zur Massenvernichtungsmaschinerie – all das wird in dieser handwerklich perfekt gemachten story engeführt und psychologisch plausibel sowie mit stringent ausgeführter Motivik entwickelt. Erzähltechnisch kann man hier kaum etwas mäkeln – außer vielleicht Ausflügen ins Wikipediahafte – und das Handwerk klappert nicht: einem identifikatorischen Lesen steht es nicht entgegen.

Jonathan Tel hat bislang zwei Bände mit kurzen Geschichten veröffentlicht, Arafat’s Elephant (2002) und The Beijing of Possibilities (2009), sowie einen Roman Freud’s Alphabet (2003). Bedauerlich, dass seine Arbeiten bislang nicht ins Deutsche übersetzt sind.

Commonwealth Short Story Prize 2016:
Parashar Kulkarni, Cow and Company

Heilige Kuh, Dehli, Indien. Rechte: © Jorge Royan / http://www.royan.com.ar / CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons
Heilige Kuh, Dehli, Indien. Rechte: © Jorge Royan / http://www.royan.com.ar / CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons

Weit weniger fokussiert und durchgearbeitet als Tels Kurzgeschichte ist das Stück, mit dem der indische Autor Parashar Kulkarni ein Jahr nach Tel den Commonwealth Short Story Prize eingesackt hat: Cow and Company.

Die für Kurzgeschichten untypisch vielfigurige story erzählt vom Bombay in der Kolonialzeit, Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Bürovorsteher einer britischen Lebensmittel-Company verfällt auf die Idee, für Kaugummi mit dem Foto einer Kuh zu werben: „Die Kuh kaut den ganzen Tag. Alle Hindus lieben Kühe. Wenn wir sie auf unseren Werbeplakaten verwenden, werden die Hindus unser Kaugummi lieben.“ Eine vierköpfige Delegation macht sich auf den Weg, ein entsprechendes Fotomodell herbei zu schaffen, was in sehr viel Dung im Büro und einem Aufstand endet – die Zeitungen schlagzeilen „Rindfleisch in Kaugummis – Britisches Unternehmen beleidigt Hinduismus“.

Kulkarni erzählt, er habe das Ding als Teil einer „novella“ (The Dog and the Table) geschrieben. Das merkt man ein bisschen, ganz stringent ist das nicht erzählt, die Erzählökonomie ist eher auf einen längeren Text berechnet, aber die Burleske über den Clash von Kolonialkapitalismus, Religion und Tierrechten ist – bei aller Bitterkeit zwischen den Zeilen – sehr lustig zu lesen.

Mit dem Commonwealth Short Story Prize wird jährlich eine vordem unveröffentlichte Kurzgeschichte ausgezeichnet. 2016 sollen es knapp 4.000 Einsendungen aus 47 Ländern gewesen sein, aus denen eine sechsköpfige Jury zunächst jeweils einen regionalen Preisträger (£2.500) für Afrika, Asien, die Karibik, den Pazifik sowie Kanada und Europa auszuwählen und sodann unter diesen Regionalpreisträgern einen „overall winner“ zu bestimmen hatte.

Cow and Company ist die erste veröffentlichte literarische Arbeit Kulkarnis, der seit 2015 am Yale-NUS College in Singapur Politikwissenschaft unterrichtet.

Caine Prize for African Writing 2016:
Lidudumalingani Mqombothi, Memories We Lost

Der Caine Prize wird seit 2000 jährlich an den in englischer Sprache veröffentlichten Kurztext einer afrikanischen Autorin oder eines afrikanischen Autors vergeben. 2016 hat es den jungen südafrikanischen Autor, Fotografen und Filmemacher Lidudumalingani Mqombothi getroffen, dessen Memories We Lost 2015 in der Sammlung Incredible Journey: Stories That Move You (Burnet Media) erschienen ist.

Man kann, wenn man will, die drei ausgezeichneten stories als Modellfälle von möglichen Erzählhaltungen nehmen. The Human Phonograph folgt einer streng personalen Erzählhaltung mit Fokus auf der weiblichen Hauptfigur. Der Erzähler in Cow and Company ist eine weitgehend neutrale Instanz, die Dominanz der direkten Rede bringt das Stück in die Nähe der Dramatik (und ihrer distanzierten Unmittelbarkeit). Memories We Lost schließlich ist eine klassische Ich-Erzählung (in ihrer undistanzierten Unmittelbarkeit).

Zwei Geschwister, Kinder in einem Dorf am Ostkap. Die oder der Jüngere erzählt. Die große Schwester leidet an schizophrenen Schüben: „Es gab niemals eine Vorwarnung, dass dieses Ding kommen würde. Es kam aus dem Nichts, so wie Geister es tun, und es verschwand so wie es gekommen war. Jedesmal wenn es verschwunden war, streckte ich meine Arme aus in alle Richtungen, murmelte zwei kurze Gebete, eins zu Gott und ein anderes zu den Vorfahren, und wartete dann, dass meine in Panik versetzte Schwester mich umarmen würde. Die Umarmungen, so erinnere ich mich, waren immer fest und ausdauernd, so als wenn sie hoffte, dass der Augenblick ewig dauern würde.“

Die Erzählfigur kämpft darum, die Schwester den untauglichen Heilungsversuchen zu entziehen: der Medikation, die die Schwester nur ruhig stellt und in Apathie versumpfen lässt, den Ritualen der Christen und der „sangoma“, der Heiler, die alle eine schnelle Heilung versprechen vom Teufelswerk oder dem Dämon. Als ein weiterer Heilungsversuch eines sangoma lebensbedrohlich zu werden scheint, bleibt den Kindern nur die Flucht.

Die Juryvorsitzende Delia Jarrett-Macauley begründet die Entscheidung für Memories We Lost: „Die Gewinnergeschichte erkundet ein schwieriges Thema – wie traditioneller Glaube in einer ländlichen Gemeinde genutzt wird, um mit Schizophrenie umzugehen. Dies ist ein beunruhigendes Stück, das die große Liebe zwischen zwei jungen Geschwistern in einer wunderschön gezeichneten Ostkap-Landschaft darstellt. Vielschichtig und anmutig erzählt, lässt diese Kurzgeschichte den Leser voller Mitgefühl und Verwunderung auf die Not seiner Protagonisten blicken.“

Die Gefühllichkeit, mit der diese Jurybegründung argumentiert, könnte man als Problem der Erzählung sehen. An der mitreißenden atmosphärischen Dichte dieser Kurzgeschichte ändert das nichts.

Kommentieren