Biennale Venedig 2017: Die 57. Internationale Kunstausstellung

Vom 13. Mai bis 26. November 2017 tobt in Venedig die Kunstbiennale. Die Kuratorin der 57. Esposizione Internazionale d’Arte, Christine Macel, stellt ihre Schau unter das Label „Viva Arte Viva“ [Vormerkung].

Stadtansicht Venedig. Foto: jvf

Nachdem vor zwei Jahren die verlängerte Spielzeit der Biennale zu einem Besucherrekord geführt hat – über 500.000 sollen es gewesen sein – setzt der Stiftungsrat der venezianischen Kunstschau 2017 erneut auf einen frühen Beginn. Bereits Mitte Mai öffnen die Zentral­ausstellung, die Ausstellungen in den nationalen Pavillons und die Neben­ausstellungen („eventi collaterali“) und machen zusammen die weltweit größte Anhäufung in Sachen Gegenwarts­kunst.

Viva Arte Viva

Zur Kuratorin der 57. Esposizione Internazionale d’Arte ist Christine Macel berufen. Die Französin arbeitet seit dem Jahr 2000 als Chefkuratorin am Pariser Centre Pompidou und leitet dort die Sektion der zeit­genössischen und jungen Kunst. Auch Biennale­erfahrung bringt Macel mit, 2007 war sie verantwortlich für den belgischen Pavillon (mit Arbeiten von Eric Duyckaerts), 2013 für den französischen Pavillon (mit einer Multimedia­installation von Anri Sala) und 2011 schließlich war sie Mitglied der Jury der Biennale.

Macels Konzept für die Zentral­ausstellung, im Herbst 2016 in Venedig vorgestellt, ist von etwas verblüffender Schlichtheit. Die unter das Label Viva Arte Viva gestellte Schau werde „mit den Künstlern, von den Künstlern und für die Künstler“ entworfen, erklärt Macel. Jedenfalls werde „Viva Arte Viva die Künstler in den Vordergrund stellen und ihnen die Möglichkeit geben sich auszudrücken“, die „Rolle, die Stimme und die Verantwortung des Künstlers“ seien von entscheidender Bedeutung in den Debatten der Gegenwart, die Ausstellung ziele darauf ab, „einen Pfad hin zu einem Neo-Humanismus zu erschließen“ usw.

Etwas puschig muten dann auch die Projekte an, die die Zentral­ausstellung begleiten sollen. Einmal die Woche sei „der Künstler und sein Publikum“ zu einer Tavola Aperta eingeladen, einem gemeinsamen Lunch mit Dialog über die künstlerische Praxis. Und die Künstler seien aufgefordert, Listen ihrer Lieblings­bücher zu präsentieren, Unpacking My Library ist dieses Projekt betitelt, in Anlehnung an Walter Benjamins Rede über das Büchersammeln Ich packe meine Bibliothek aus von 1931.

Nun ja. Man kann recht sicher sein, dass die Kunstauswahl von Macel deutlich stärker sein wird als der konzeptionelle Rahmen.

Die Künstlerinnen der Zentralausstellung

Arbeiten von 120 Künstlerinnen (33%), Künstlern (62%), Duos und Kollektiven sind von Macel für die Zentralausstellung vorgesehen. Mit dabei sind eine Reihe von prominent etablierten Kunstschaffenden wie Kader Attia, Olafur Eliasson, Alicja Kwade, Ernesto Neto, Gabriel Orozco, Philippe Parreno, Anri Sala, Kiki Smith und Franz Erhard Walther. Auch der 2012 verstorbene Franz West wird mit Werken vertreten sein.

Daneben gibt es eine ganze Reihe von am internationalen Kunstmarkt noch nicht wirklich etablierten Künstlern wie dem dänischen Performer Søren Engsted, dem italienischen Installationskünstler Michele Ciacciofera, der mexikanischen Bildhauerin Cynthia Gutiérrez oder der chinesische Malerin Firenze Lai.

Die jüngsten gelisteten Künstlerinnen sind das philippinische Duo Katherine Nuñez und Issay Rodriguez (*1992/*1991), die älteste lebende Künstlerin, die in der Zentralausstellung mitspielen wird, ist die amerikanische Choreographin Anna Halprin (*1920).

Und, wenn wir gerade bei Äußerlichkeiten sind: Als ersten Wohn- und Arbeitsort geben 16 eingeladene Künstler Berlin an, 12 Paris, 11 New York, 6 London und nur einer Köln – der Videokünstler Peter Miller.

Die gesamte Liste der Ausgestellten ist einsehbar auf der Webseite der Biennale: Artists.

Partecipazioni nazionali

Außenansicht Französischer Pavillon in den Giardini (2013 im Rahmen eines Tausches für die deutsche Biennale-Ausstellung genutzt). Foto: jvf

Wichtiger als die Zentral­ausstellung sind aber ohnehin die nationalen und regionalen Ausstellungen, die in den Pavillons der Giardini, im Arsenale und in Locations verteilt über die ganze Stadt einen vielfältigen Einblick in das gegenwärtige Kunstmachen verschaffen.

Nicht weniger als 85 solcher nationalen Pavillons sind heuer angekündigt. Zum ersten Mal dabei sind Antigua und Barbuda, Kasachstan, Kiribati und Nigeria. Zu den 85 offiziellen nationalen Ausstellungen kommen noch einige hinzu, die aus diplomatischen Gründen ins Nebenprogramm verschoben sind: Schottland und Wales, Taiwan und Hongkong, Katalonien etwa.

Die Pavillons der Schweiz, Österreichs und Deutschlands

Die Österreicher setzen dabei auf Prominenz und schicken Kunst von zwei Staatspreis­trägerinnen ins Rennen. Brigitte Kowanz wird ihre Licht- und Raumkunst mitbringen und teilt sich die Räumlichkeiten mit dem wahrscheinlich witzigsten, ganz sicher aber erfolg­reichsten Gegenwarts­künstler Österreichs: Erwin Wurm.

Die schweizerische Ausstellung unter dem Titel „Women of Venice“ umkreist einen großen Abwesenden: Alberto Giacometti. Der hatte sich zeitlebens einer Präsentation seiner Werke im Schweizer Pavillon verweigert, aus Skepsis gegenüber nationaler Vereinnahmung. Das Künstlerpaar Teresa Hubbard und Alexander Birchler nähert sich in seiner Film­installation der amerikanischen Bildhauerin Flora Mayo, die in jungen Jahren Giacomettis Geliebte war, und Carol Bove nimmt Giacomettis Figuren­konstellationen als Ausgangspunkt für ihre Skulpturen und Installationen.

Den deutschen Pavillon bespielt die Performance- und Multimedia­künstlerin Anne Imhof. Ihr Werk umfasse malerische, skulpturale, installative und performative Arbeiten, heißt es in der Pressemitteilung des zuständigen Auswärtigen Amts. In ihren Szenarien vergegenwärtige sie, wie der kapitalisierte Körper „in materiellen und diskursiven, in technologischen, sozio-ökonomischen und pharmazeutischen Grenzziehungen konstituiert“ wird.

Die Goldenen Löwen

Goldene und silberne Löwen werden erst seit 1986 auf der Kunstbiennale von Venedig verliehen, übernommen von der Kinobiennale, wo es die Löwen schon seit 1949 gibt.

Auf der letzten Biennale, 2015, ging ein Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag an den Pavillon Armeniens, die Auszeichnung als bester Künstler der Zentral­ausstellung an die amerikanische Konzept­künstlerin Adrian Piper.

Mit einem Goldenen Löwen für das Lebenswerk wurde der west­afrikanische Künster El Anatsui versehen, und die Kuratorin Susanne Ghez sammelte einen Sonderlöwen ein für ihre Verdienste um die Gegenwarts­kunst. Den Silbernen Löwen als viel­versprechendste junge Künstlerin nahm die koreanische Videomacherin Im Heung-Soon (*1969) mit nach Hause.

Rückblick

Die Biennale von Venedig geht heuer ins 122. Jahr. Seit 1895 findet die Internationale Kunstausstellung im Zweijahres­rhythmus statt (vor allem kriegsbedingt fiel die Kunstschau in einigen Jahren aus).

Giacomo Grosso, Il supremo convegno, 1895. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: PD-ArtRückblick: Die erste Biennale 1895
Im April 1895 eröffnet die 1. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig. Sie ist ein Publikumsrenner, zeigt ein Skandalbild, zieht prominente Kunstkäufer an. Der Anfang von 120 Jahren Geschichte der Biennale. [mehr]

57. Esposizione Internazionale d’Arte. La Biennale di Venezia. Viva Arte Viva. K: Christine Macel. Venedig, 13. Mai – 26. November 2017.

[Veröffentlicht: 31.12.2016]
[Update: 07.02.2017, Künstler der Zentralausstellung]
[Update: 08.02.2017, Details zu nationalen Pavillons]

Kommentieren