Anne Imhofs „Faust“ im deutschen Pavillon – Biennale Venedig 2017

„Wissen, wann wir die Faust erheben müssen“

Anne Imhof richtet für ihre ergreifende Performance „Faust“ den deutschen Pavillon der Biennale di Venezia zu und entwirft dabei eine sehr sinnliche Enzyklopädie der Möglichkeiten unter den Bedingungen totalitärer Öffentlichkeit.

Eliza Douglas in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin
Eliza Douglas in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin.

Der notorisch schwer zu bespielende deutsche Pavillon ist heuer tiefer­gelegt. Anne Imhof (*1978 in Gießen) hat für ihre Performance Faust (K: Susanne Pfeffer) eine Glasfläche in vielleicht einem Meter Höhe eingezogen. Darauf bewegt sich das Publikum – anfangs geht man ein wenig unsicher. Gläserne Platt­formen an den Wänden dehnen die Spielfläche vertikal aus:

In der Architektur liegt eine Brutalität, auf die ich antworten kann.

so sagt Imhof und hat den Bau außen mit Zäunen abgegrenzt. Innerhalb der Zäune sorgen Dobermänner für Sicherheit. Insgesamt sechs Hunde sollen es sein, sie werden paarweise eingesetzt und hören auf hübsche Namen wie Ares Ayman oder Astrea Sunshine.

Dobermann in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Foto: jvf. Rechte: vorbehalten wg. Rechte Deutscher Pavillon 2017, der Künstlerin
Dobermann in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Foto: jvf. Rechte: vorbehalten wg. Rechte Deutscher Pavillon 2017, der Künstlerin.

Dobermänner wurden schon früh als Polizeihunde eingesetzt, was ihnen den Beinamen „Gendarmen­hunde“ verschafft hat, weiß Wikipedia, und Google umreißt ihr „Temperament“ mit den Begriffen „gehorsam, furchtlos, loyal, intelligent, energisch, konzentriert“. Aha.

Depots einer Stadtguerilla von Bürokaufleuten

Drinnen, unter der Glasfläche, sind kleine Depots angelegt mit Handtüchern, Wasser­flaschen, Rationen von „Seven OceanS® Emergency drinking water“, Feuerzeugen, Watte­büscheln, Teelöffeln, Amuchina® Desinfektionsmittel­flaschen, Vaseline-Bottichen, Seifenstücken, Zwillen­arsenalen mit Munition, Feuerwehr­schläuchen, Springerstiefeln und anderem Schuhwerk, Musik­instrumenten, schwarzen Matrazen.

Materialdepot, Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Foto: jvf. Rechte: vorbehalten wg. Rechte Deutscher Pavillon 2017, der Künstlerin
Materialdepot, Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Foto: jvf. Rechte: vorbehalten wg. Rechte Deutscher Pavillon 2017, der Künstlerin.

Schwer zu sagen, welche Art von Stadtguerilla oder jungen Büro­kaufleuten sich hier eingerichtet hat, auf den Aufstand wartet oder um ein Leben kämpft.

Die zehn Performer sind mehrheitlich in Schwarz gekleidet, mit Hoodies ausgestattet, jung, eher dürr, teils sehr blass oder blass gepudert, sehen so aus, wie die 20-30-Jährigen in Großstädten heute so aussehen, glaube ich.

Der Blick ist oft entrückt, unfokussiert verloren oder entrückt entschlossen mit einiger Aggressivität, mitunter fixieren die Blicke das Publikum. Möglicherweise ist das Temperament der Figuren dem der Google-Dobermänner nicht unähnlich.

In der Langfassung ist Anne Imhof im Pavillon unterwegs, gibt per WhatsApp-Chat Anweisungen an die Performer. Vermutlich gleicht keine dieser Performances der anderen.

Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin
Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin.

Manchmal lässt sie ihre Performer die gläsernen Plattformen besteigen, da verharren sie dann regungslos wie Statuen, die den Raum in der Vertikalen besetzen. Ganz oben rotten sich drei zusammen und zerteilen gerupftes Geflügel.

Unter dem Glas werden Feuerspuren gelegt oder man kauert teilnahmslos wartend, oder in rot und schwarz werden Parolen an die Wand geschrieben, die man nicht entziffern kann.

Idyllen der Löffelstellung, die Faust gegen die Glasplatte

Dann treffen sich zweidrei, die Hand wird in die Hose geschoben, es hat auch Idyllen der Zweisamkeit, ruhend in Löffel­stellung. Dann wieder stilisiert brutale Zweikämpfe, das Gesicht der Unter­legenen wird gegen die Glasplatte gedrückt oder man stellt sich auf den Rücken des Besiegten.

Josh Johnson in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin
Josh Johnson in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin.

Die Aktionen finden unter- und oberhalb der Glasfläche statt. Unterhalb eher die auto­aggressiven oder erotischen Aktionen und vergeblichen Ausbruchs­versuche, die titelgebende Faust wird gegen die Glasplatte gepresst. Oberhalb die aggressiven, raum­greifenden Sequenzen.

Das Publikum wird bei Bedarf sanft oder mit einiger Rotzigkeit beiseite geschoben. Gerade wenn zum Kollektiv vereint, nehmen sich die Figuren den Platz, den es braucht in diesem sehr sterilen Raum.

Dazu gibt es einen mächtigen Soundtrack aus sehr emotionalem, grungeartigem Gesang (man versteht kein Wort, das muss wohl so), dann einer extrem dröhnend übersteuerter E-Gitarre, die die Glasplatten zum Vibrieren bringt, Schlagwerk, Bläser und Synthies, dann rituell anmutenden, insistierenden Gesängen, die sich zu Grunzen und Schreien zuspitzen.

Die Enzyklopädie der Möglichkeiten

Das macht insgesamt einen überwältigenden Eindruck, insbesondere wenn man sich auf die lange Strecke einlässt – und ich sehe viele Zuschauer, die mehrere Stunden aushalten.

Die Jury der Biennale hat die Auszeichnung des deutschen Beitrags mit dem Goldenen Löwen begründet mit dem Hinweis, das sei „eine mächtige und verstörende Installation, die dringliche Fragen zu unserer Zeit stelle. Sie treibt den Zuschauer in einen Zustand der Beklemmung.“ Ich weiß nicht, ob „verstörend“ oder „Beklemmung“ es wirklich trifft, „ergreifend“ ist vielleicht besser.

Jedenfalls hat man kaum Lust, diese viel­schichtige Performance auf den Begriff zu bringen, das Ding interpretierend still zu stellen. Sicher, die Glasmetapher legt nahe, dass es um die totale Transparenz geht, die Performance eine Art sinnliche Enzyklopädie der Möglichkeiten des Körpers und menschlicher Beziehungen unter den Bedingungen einer totalitären Öffent­lichkeit entwirft. So in etwa.

Josh Johnson in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin
Josh Johnson in Anne Imhof, 'Faust', 2017. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. © Fotografie: Nadine Fraczkowski. Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin.

Wir versuchen – auf der Biennale und in dieser Performance noch exzessiver als anderswo – mit den Smartphones bewaffnet, Fotos und Videos schießend, die Kunst auf Distanz zu halten. Diese Mediatisierung will aber hier nicht recht funktionieren, weil sie einkalkuliert ist, genauer: Teil der komplexen, wortlosen Kommunikations­verhältnisse zwischen Publikum und Performance wird.

Imhof hat in ihrer Dankesrede bei der Austeilung des Löwens vom Smartphone abgelesen:

Meine Arbeit wird im deutschen Pavillon gezeigt. Sie gibt einen sehr transparenten Blick frei auf die Vergangenheit. Aber für mich steht sie als ein Bild gegen das, was wir mit dieser Vergangenheit verbinden. Sie steht für die Zukunft, für die Anmut der Gedanken, für das Recht anders zu sein, für nicht-konforme Geschlechts­identitäten und für den Stolz, eine Frau zu sein in dieser Welt. Offen­sichtlich müssen wir in dieser Zukunft Entscheidungen treffen. Und immer mehr müssen wir uns klar werden, wozu wir Ja sagen und wozu wir Nein sagen, wofür wir einstehen – und wissen, wann wir unsere Faust erheben müssen.

Anne Imhof und die Goldenen Löwen

Anne Imhof, geboren 1978 in Gießen, hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert und, bis 2012, an der Städelschule in Frankfurt. Ihr Werk umfasst Zeichnungen, Malerei, Videokunst, Musik sowie installative und vor allem performative Arbeiten. 2015 erhielt sie den Preis der National­galerie für junge Kunst.

Es ist bereits das vierte Mal, dass der deutsche Pavillon mit dem Preis der Biennale Venedig als bester nationaler Beitrag ausgezeichnet wurde. Entsprechende Goldene Löwen werden seit 1986 auf der Kunstbiennale ausgeteilt. Der deutsche Pavillon wurde 1993 (Hans Haacke / Nam June Paik), 2001 (Gregor Schneider) und 2011 (Christoph Schlingensief) mit dem renommierten Stehrumchen bedacht.

Praktische Hinweise

Obacht!: Vernünftiger­weise werden nur rund 150 Zuschauer gleichzeitig in den Pavillon eingelassen (das ist eher noch zu viel), und das Interesse ist gewiss an vielen Tagen weitaus größer. Insbesondere an Wochenenden muss man auf Wartezeiten gefasst sein. Es lohnt sich.

Die volle, mehrstündige Performance-Strecke ist nur an wenigen Wochen­enden während der Biennale zu sehen. An anderen Tagen gibt es eine Kurzfassung („Tägliche Routine“). Zur Qualität dieser Kurzfassung kann ich nichts sagen. Die Webseite des Deutschen Pavillons informiert über Termine und Anfangszeiten (es kann mitunter auch kurzfristige Verschiebungen geben, vorher bitte informieren). Ein Besuch des Pavillons zu Zeiten ohne Performance ist möglich, aber weitestgehend sinnlos.

Anne Imhof: Faust. K: Susanne Pfeffer. Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 13. Mai – 26. November 2017 [Beschriebene Performance: 20. Mai 2017].

Kommentieren