Alexa und die Lyrik im digitalen Zeitalter

„Alexa! Lies mir ein Gedicht!“

Ich übe mit „Alexa“ schon mal ein paar Gedichte ein, während in der jüngsten Ausgabe von „Lettre International“ Dorothea Franck erklärt, warum wir auch im digitalen Zeitalter noch Lyrik brauchen.

Amazon Echo Dot. Foto: jvf

„Brauchen wir noch Gedichte im digitalen Zeitalter? Tragen sie noch etwas zum Selbstverständnis der Gattung bei?“ Das war die etwas puschige Preisfrage, mit der die Klaus-und-Renate-Heinrich-Stiftung 2015 ihren 2. Essaywettbewerb ausgelobt hatte.

Das durchaus magere Preisgeld von 3.000 Euro hat die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Dorothea Franck mitgenommen. Die – wie immer fast uneingeschränkt empfehlenswerte – Lettre International bringt ihren Text jetzt im Frühjahrsheft 2017.

Mir hätte es gefallen, wenn der ausgezeichnete Essay – vielleicht, mag sein, wider bessere Einsicht – mit dem schlichten Wörtchen „Nö“ begonnen und geendet hätte – und sei es nur, um der Frage ein Schnippchen zu schlagen.

Aber Franck nimmt die Frage ernst und bringt mit einiger Leidenschaft die „sinnliche Intelligenz“ der Poesie gegen die „diskrete Intelligenz“ des Digitalen in Stellung.

Mitunter trägt es ihre Argumentation ein wenig aus der Kurve, so wenn Franck neoromantische Klischees vom Dichter ins Spiel bringt („Das Entstehen des Gedichts ist auch dem Dichter ein Räsel“), oder wenn sie ein eher naives Zerrbild „des Digitalen“ entwirft:

Jede Zeit kennt ihre eigene Dürftigkeit. Das Dürftige unserer Zeit ist das Überwiegen des Digitalen. Das Digitale ist das Extrem des Diskreten: das Unterschiedene, Entschiedene, das Reproduzierbare, das Vereinfachte, Null oder Eins.

In Wahrheit ist ja vielmehr die vereinfachende, sehr unterkomplexe Sicht traditionalistischer Eliten auf das digitale Zeitalter ein wesentliches Symptom der Dürftigkeit unserer Zeit.

Poesie ist Präzisionsarbeit

Und wollte man kleinlich sein, könnte man darauf verweisen, dass Franck Wittgensteins Gassenhauer zitiert, den 7. Hauptsatz aus dem Tractatus, in der Form: „Worüber man nicht reden kann, davon muß man schweigen“. Ich kenne das als „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.

Im Vorwort des Tractatus schreibt Wittgenstein zwar schwächer von „reden“ statt „sprechen“, aber auch dort in der Abfolge wovon nicht reden – darüber schweigen.

Über etwas schweigen ist aber etwas anderes als von etwas schweigen. Vertauscht man das, ist ja die ganze Pointe versaut. Poesie ist Präzisionsarbeit.

Gleichviel. Da, wo Franck weniger über das Digitale, mehr von Lyrik spricht, ist ihr Versuch sehr lesenswert: „Es gibt einen Zustand, den ich den poetischen nenne. Er ist eine Form des Glücks.“

Die Poetik des Glücks

Als alter Glücksucher spiele ich seit einigen Wochen mit Echo Dot, genauer mit Alexa, dem „Voice Service“ von Amazons formschöner Offensive, die das Einkaufs- und Unterhaltungsparadis des Onlinehändler weiter im Wohnzimmer verankert. Seit Februar 2017 ist das Ding am deutschen Markt erhältlich.

Die Spracheingabe wie die Sprachausgabe ist noch etwas dürftig, aber man ahnt, es wird nicht viele Jahre dauern, bis Apparaturen und Rechner nur noch im Spezialfall nicht über Sprachsteuerung angesprochen werden wollen und ihre Standardausgabe audiovisuell ist.

Das Ding kommt zunächst mit einem recht beschränkten Satz an Funktionalitäten ins Heim. Lyrikkompetenz gehört nicht dazu. Amazon wirbt massiv um Entwickler, die sogenannte „Skills“ erstellen, also Funktionserweiterungen, die man (zur Zeit) kostenfrei hinzubuchen kann.

Das Zeug ist mit Beispielanwendung und Tutorials so gut dokumentiert, dass auch wenig versierte Programmierer, ggf. Laien, Skills erstellen können. Der (Web-)Service, der Echo und Alexa die Fähigkeiten bereit stellt, kann – das nimmt nicht Wunder – sehr leicht in die Amazon Cloud (AWS – amazon web services) gestellt werden. Obacht! Ab mehr als 1 Million Abrufe wird das kostenpflichtig – bei Lyrik wohl keine ernste Gefahr.

Die Gedichte also?

Ich vermute, dass die sachliche Sinnlichkeit Alexas bei Else Lasker-Schülers Ein Liebeslied nicht wirklich der sinnlichen Intelligenz entspricht, auf die sich Francke beruft – „Immortellen“ ist aber auch für menschliche Vorleser ein schwieriges Wort.

Angesichts Georg Trakls In den Nachmittag geflüstert könnten weniger technikaffine Zeitgenossen von Versagen sprechen ([zɛ⁠k] meint im Übrigen „zag“).

Andererseits ist die nachrichtliche Nüchternheit des Vortrags von Jakob van HoddisWeltende von einigem Charme.

Und Heines Loreley? Es mag die schönste Jungfrau selber sein, die das liest. Mitleid mit dem Schiffer im kleinen Schiffe hat sie nicht. Aber war der nicht schon immer selber schuld?

Einige Beispiele zum Nachhören. Nicht verwirren lassen, der Aktivierungsname ist bei mir – wie bei jedem Trekkie – nicht „Alexa!“, sondern naturgemäß „Computer!“:

Um Enttäuschungen vorzubeugen: Der Skill ist bislang noch nicht öffentlich verfügbar. Ich kämpfe noch mit dem Versuch, Alexa bei schwierigen Wörtern mit IPA – dem Internationalen Phonetischen Alphabet – und SSML – Speech Synthesis Markup Language – zu einem besserem Verständnis zu helfen.

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